Vorreiter bei Fairtrade

Weltladen in Celler Altstadt bangt um Existenz

Fairtrade wird 30 Jahre alt. Der Celler Weltladen ist ein Vorreiter für den Verkauf fairer Produkte. Doch nun gibt es massive Probleme.
  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 31. Juli 2022 | 13:00 Uhr
  • 31. Juli 2022
  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 31. Juli 2022 | 13:00 Uhr
  • 31. Juli 2022
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Celle.

Seit nun mehr 30 Jahren gibt es in Deutschland den Fairtrade-Verein. Fairtrade selbst ist kein Handelsunternehmen, sondern fördert lediglich den Verkauf fair gehandelter Waren über ein zertifiziertes Siegel. Produzenten – vorwiegend aus Entwicklungs- und Schwellenländern in Latein-Amerika, Afrika und Asien – erhalten von den teilnehmenden Handelsunternehmen einen garantierten Mindestpreis sowie eine zusätzliche Prämie. Vorreiter für den Handel mit Fairtrade-Produkten in Celle ist der Weltladen. Und der schlägt nun Alarm.

Umsätze im Celler Weltladen gehen stark zurück

„Unsere Umsätze gehen zurück“, sagt Vorstandsmitglied Manfred Pflaum. „Das liegt nicht daran, dass es den Cellern nicht mehr so wichtig ist, fair gehandelte Produkte zu kaufen, oder das die Produktvielfalt zu klein ist. Im Gegenteil. Aber wir haben schon Kunden gehabt, die uns erzählten, dass sie es sich aktuell einfach nicht mehr leisten können und irgendwo zwangsläufig Abstriche machen müssen.“

Corona war großer Rückschlag

Dabei lief es zunächst gut. Vor rund vier Jahren bezog der Weltladen sein neues Quartier an der Ecke Bergstraße/Südwall. „Vorher war der Laden von der Straße aus nicht einsehbar im Hinterhof gelegen. Als wir dann plötzlich sogar Schaufenster hatten, haben sich unsere Umsätze um gut 20 Prozent gesteigert“, erinnert sich Pflaum. Dann kam allerdings Corona. „Das hat uns wieder zurückgeworfen, auch wenn wir offen bleiben konnten, weil wir hauptsächlich Lebensmittel verkaufen.“

Hinter allen Fairtrade-Produkten steht eine Geschichte

Generell habe man schon seit langem Schwierigkeiten, ehrenamtliche Mitarbeiter zu finden. „Wir haben immer mal ein paar Neue, aber allein die Einarbeitung kostet oft viel Zeit. Wer im Verkauf mithelfen möchte, muss auch die Geschichten hinter den einzelnen Fairtrade-Produkten kennen“, sagt Brigitte Nieberlein, die ebenfalls zum Vorstand des Vereins gehört. „Bei der ‚Fairafric‘-Schokolade, die wir hier verkaufen, ist es zum Beispiel so, dass das Endprodukt komplett im Ursprungsland hergestellt wird. Vom Einpflanzen der Kakaobohne bis hin zur Verpackung der Tafel Schokolade passiert alles in Ghana. Dadurch entstehen Arbeitsplätze, was für die Entwicklung des Landes sehr wichtig ist.“

Weltladen muss wegen Sanierung ausziehen

Doch nicht nur fehlende Umsätze und Mitarbeiter sind das Problem. Im Rahmen einer umfangreichen Sanierung des Gebäudes muss der Weltladen raus. „Wir stehen mit dem Rücken an der Wand. Wir haben hier eine tolle Lage und eine sehr, sehr faire Pacht. An einem neuen Standort wird das anders aussehen. Um eine höhere Pacht zu stemmen, müssten wir unseren Umsatz deutlich steigern. Irgendwann muss man dann auch einfach schauen, was noch wirtschaftlich machbar ist.“ Im schlimmsten Fall müsse man den Weltladen eine Weile lang dicht machen, um hinter den Kulissen an einem soliden Comeback zu arbeiten.

Celle will Fairtrade-Stadt werden

Während der Weltladen also um seine Zukunft bangt, will die Stadt Celle schon bald offiziell eine Fairtrade-Town sein. Das hat der Stadtrat Anfang Juli mit einer knappen Mehrheit beschlossen. Die Kriterien, um diesen Titel zu erhalten, sind vielseitig. Unter anderem müssen in den lokalen Einzelhandelsgeschäften und bei Floristen sowie in Cafés und Restaurants mindestens zwei Produkte aus fairem Handel angeboten werden. Wie viele Einzelhandelsgeschäfte und Gastronomiebetriebe daran teilnehmen müssen, um dieses Kriterium zu erfüllen, ist von der Einwohnerzahl abhängig. Bei rund 70.000 Einwohnern müssten in Celle rein rechnerisch unter anderem mindestens 14 Geschäfte und sieben Gastronomiebetriebe mitmachen. Deutschlandweit gibt es insgesamt bislang 800 zertifizierte Fairtrade-Towns.