Vorfall zwischen zwei Menschen mit Beeinträchtigung

Sexuelle Nötigung: Waren die Berührungen einvernehmlich?

Ging es bei dem Treffen der beiden beeinträchtigten Menschen um sexuelle Nötigung? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Schöffengericht am Amtsgericht Celle.

  • Von Günther Borchers
  • 23. Nov. 2022 | 14:00 Uhr
  • 23. Nov. 2022
  • Von Günther Borchers
  • 23. Nov. 2022 | 14:00 Uhr
  • 23. Nov. 2022
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Celle.

Mit einem etwas ungewöhnlichen Fall der Rechtsprechung musste sich jetzt das Schöffengericht am Amtsgericht Celle befassen. Denn sowohl der Angeklagte als auch das Opfer, eine 25-jährige Frau, sind Menschen mit Behinderung. Beide werden durch eine Einrichtung in Celle betreut. Der Angeklagte wohnt dort im Wohnheim, während die junge Frau täglich nach Hause gefahren wird. Und beide arbeiten in einer Werkstatt dieser Einrichtung. Ging es bei dem Treffen der beiden tatsächlich um sexuelle Nötigung, wie in der Anklageschrift beschrieben?

Vorfall zwischen zwei Menschen mit Beeinträchtigung beschäftigt Celler Gericht

Das Gericht hatte zur Aufklärung des Falls zwei Gutachter sowie neun Zeugen geladen. Der ursprünglich angesetzten zwei Verhandlungstage wurde nach Ende der zweiten Prozessrunde auf vier erhöht, auch weil eine Zeugin wegen Krankheit ausfiel. Die Vorsitzende Richterin ging während der Beweisaufnahme sehr akribisch, aber auch verständnisvoll und sensibel vor, zumal die junge Frau in Aussprache und Denkvermögen stark eingeschränkt war.

Tochter erleidet epileptischen Anfall

Zunächst hatte die Mutter der Frau als erste Zeugin das Wort. Sie schilderte den Tag des Vorfalls im Januar des vergangenen Jahres, sie konnte sich noch gut erinnern. Ihren Angaben nach erhielt sie von der Behinderteneinrichtung einen Anruf, dass ihre Tochter einen epileptischen Anfall hatte. Der sei der Schilderung nach nicht so schlimm gewesen und die Tochter werde zur gewohnten Zeit nach Hause gefahren. „Das haben wir so vereinbart. Falls mein Kind mal einen Anfall hat, werde ich sofort benachrichtigt. Allerdings ist mir dann, als meine Tochter nach Hause kam, sofort aufgefallen, dass sie eine andere Hose trug als morgens.“

Beim Angeklagten in der Wohnung

Sie befragte ihre Tochter und so kam heraus, dass sie bei dem Angeklagten in der Wohnung war und dass dieser sie aufgefordert hätte, sich auszuziehen. Sie sollte dafür auch Geld bekommen. Der Angeklagte wollte „mit ihr Sex machen“ – so der Wortlaut der Tochter. Aber sie wollte nicht und habe das auch mehrfach so gesagt. „Aufgrund meiner Nachfrage erzählte sie dann auch, dass der Beschuldigte ihre Intimbereiche berührte und unter ihrem BH fummelte. Das erklärte dann auch aus meiner Sicht, warum meine Tochter mit einer anderen Hose nach Hause kam“, so die Erklärung der Mutter vor Gericht.

Tochter vor Gericht: Wollte keinen Sex

Danach kam dann die junge Frau selbst zu Wort. Aufgrund ihrer Behinderung war sie nur schwer zu verstehen. Aber die Richterin hörte geduldig zu und erhielt auch Antworten auf ihre Fragen. Die junge Frau bestätigte auch noch einmal, dass sie dem Angeklagten klar zu verstehen gab, dass sie „keinen Sex mit ihm“ wolle.

Angeklagter streitet sexuelle Nötigung ab

Dies jedoch bezweifelt der Verteidiger des Angeklagten. Immer wieder hat sein Mandant erklärt, dass es sich um ein einvernehmliches Treffen gehandelt habe. Schließlich sei die junge Frau erfahren auch im Sexualverhalten, denn sie habe jahrelang eine feste Beziehung gehabt. Auch die Betreuerin des Angeklagten, die als Zeugin aussagte, erklärte, dass er aufgrund ihrer Fragen sexuelle Nötigung gegen den Willen der Frau abgestritten habe.

Urteil wird Mitte Dezember erwartet

Der Gutachter der Polizei Hannover hat in seinen Erläuterungen am zweiten Verhandlungstag bestätigt, dass keine eindeutigen Hinweise zum Beispiel durch DNA-Spuren vorliegen. Das Urteil wird Mitte Dezember erwartet.