Vorbildprojekt für Klimaschutz

So will die Celler Allerland alte Gebäude energetisch sanieren

Wie sollen Gasetagenheizungen klimafreundlich saniert werden? Vor dieser Frage steht die gesamte deutsche Wohnungswirtschaft. Die Celler Allerland hat dazu in der Rostocker Straße ein Pilotprojekt gestartet.

  • Von Gunther Meinrenken
  • 02. Dez. 2022 | 17:00 Uhr
  • 05. Dez. 2022
Mit der Sanierung der Rostocker Straße 2-6 möchte die Celler Allerland ein wegweisendes Konzept umsetzen, mit dem Gasetagenheizungen in eine klimafreundliche Zukunft transferiert werden können.
  • Von Gunther Meinrenken
  • 02. Dez. 2022 | 17:00 Uhr
  • 05. Dez. 2022
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Celle.

Bei Neubauten auf Klimaneutralität zu achten, ist längst kein großes Kunststück mehr. Die Allerland Immobilien GmbH hat dies längst zum Beispiel an der Wittinger Straße bewiesen, an der insgesamt fünf Wohnblöcke mit insgesamt 90 Wohneinheiten über Geothermie und Photovoltaik versorgt werden. Deutlich problematischer gestaltet sich der Klimaschutz hingegen bei den Bestandsimmobilien der städtischen Tochter.

Wohnungswirtschaft blickt auf Celle

Viele Gebäude sind deutlich in die Jahre gekommen, haben teilweise noch Öl-, in der Regel allerdings Gasheizungen. Am Birnbaumweg wurden unlängst die ersten Häuser energetisch saniert, jetzt möchte die Allerland am Objekt Rostocker Straße 2-6 vorexerzieren, wie auch Immobilien mit Gasetagenheizungen für die Zukunft umgerüstet werden können. Das Pilotprojekt könnte Vorbildcharakter für die gesamte Wohnungswirtschaft in Deutschland haben.

"Allein durch die Fassadendämmung mit einem 160 Millimeter dicken Vollwärmeschutz verringern wir den CO2-Ausstoß um 50 Prozent."

Rafael Wiglenda, Prokurist Allerland

Celler Allerland will Klimaziele erreichen

"Für die Abrechnung des Energieverbrauchs sind Gasetagenheizungen super, für das Klima sind sie schlecht, da wir nicht eine zentrale Heizungsanlage in den Gebäuden haben. So gesehen sind sie ein Fluch für die Wohnungswirtschaft im Hinblick auf die erforderlichen CO2-Einsparungen", sagt Rafael Wiglenda, Bereichsleiter Technisches Immobilienmanagement bei der Allerland. Dennoch haben er und sein Kollege Alexander Kreipe vom Baumanagement "jede Menge Wissen zusammengetragen" und jetzt einen Weg gefunden, "um die dezentrale Gasetagenheizung ins 21. Jahrhundert zu überführen und die Klimaziele für 2045 zu erreichen".

An der Rückseite des Wohnblocks haben die Arbeiten für die Außenbalkone begonnen.

Fassadendämmung verringert CO2-Ausstoß

Die Rostocker Straße 2-6 umfasst 18 Wohneinheiten mit einer vermietbaren Fläche von 1800 Quadratmetern. Gefördert wird es nach dem KfW-Effizienzhaus 100, "aber wir werden sogar den Standard 55 schaffen", sagt Wiglenda. Gelingen soll dies mit dreifachverglasten Fenstern, dem Austausch der Türen und der kompletten Dämmung der Fassade. "Allein durch die Fassadendämmung mit einem 160 Millimeter dicken Vollwärmeschutz verringern wir den CO2-Ausstoß um 50 Prozent", erklärt der Prokurist der Allerland. Weil es durch die Dämmung zu Problemen mit der Luftfeuchtigkeit kommen kann, wird jede Wohnung mit einer dezentralen Lüftungsanlage ausgestattet. "Ab einer Luftfeuchtigkeit von etwa 70 Prozent springt die Anlage von alleine an", so Wiglenda. So soll der Bildung von Schimmel entgegengewirkt werden.

Rafael Wiglenda, Prokurist Allerland: ""Das ist ein Problem, das die Politik dringend angehen muss. Es würde der Wohnungswirtschaft große Erleichterungen für die Sanierungsprojekte verschaffen, wenn das anders geregelt werden würde."

Allerland darf keinen Strom liefern

Zusätzlich wird auch die Kellerdecke gedämmt. Die Balkone werden weggerissen und durch Vorstellbalkone ersetzt. "Dadurch reduzieren wir die Wärmebrücken", sagt Wiglenda. Auf dem Dach des Wohnkomplexes aus dem Jahr 1962 wird eine PV-Anlage installiert mit einer Leistung von 40 Kilowatt/peak. Daraus speist sich der Strom, der für die vier außen angebrachten Luftwärmepumpen benötigt wird. Ebenfalls versorgt die Solaranlage auch die Lüftungsanlagen.

Kooperation mit Celler Stadtwerken angedacht

Die Mieter können den Strom privat allerdings nicht nutzen. Die Allerland ist kein Energieversorger und darf nicht liefern. "Das ist ein Problem, das die Politik dringend angehen muss. Es würde der Wohnungswirtschaft große Erleichterungen für die Sanierungsprojekte verschaffen, wenn das anders geregelt werden würde. Wir sind aber mit den Celler Stadtwerken im Gespräch, wie man hier kooperieren könnte."

Verzicht auf fossile Brennstoffe

Der Clou besteht darin, dass im Keller ein zentraler Quellpufferspeicher aufgestellt wird. "Über die Außenpumpen wird hier das Wasser konstant auf einer Temperatur von 20 Grad gehalten. Zudem wird auch der Heizstab des Speichers über die PV-Anlage bedient", erläutert Wiglenda. In den Wohnungen selbst werden auch noch einmal je Einheit eine kleinere Wärmepumpe aufgestellt. "Die ist in etwa so groß wie ein Kühlschrank", so die Beschreibung des Sanierungsexperten. Über diese Wärmepumpen in den Wohnungen können die Mieter dann ihre Wunschtemperatur einstellen. Am Ende läuft die Heizung komplett ohne Gas. Und das bedeutet gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen auf dem Energiemarkt verlässliche Preise und Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen.

Mieter können nicht gezwungen werden

So weit, so gut und so genial. Doch jetzt kommt die Krux: "Nicht jeder Mieter möchte das und wir haben keine Möglichkeit, das zu erzwingen. Die Mieter müssen uns nicht in ihre Wohnungen lassen", beschreibt Wiglenda die Problematik. Konkret für die Rostocker Straße bedeutet das: Von den 18 Wohneinheiten stehen vier leer, die werden saniert. Sechs weitere Mieter sind bei der Modernisierung dabei, erhalten dabei auch je nach Wunsch zum Beispiel neue Bäder. Aber acht Parteien haben der Sanierung in der Wohnung nicht zugestimmt.

Bei der energetischen Vollsanierung der Wohnungen erhalten die Mieter auch ein neues, modernes Badezimmer.

Fenster werden an einem Tag ausgetauscht

"Das ist ein übliches Phänomen, das es auch in anderen Städten gibt. Ein leeres Haus werden sie nie haben", sagt Wiglenda. Dabei gehe die Allerland möglichst mieterfreundlich vor. "Wenn wir zum Beispiel die Fenster austauschen, wird das an einem Tag erledigt, um die Beeinträchtigung für die Mieter möglichst gering zu halten. Uns ist klar, dass Dauerbaustellen in der eigenen Wohnung eine große Belastung darstellen."

"Im besten Fall sind wir noch vor Weihnachten fertig. Bei der Anlagentechnik wird es voraussichtlich noch bis in den März dauern."

Rafael Wiglenda, Prokurist Allerland

Sanierung möglichst mieterfreundlich

Die Allerland hat sich allerdings darauf eingerichtet. So werden die neuen Elektrostränge in die neue Fassadendämmung eingelassen und vom Keller in die oberen Stockwerke geführt. Weiterer Punkt: Die Löcher für die Zuleitung der Lüftungsanlagen darf die Allerland für jede Wohnung von außen bohren, bei den Wohneinheiten, deren Mieter keine energetische Vollsanierung wünschen, wird einfach nicht durchgebohrt, sondern die Wärmepumpe mit den benötigten Leitungen erst gesetzt, wenn die Wohnung einmal frei werden sollte. Dann werden auch die anderen energetischen Maßnahmen umgesetzt. "Lüftungsgeräte müssen gesetzt werden, da sonst Schimmel droht. Durchgebohrt wird aber grundsätzlich erst, wenn der Lüfter dann auch eingebaut wird, um den entstehenden Staub auf einen minimalen Zeitraum zu begrenzen", erklärt Wiglenda.

Allerland investiert 1,4 Millionen Euro

"Für uns ist das ein Pilotprojekt für die Sanierung dezentraler Heizungssystem", ist Wiglenda begeistert. Seit August läuft die Modernisierung. "Im besten Fall sind wir noch vor Weihnachten fertig. Bei der Anlagentechnik wird es voraussichtlich noch bis in den März dauern", kündigt Wiglenda an. Insgesamt investiert die Allerland 1,4 Millionen Euro in das Pilotprojekt, die nächsten Vorhaben stehen schon auf der Liste. Auch die Rostocker Straße 41 und 41B sowie die Welfenallee 60/62 mit zusammen 38 Wohneinheiten sollen auf diese Weise energetisch in die Zukunft geführt werden. Kostenpunkt: insgesamt 1,6 Millionen Euro. Nächstes Jahr soll es losgehen.