Kanadagans und Co.

Tiere und Pflanzen aus anderen Kontinenten im Landkreis Celle

Durch Reisen und Handel zu uns gebracht: Manche Arten fügen sich in die heimische Natur wunderbar ein.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 24. Sept. 2022 | 15:00 Uhr
  • 24. Sept. 2022
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Celle.

Wir müssen nicht in ferne Länder reisen, in Tierparks oder Botanische Gärten gehen, um Tiere und Pflanzen aus anderen Teilen der Erde zu sehen. Bei uns in der Natur wachsen, blühen, schwimmen, laufen, fliegen und krabbeln viele Tier- und Pflanzenarten, deren Heimat eigentlich auf anderen Kontinenten liegt. Sie wurden durch Reisen und Handel zu uns gebracht. Absichtlich als Zierpflanze, wie das Drüsige Springkraut oder die Vielblättrige Lupine. Als neues Nahrungsmittel, wie Kartoffel, Mais und Tomate, oder für Tiergärten und Pelztierfarmen, wie Waschbär und Nutria.

Irgendwann verließen die Samen, durch Wind und Vögel verbreitet, die Gärten und versuchten die Landschaft zu erobern. Tiere brachen aus Käfigen aus und suchten sich neue Lebensräume. Aber auch von den Menschen unbemerkt machten sich manche Arten auf den Weg nach Mitteleuropa. Sie reisten auf Schiffen als blinde Passagiere. Zwischen Gepäckstücken und in Kleidung waren Samen, Insekten und kleine Säugetiere versteckt, die dann versuchten, in der neuen Heimat Fuß zu fassen.

Zirka 60 Arten sind invasiv

Als Neophyten (Pflanzen) und Neozoen (Tiere) versteht man Arten, die nach 1492 (Entdeckung Amerikas durch Kolumbus) durch menschliche Handlungen bei uns eingeführt wurden. Manche Arten können hier nicht überleben und sterben wieder aus, andere fügen sich in die heimische Natur ein, ohne Schaden anzurichten. In Deutschland haben sich seitdem rund 400 Pflanzen- und 300 Tierarten etabliert. Davon sind zirka 60 Arten invasiv, das bedeutet, dass sie eine Gefahr für einheimische Arten und Lebensräume darstellen.

An der Aller und ihren Nebenflüssen finden wir gleich mehrere eingebürgerte Arten. Kanada- und Nilgänse sind hier oft auch in größerer Anzahl zu sehen. Man erkennt schon am Namen ihre Herkunft. Die Nilgans wird in der Liste der Europäischen Kommission als invasive Art geführt. Es wird befürchtet, dass die während der Brutzeit als sehr aggressiv geltende Gans einheimische Enten und Gänse verdrängt. Ob das in der Form zutrifft, ist strittig. Ebenfalls als invasiv gilt die Nutria. Das südamerikanische Nagetier ist bei uns weitverbreitet und auch aus dem Schlosspark in Celle bekannt. Erwachsene Nutrias haben kaum natürliche Feinde und gefährden durch ihre umfangreichen Grabtätigkeiten Deiche und Uferbefestigungen.

Schmuckschildkröten sind keine reinen Pflanzenfresser

Nicht so häufig bei uns sind Wasserschildkröten. Die einheimische Europäische Sumpfschildkröte ist vom Aussterben bedroht. Wenn wir an Gewässern im Landkreis Celle Schildkröten sehen, handelt es sich um ausgesetzte Schmuckschildkröten aus Amerika. Gern sonnen sie sich auf Steinen und Ästen im Wasser. Es gibt mehrere Arten. Sie können bis zu 30 Zentimeter groß werden. Es sind keine reinen Pflanzenfresser und sie sind daher eine große Gefahr für den Nachwuchs von gefährdeten Libellen- und Amphibienarten.

In Ufernähe und auch an Entwässerungsgräben wächst an vielen Stellen im Landkreis das aus Asien stammende Drüsige Springkraut. Wegen der schönen weißen bis purpurroten Blüten wurde es schon 1839 in England angepflanzt. Nach wenigen Jahren wurden die ersten Pflanzen außerhalb der Gärten gefunden. Begünstigt wird die schnelle Ausbreitung der Pflanze durch einen Schleudermechanismus der Früchte, der die Samen bis zu sieben Meter weit verbreitet. Das schnell wachsende Springkraut wird bis zu zwei Meter hoch, bildet dichte Bestände und kann einheimische Pflanzen verdrängen.

Für unsere Natur noch bedenklicher ist der ebenfalls aus Asien stammende Staudenknöterich. Es gibt auch hier mehrere Arten. Die Pflanze wurde 1825 in Europa eingeführt. Sie wird bis zu vier Meter hoch und kann dichte Bestände bilden, unter denen alle anderen Pflanzen absterben. Die Verbreitung erfolgt auch unterirdisch über Rhizome. Die Bekämpfung von Vorkommen ist aufwendig, da auch die unterirdischen Pflanzenteile entfernt, beziehungsweise am Wachsen gehindert werden müssen.

Heute in fast jedem Laub- und Mischwald zu finden

Kaum Probleme bereitet das Kleine Springkraut. Die gelb blühende Pflanze wird bis zu 60 Zentimeter hoch, stammt aus Asien und ist heute bei uns in fast jedem Laub- und Mischwald zu finden. An einem Waldrand oder auf einer Lichtung sehen wir vielleicht auch die schönen Blütenstände der Vielblättrigen Lupinen mit ihren bis zu 80 Einzelblüten. Diese Art ist heute einer unserer häufigsten Neophyten und wurde 1826 aus Nordamerika eingeführt. Mit Hilfe von Bakterien reichern Lupinen Stickstoff im Boden an und können damit einheimische Arten verdrängen, die auf nährstoffarme Böden angewiesen sind.

Die Eigenschaft, Stickstoff im Boden zu binden und ihn damit zu düngen, hat auch die Robinie. Ein bis zu 30 Meter hoher Baum, der im 17. Jahrhundert aus Nordamerika eingeführt wurde. Da sich an manchen ihrer Standorte die Artenvielfalt verringert, gilt auch sie als invasive Art. Etwas kleiner ist die ebenfalls aus Nordamerika stammende Spätblühende Traubenkirsche. Sie wächst als großer Busch in fast jeder Hecke. Besonders für Heidegebiete und Magerrasen ist sie eine Gefahr, da sie von Weidetieren kaum gefressen wird und für eine schnelle Verbuschung der Flächen sorgen.

An den Rändern von Autobahnen und Bundesstraßen blüht noch bis in den November das Schmalblättrige Greiskraut aus Südafrika. Die Früchte der indischen Scheinerdbeere sehen aus wie die unserer Walderdbeeren. Sie sind essbar, aber ohne Geschmack. Topinambur, mit Blüten wie kleine Sonnenblumen, stammt aus Amerika und wurde früher wegen der essbaren Knollen angebaut.

Auf Veränderungen einstellen

Es gibt noch viele Tier- und Pflanzenarten, bei denen man nicht gleich an die große weite Welt denkt, wenn man sie sieht. Und es werden mehr. Wir müssen uns hier auf Veränderungen durch den Klimawandel einstellen. Die neuen Arten kommen dann nicht nur per Schiff und Flugzeug von anderen Kontinenten, sondern breiten sich langsam von Südeuropa bei uns aus. Bessere Zeiten für Wiedehopf, Bienenfresser und wärmeliebende Insekten. Ob die Zeiten dann für uns und unsere einheimische Natur besser werden, ist eher zweifelhaft.

Von Rolf Jantz