Tatverdächtige verhaftet

Heiße Spur im Mordfall Wachmann Grohmann

So berichtete die CZ über einen angeblichen Einbruch in Winsen am 24. Januar 1980. Die Polizei machte verblüffende Entdeckungen, die im Zusammenhang mit dem "Blau-Gelb"- Mord am Wachmann Dietrich Grohmann stehen. 

  • Von Cellesche Zeitung
  • 24. Jan. 1980 | 13:22 Uhr
  • 08. Sept. 2022
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  • 24. Jan. 1980 | 13:22 Uhr
  • 08. Sept. 2022
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Celle.

Unter der Überschrift „Dreister, lukrativer Einbruch" berichtete die CZ am 8. Januar über einen angeblichen Einbruch in Winsen in der Zeit zwischen 7.30 und 8.30 Uhr in einem Haus in Winsen, im Neubaugebiet Kleines Neues Land. Der Besitzer war mit seinem Hund „Gassi" gegangen. In dieser Zeit hatten - angeblich - böse Räuber aus seinem Bungalow Teppiche, Schmuck und Bargeld In einem Wert von insgesamt 65 000 Mark gestohlen.

Angeblicher Einbruch macht Polizei stutzig

Bereits bei der Meldung dieses Einbruchs hegten Kripo-Beamte gewisse Zweifel – man ahnte den Versuch eines Versicherungsbetrugs. Bei ihren Recherchen stießen die Beamten auf etliche Ungereimtheiten. So stehen die Ausgaben des 34-Jährigen gelernten Damenschneiders R. in keinem Verhältnis zu seinen Ausgaben. Obwohl in ständig wechselnden Berufen tätig bzw. arbeitslos, zieht er mit Frau und Tochter 1978 von Berlin nach Winsen. Hier kauft er gegen bar Grundstücke, einen Bungalow und ein Nurdach-Wochenendhaus für mindestens eine halbe Million Mark, fährt Luxuslimousinen und macht keinen Hehl aus seinem flotten Lebenswandel.

Diebesgut, Waffen und Bargeld bei Hausdurchsuchung gefunden

Da sich der Verdacht auf Versicherungsbetrug erhärtet, nimmt die Polizei am 15. Januar eine Haussuchung vor und findet – sehr gut versteckt - das gesamte als gestohlen gemeldete Gut. R. behauptet, sein Geld in Berlin als Fluchthelfer und für seine Tätigkeit im Geheimdienst zu verdienen, doch bei einer entsprechenden Überprüfung in Berlin stellen sich auch diese Angaben als falsch heraus. R. und seine 31jährige Ehefrau werden am 16. Januar verhaftet, die Frau befindet sich inzwischen wieder auf freiem Fuß. Weitere intensive Recherchen der Celler Kripo gemeinsam mit der Berliner Kripo erhärten den Verdacht, daß R. enge Verbindungen zu einschlägigen Berliner Kreisen unterhält, die am 19. Dezember 1977 in der Bayerischen Hypothekenbank 1.7 Millionen Mark erbeuteten, die Hauptkasse des Kaufhauses Karstadt in Berlin-Steglitz am 28. Dezember 1978 um einer Million Mark beraubten und am 18. Dezember 1979 einen versuchten schweren Raub auf einen Geldtransporter in Berlin-Schöneberg in Tateinheit mit versuchtem Mord an Begleitpersonal und Polizeibeamte verübten.

Tathergang passt zur Vorgehen der "Hammer-Bande" in Berlin

Die gleiche „Handschrift" wie der Überfall auf den Geldtransport vor dem Einkaufszentrum Blau-Gelb in Celle am 26. Oktober des vergangenen Jahres, der dem 40jährigen Wachmann Dietrich Grohmann das Leben kostete.
Diese Erkenntnis läßt das 1. und das 4. Kommissariat verstärkt tätig werden. Am Montag. 21. Januar, also vorgestern, findet die zweite Hausdurchsuchung in Winsen statt, an der 20 Beamte der Schutzpolizei, Beamte für Kampfmittelbeseitigung und 18 Kripo-Beamte teilnehmen. Sie finden, vergraben auf dem Grundstück, zwei Maschinenpistolen, darunter eine erbeutete Dienstpistole der Berliner Polizei, Teile eines Maschinengewehres und eine Mauser-Pistole, alle Magazine gefüllt sowie reichlich 9-Millimeter- und 7,65-Milimeter-Munition, außerdem Aufzeichnungen über die Verbindungen zu den Festgenommenen in Berlin.

Celler Polizisten ermitteln in Berlin

Zwei Beamte der Celler „Mordkommission Grohmann", die ab sofort „Kommission R." heißt, gehen zwecks weiterer intensiver Ermittlungen nach Berlin, zwei Berliner Beamte kommen nach Celle. Die in fieberhafter Kleinarbeit gewonnenen Erkenntnisse, die auf den Fall Grohmann/Blau-Gelb schließen lassen, reichen der Staatsanwaltschaft aus, um Haftbefehle zu erwirken. Neben dem 43jährigen R. wird ein Komplize beim Grenzübergang Helmstedt/Marienborn und drei weitere Tatverdächtigte in Berlin festgenommen, alle im Alter zwischen 23 und 28 Jahre.

Pistole gleichen Kalibers auf Winser Grundstück gefunden

Die auf dem Grundstück in Winsen gefundene Pistole hat das gleiche Kaliber wie die Mordwaffe, aus der den Wachmann Grohmann die tödlichen Schüsse trafen. Das Bundeskriminalamt stellt zur Zeit noch ballistische Untersuchungen an, ob es sich tatsächlich um dieselbe Waffe handelt. Das Waldstück zwischen Winsen und Bannetze, in dem am frühen Morgen nach dem Überfall auf Blau-Gelb das Täterfahrzeig, ein graphitgrauer BMW 528 i mit dem amtlichen Kennzeichen H EU 666, gefunden wurde, liegt etwas drei Kilometer vom Bungalow des R. entfernt, zu Fuß also bequem zu erreichen.

Darum auch noch einmal die Frage der Kripo gezielt an die Bevölkerung aus dem Raum Winsen: Wem ist in der Zeit vom 20. bis 26. Oktober des vergangenen Jahres ein Wagen dieses Typs aufgefallen? Wer hat ihn konkret gesehen? Hinweise bitte an die Kriminalpolizei Celle. Telefon (05141) 21011, Apparat 216 oder 314, sowie an jede Polizeidienststelle.

Tatverdächtige schweigen zu den Vorwürfen

Noch hüllen sich die fünf Tatverdächtigen in Schweigen. Es war den leitenden Beamten, Kriminaldirekter Peter, Kriminalhauptkommissarin v. Franztzius, während der Pressekonferenz gestern Nachmittag jedoch anzumerken, daß sie mit dem Ergebnis der letzten Stunden recht zufrieden sind. Staatsanwältin Lüning von der Staatsanwaltschaft Lüneburg, Zweigstelle Celle, formuliert sehr vorsichtig, doch gab auch sie zu, daß mit der Verhaftung der fünf Männer „schwerwiegende Straftaten“ vor ihrer Aufklärung stehen. Mehr als 200 Stunden über die normale Arbeitszeit hinaus führte die „Mordkommission Grohmann“ der Kripo Celle Ermittlungen zur Klärung des Überfalls bei Blau-Gelb, ihre Berliner Kollegen verfolgten die Täter in ihrem Bereich. Diese gemeinsame Arbeit in enger Verbindung zur Staatsanwaltschaft, dazu die dumme Dreistigkeit des sich in Winsen sicher wähnenden R. scheint nun endlich Früchte zu tragen.

Der Text ist am 24. Januar 1980 im Original in der Celleschen Zeitung erschienen. Wir haben lediglich die gefetteten Zwischenzeilen hinzugefügt. 

Von Cellesche Zeitung