Täter brauchten Fluchtfahrzeug

22-jährige Taxifahrerin aus Celle wegen 7000 Mark brutal getötet

Sie sollte ihren Fahrgast vom Bahnhof in Celle nach Bremen bringen - doch dort kam die Taxifahrerin Petra H. nie an. Die 22-Jährige wurde ermordet, weil die Täter nach einem geplanten Bankraub ein Fluchtauto brauchten. Ihre Familie und Kollegen warteten fünf Jahre lang auf ein Urteil gegen ihre Mörder. 

  • Von Jana Wollenberg
  • 06. Jan. 2023
  • 07:59 Uhr
08. Jan. 2023
 
Celle.

Am Mittag des 21. Januar 1983 meldet sich die 22-jährige Petra H. bei der Taxizentrale in Celle ab: Ein Fahrgast hat sie gebeten, ihn vom Bahnhof zum Hafen in Bremen zu fahren. Als ihr Arbeitgeber sie und ihr Taxi am Abend als vermisst meldet, ist die junge Frau bereits tot. In Bremen ist sie nie angekommen. Die Männer, die sie ermorden, haben es auf ihr Fahrzeug abgesehen: Nachdem sie die Tote in einem Waldstück zurücklassen, überfallen sie eine Bank in Lindwedel im Heidekreis – und erbeuten 7230 D-Mark.

Bankräuber töten drei Menschen

Es beginnt eine lange Suche, die erst mit dem Gerichtsurteil am 5. Februar 1988, fünf Jahre später also, ein Ende findet. Zunächst nach Petra H., die nach ersten Erkenntnissen nicht mehr gesehen wurde, nachdem der Fahrgast am Taxistand vor dem Celler Bahnhof in ihr Auto gestiegen ist. Nach dem Fahrzeug, das den Männern rund zweieinhalb Stunden später zur Flucht verhalf. Und dann nach denjenigen, die die junge Frau getötet haben. In einer ersten Meldung in der Celleschen Zeitung vom Samstag, 22. Januar 1983, ist zunächst von drei Bankräubern die Rede.

Am Ende stehen zwei Männer für die Morde an Petra H. aus Celle und zwei weiteren Personen vor Gericht. Anfang Januar töteten sie den Soldaten Wolfgang S. aus Nienburg und nahmen unter anderem ein Jagdgewehr an sich, das dieser bei sich trug. Am 29. April wurde die Berufsschullehrerin Anita B. ermordet – auch mit ihrem Wagen überfielen die Täter später eine Bank.

Ein Taxi wie dieses ist Petra H. gefahren.

Jäger liefert ersten Hinweis

„Am Sonnabend hatten starke Polizeikräfte das gesamte Waldgebiet zwischen Lindwedel und Celle durchkämmt“, schildert die CZ am Montag nach dem Verschwinden von Petra H. die Suche nach der jungen Frau und ihrem Fahrzeug. Auch Polizeihubschrauber waren im Einsatz. Diese Bemühungen sind jedoch zunächst ebenso vergeblich wie eine Suchaktion von Taxifahrerinnen und -fahrern aus Celle, die ihre vermisste Kollegin finden wollen.

Der Fund eines Jägers aus Hodenhagen bringt die Ermittler einen Tag nach dem Verschwinden der Cellerin auf die richtige Spur. An der Landesstraße 190 zwischen Walsrode und Lindwedel entdeckt dieser einen zerstörten Schlagbaum und frische Reifenspuren, die offenbar in den Wald hineinführen.

Einsatzkräfte finden Petra H. in einem Waldstück

Auf einem Waldweg rund 150 Meter von der Straße entfernt findet er ein abmontiertes Taxischild und Reklame-Aufkleber, die von den vorderen Seitentüren des vermissten Fahrzeugs entfernt wurden. Noch im Dunkeln stellt die Polizei die Beweisstücke sicher, die Suche nach weiteren Hinweisen in der näheren Umgebung muss aber bis zum Morgen warten.

Um kurz vor elf am Sonntagvormittag dann die schreckliche Gewissheit: Petra H. ist tot, ihre Mörder haben sie erdrosselt und im Dickicht unter Laub und Zweigen versteckt. Am Nachmittag des gleichen Tages findet ein Wanderer das gestohlene Taxi in den Brelinger Bergen in der Wedemark, südlich von Lindwedel.

Taxifahrer trauern um tote Kollegin

Trauer und Fassungslosigkeit begleiten die Nachricht über den Tod der 22-Jährigen, nicht nur bei ihrer Familie, sondern auch bei den Taxifahrerinnen und -fahrern in Celle. „Wir können nichts tun, was uns unsere Kollegin zurückgeben könnte“, sagt ihr Vorgesetzter. In den kommenden Wochen sind die Taxen im Stadtgebiet mit Trauerflor unterwegs. Als Petra H. eine Woche nach ihrer Ermordung in einem kleinen Ort in Hessen, wo ihre Eltern und Schwiegereltern leben, beigesetzt wird, machen sich rund 100 Celler Taxifahrer und weitere aus Hannover, Nienburg und Hamburg auf den Weg zur letzten Ruhestätte ihrer Kollegin.

Wie groß die Anteilnahme unter den Cellerinnen und Cellern ist, belegen auch die Spenden, die innerhalb weniger Tage auf dem Konto eingehen, das Kollegen der Verstorbenen für ihre vierjährige Tochter eingerichtet haben. Von mehreren Tausend Mark ist in einem Zeitungsbericht vom 31. Januar 1983 die Rede.

Von Celle aus fuhr Petra H. in Richtung A7 nach Bremen. 

Suche mit Phantombildern und Fernsehsendung

In den Wochen nach dem Mord zeichnet sich für die Ermittler ein immer genaueres Bild davon, was an dem Tag passiert sein muss. Dank zahlreicher Zeugenhinweise ist schnell klar, dass das Taxi, nachdem Petra H.s Fahrgast am Celler Bahnhof eingestiegen ist, zunächst eine Zeit lang im Heesegebiet unterwegs war. Wenige Tage nach der Tat sucht die Polizei auch mit Phantombildern nach den Mördern und im September 1983 wird eine Folge der Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ ausgestrahlt, die weitere Erkenntnisse bringen soll.

Die Sendung offenbart Details über den Weg, den Petra H. an dem Nachmittag mit den Tätern gefahren ist: Nachdem im Heesegebiet der zweite Fahrgast eingestiegen ist, fährt sie vermutlich über die B214 in Richtung A7 – an der Autobahnauffahrt Schwarmstedt fällt einer Zeugin das Taxi mit den drei Personen auf. Wenige Kilometer weiter nördlich, über die Ausfahrt Walsrode Süd, verlässt das Fahrzeug die Autobahn wieder und fährt über die L191 zurück in Richtung Süden – in der Nähe dieser Straße entdecken die Einsatzkräfte zwei Tage später die Leiche der 22-Jährigen.

Ein älterer Mann, der zu dieser Zeit auf der Landstraße in Richtung Norden unterwegs ist, könnte der letzte sein, der Petra H. lebend gesehen hat: Gegenüber der Polizei gibt er später an, dass ein ihm entgegenkommendes Taxi Lichtsignale gegeben habe.

Zeitzeugen gesucht

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Zufall hilft beim Ergreifen der Täter

Am Ende spielt auch der Zufall bei der Ergreifung der Mörder eine Rolle. Mehr als vier Jahre vergehen, bis die Polizei auf die beiden Männer aufmerksam wird, nachdem sie ein Auto stehlen. „Den Beamten fiel auf, dass die exakte Beschreibung der Bankräuber von Wechold nach dem Mord an Anita B. sehr gut auf die beiden Männer passte“, berichtet die CZ am 16. April 1987. Die Aussage einer Prostituierten, die von Kurt L. und Jürgen D. überfallen und vergewaltigt wurde, habe schließlich zur Verhaftung der beiden Verdächtigen geführt.

Vier Jahre nach der Tat wurden die Mörder von Petra H. angeklagt. 

Am 9. September des gleichen Jahres beginnt der Prozess vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Verden. Die Forderung des Staatsanwalts: Lebenslange Haft für die Morde an Wolfgang S., der für sein Jagdgewehr sterben musste, sowie Petra H. und Anita B., die getötet wurden, weil ihre Autos als Fluchtfahrzeuge dienen sollten.

Das Urteil fällt am 5. Februar 1988. Jürgen D. wird für alle drei Morde zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt, Kurt L. erhält lebenslänglich für zwei Morde. „Beide wurden außerdem zweier Banküberfälle mit scharfen Waffen sowie des Autostraßenraubes überführt“, berichtet die CZ. D.s Ehefrau Angelika muss wegen Beihilfe zu schwerem Raum und schwerer räuberischer Erpressung dreieinhalb Jahre ins Gefängnis.

Taxifahren bleibt gefährlicher Beruf

Wie Fahrer besser geschützt werden können, ist ein Thema, das die Branche bis heute beschäftigt. So schreibt der Bundesverband Taxi und Mietwagen in seinem Geschäftsbericht für 2019 und 2020: „Raubüberfälle auf Taxifahrerinnen und Taxifahrer gehören weiterhin zur Tagesordnung.“ Im gleichen Bericht erhebt die Taxistiftung Deutschland, die nach Gewaltverbrechen Opfern aus der Branche hilft, Zahlen, die das Berufsrisiko belegen. „Von 1985 bis 2019 wurden insgesamt 85 Taxifahrer ermordet“, heißt es darin, über 11.000 seien bei Überfällen und Tätlichkeiten verletzt worden. „Auch wenn die Zahl der Tötungsdelikte sinkt, wäre eine Entwarnung voreilig.“

„Von 1985 bis 2019 wurden insgesamt 85 Taxifahrer ermordet.“

Geschäftsbericht 2019/2020 des Bundesverbands Taxi und Mietwagen

Laut Bundesverband Taxi und Mietwagen hat sich in der Sicherheitslage in den vergangenen Jahren einiges getan, auch wenn die Anstrengungen weiter fortgesetzt werden müssten, wie in dem Geschäftsbericht betont wird. Blinkende Dachzeichen und Überfallschutzkameras gehören zu Verbesserungen, die Taxiunternehmen inzwischen zur Verfügung stünden.

„Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass so etwas immer wieder passieren kann“, sagt Petra H.s Vorgesetzter der CZ im Januar 1983. „Es gibt halt nur geringe Mittel zum Schutz der Fahrer.“ Im Kollegenkreis werden Maßnahmen diskutiert, die den Schutz erhöhen sollen, zum Beispiel ein Alarmknopf, der neben den Pedalen installiert ist oder eine Richtlinie, nach der Fahrgäste vor langen Fahrten ihren Ausweis vorzeigen müssten. Hätte es diese Regel im Januar 1983 bereits gegeben, hätte die junge Frau womöglich vor der Fahrt nach Bremen den Namen ihres Fahrgastes an die Zentrale weitergeben müssen. Ob ihr dieser Umstand das Leben gerettet hätte, wird aber wohl Spekulation bleiben.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür