Kein Wort über Verbrauchsermittlung

Warum die Celler SVO die Zählerstände der Kunden berechnet

Schafft man so Vertrauen bei seinen Kunden mitten in der Energiekrise? Die SVO will vor den anstehenden Preiserhöhungen bei Strom und Gas die Zählerstände hochrechnen. Wie das funktioniert und welche Folgen das für den Energieversorger und die Kunden haben kann. (+Kommentar).

  • Von Gunther Meinrenken
  • 20. Sept. 2022 | 19:00 Uhr
  • 20. Sept. 2022
  • Von Gunther Meinrenken
  • 20. Sept. 2022 | 19:00 Uhr
  • 20. Sept. 2022
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Celle.

Die Abende werden kälter, die ersten Celler haben die Heizungen aufgedreht und für die ersten Kunden der Energieversorger stehen die Preiserhöhungen für Strom und Gas kurz bevor. Ab Oktober steigen bei der SVO die Tarife für Erdgas/fest und Strom/fest bei denjenigen, deren Verträge zum 30. September auslaufen, und die Stadtwerke Celle geben die Gasbeschaffungsumlage und die Gasspeicherumlage an die Verbraucher weiter.

"Die Zählerstände der Kunden werden von uns zu einem bestimmten Stichtag aufgrund des bisherigen Verbrauchsverhaltens hochgerechnet."

SVO-Sprecher Thomas Hans

Doch während die Stadtwerke ihre Kunden dazu auffordern, die Zählerstände zum 30. September mitzuteilen, verliert die SVO darüber in ihren Infoschreiben kein Wort. Erst auf Nachfrage der CZ erklärt SVO-Sprecher Thomas Hans: "Die Zählerstände der Kunden werden von uns zu einem bestimmten Stichtag aufgrund des bisherigen Verbrauchsverhaltens hochgerechnet."

Hochrechnung eine übliche Methode in Energiebranche

Hochgerechnet? Und das in Zeiten, in denen es aufgrund der deftigen Preiserhöhungen auf jede Kilowattstunde ankommt? Dafür dürften viele SVO-Kunden kein Verständnis haben. Doch der Energieversorger rechtfertigt die Methode, die in der Branche üblich ist. "Das funktioniert im Regelfall sehr gut", so Hans. Bei der rechnerischen Ermittlung der Zählerstände spielten einerseits die Verbrauchsdaten aus dem Vorjahr eine Rolle, außerdem fließe die Heizperiode mit ein. Beim Strom sei es einfacher, weil er relativ konstant über das Jahr verbraucht werde.

Negative Folgen auch für Celler SVO möglich

Weiteres Manko: Die SVO wird den Kunden den hochgerechneten Zählerstand nicht mitteilen. Und das kann negative Konsequenzen haben, sowohl für die SVO, als auch für die Kunden. Beispiel: Die SVO setzt den Verbrauch eines Haushalts von Januar bis Ende September auf 11.000 Kilowattstunden Gas an, der tatsächliche Zählerstand beträgt aber nur 10.000 Kilowattstunden. Dann hat die SVO dem Kunden einen Puffer von 1000 Kilowattstunden verschafft, die noch zum alten günstigeren Tarif bezahlt werden. Rechnet die SVO aber zum Beispiel den Zählerstand auf nur 9000 Kilowattstunden hoch, dann zahlen die Kunden die Differenz von 1000 Kilowattstunden schon zu dem neuen teureren Tarif.

"Zum einen funktioniert die rechnerische Ermittlung sehr genau. Zum zweiten entstehen durch die aktuelle Lage und die damit verbundene Preisanpassung bei den Kunden zahlreiche Fragen zu verschiedensten Themen. Diese können wir nicht umfassend in den Schreiben thematisieren und beantworten, weil sie am Ende einfach in ihrer Summe den Umfang der Schreiben sprengen würden."

SVO-Sprecher Thomas Hans

Infoschreiben nicht überfrachten

Doch warum werden die SVO-Kunden nicht über die Hochrechnung informiert und nicht gebeten, ihren tatsächlichen Zählerstand zu melden? Dazu SVO-Sprecher Hans: "Zum einen funktioniert die rechnerische Ermittlung sehr genau. Zum zweiten entstehen durch die aktuelle Lage und die damit verbundene Preisanpassung bei den Kunden zahlreiche Fragen zu verschiedensten Themen. Diese können wir nicht umfassend in den Schreiben thematisieren und beantworten, weil sie am Ende einfach in ihrer Summe den Umfang der Schreiben sprengen würden."

Kunden können Zählerstand selbst ablesen und melden

Selbstverständlich, so lenkt Hans auf CZ-Anfrage ein, könnten die Kunden auch im Kundenportal der SVO ihre Zählerstände übermitteln. Dies sei einmal im Monat möglich. Für den Zugang zu der Internetseite mein.svo-vertrieb.de benötige man für die erstmalige Registrierung eine gültige E-Mail-Adresse sowie die Kombination aus Kunden/Zählernummer für die Identifizierung. "Bei der Eingabe der Zählerstände kann auch ein Foto als Beleg mitgeschickt werden. Zwingend erforderlich ist das aber nicht", sagt der SVO-Sprecher. Alternativ könnten die Kunden den Zählerstand unter Angabe von Ablesedatum, Kundennummer und Zählernummer der SVO auch klassisch auf dem Postweg zukommen lassen – ebenfalls mit Foto. "Telefonisch wäre die Übermittlung des Zählerstandes natürlich auch möglich. Aufgrund der Vielzahl der Anfragen dieser und anderer Art in unserem Kundenservice raten wir davon momentan aber dringend ab", empfiehlt Hans den Kunden des Energieversorgers.

Kommentar von Gunther Meinrenken

Die Kunden sind verunsichert

Die Inflation und insbesondere die extrem stark gestiegenen Energiepreise treiben die Menschen um. Werden sie die Gas- und Stromrechnung noch bezahlen können? Das ist die zentrale Frage, die sich viele im Augenblick stellen. In dieser Situation wünscht man sich von seinem Energieversorger Transparenz. Die Art und Weise, in der die SVO allerdings mit den Preiserhöhungen umgeht, ist nicht dazu angetan, das Vertrauen in das Unternehmen zu stärken.

Vertrauen in Unternehmen wird nicht gestärkt

Die SVO rechnet die Zählerstände hoch. Das mag in der Branche ein übliches Verfahren sein, das auch oft zur Anwendung kommt, weil einige Verbraucher nie ihre Zählerstände melden. Aber in der aktuellen Situation wäre es mehr als wünschenswert gewesen, die Kunden dazu aufzurufen, die Zählerstände anzugeben. Stattdessen verliert die SVO in den Infobriefen zur Tariferhöhung noch nicht einmal ein Wort darüber, dass die Zählerstände rechnerisch ermittelt werden. Das teilte das Unternehmen erst auf Nachfrage der CZ mit.

Scharf und transparent abrechnen

Die Begründung, dass in den Infoschreiben quasi kein Platz mehr dafür gewesen sei, ist mehr als dürftig. Die Stadtwerke haben das auch geschafft. Auf wenigen Zeilen. Man kann den Cellern nur raten, an den Stichtagen zum Vertragsende die Zählerstände abzulesen und an die SVO zu übermitteln. Dann wird wenigstens scharf und transparent abgerechnet.