Suche nach Mittäter des mutmaßlichen Serienmörders

Wie einer der spektakulärsten Kriminalfälle zur Gründung einer „Cold Cases“-Einheit führte

Die Göhrde-Morde waren der spektakuläre Fall, der zur Gründung einer "Cold-Case"-Ermittlungsgruppe in Lüneburg geführt hat. Im Naturgebiet waren im Sommer 1989 binnen zwei Monaten zwei ermordete Paare entdeckt worden. Als möglichen Täter hatten die Fahnder den Friedhofsgärtner Kurt-Werner Wichmann damals schon im Visier. Insgesamt bringen sie fünf Mordopfer sicher mit dem Mann in Verbindung. So ist der aktuelle Stand.

 

  • Von Maren Schulze
  • 12. Juli 2022 | 08:07 Uhr
  • 30. Aug. 2022
  • Von Maren Schulze
  • 12. Juli 2022 | 08:07 Uhr
  • 30. Aug. 2022
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Celle.

Es war und ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle Niedersachsens: Die Göhrde-Morde hielten im Sommer 1989 ganz Westdeutschland in Atem. Zwei Liebespaare waren in dem Staatsforst erschossen worden, vermutlich vom selben Täter. Jahrzehntelang blieb der Fall ungelöst. Entscheidende Hinweise zur Identifizierung des Täters der Göhrde-Morde ergaben sich aus dem Fall der 41-jährigen Birgit Meier aus Lüneburg, die ebenfalls im Sommer 1989 spurlos verschwand.

Durch diesen Fall geriet der Lüneburger Friedhofsgärtner Kurt-Werner Wichmann ins Visier der Polizei. Er erhängte sich in der Untersuchungshaft. Vollständig aufgeklärt werden konnte der Fall durch den Fund der Leiche von Birgit Meier erst durch private Ermittlungen ihres Bruders Wolfgang Sielaff, der als ehemaliger Chef des Hamburger Landeskriminalamts im Ruhestand gemeinsam mit weiteren Experten den Fall noch einmal aufrollte.

Im Dezember 2017, 28 Jahre nach den Göhrde-Morden, gab die Polizei Niedersachsen bekannt, dass sie den ehemaligen Friedhofsgärtner Kurt-Werner Wichmann für die Göhrde-Morde für dringend tatverdächtig hielt und dass eine Ermittlungsgruppe eingerichtet worden war. Hieraus entstand eine Einheit für „Cold Cases“. Polizeisprecherin Julia Grote aus Lüneburg erklärt im Gespräch mit CZ-Redakteurin Maren Schulze, wie die Arbeit dieser Einheit funktioniert.

"Als Tatverdächtiger wird der bereits verstorbene Kurt-Werner Wichmann erachtet. Das Verfahren richtet sich jedoch weiterhin auch gegen einen mutmaßlichen und noch lebenden Mittäter. Der Ermittlungskomplex Göhrde umfasst rund 2060 Spurenakten, zu denen inzwischen rund 1040 neue Ermittlungsspuren hinzugekommen sind."

Julia Grote, Sprecherin der Polizeidirektion Lüneburg

"Cold Case"-Einheit in Lüneburg ermittelt zu den Göhrde-Morden

Die Göhrde-Morde waren der spektakuläre Fall, der zur Gründung Ihrer Ermittlungsgruppe geführt hat. Wie ist da der aktuelle Stand? Es gab ja viele Verbindungen zu anderen Verbrechen, die noch überprüft werden sollten – genauso wie die Frage nach einem Komplizen oder Mittäter von Kurt-Werner Wichmann.

Die Ermittlungsgruppe Göhrde wurde als temporäre Organisationsform am 1. März 2021 aufgelöst. Die Ermittlungen zu den Göhrde-Morden sind jedoch als Ermittlungskomplex (EK) in das fest eingerichtete Sachgebiet Cold Case der Polizeidirektion Lüneburg überführt worden und werden seither nahtlos fortgeführt. Sowohl die kriminaltaktische Ermittlungsausrichtung wie auch die betriebene Ermittlungstiefe bleiben unverändert. Als Tatverdächtiger wird der bereits verstorbene Kurt-Werner Wichmann erachtet. Das Verfahren richtet sich jedoch weiterhin auch gegen einen mutmaßlichen und noch lebenden Mittäter. Der EK Göhrde umfasst rund 2060 Spurenakten, zu denen inzwischen rund 1040 neue Ermittlungsspuren hinzugekommen sind. Seit Januar dieses Jahres ist das aufwendige Controllingverfahren zu den Spurenakten abgeschlossen. Die akribischen Ermittlungen dauern aktuell an. Unser Ziel ist die vollständige Aufarbeitung des Falles nach aktuellsten kriminalistischen und forensischen Möglichkeiten.

Neben den Göhrde-Morden geht es in der Ermittlungsgruppe ja auch um andere ungelöste Verbrechen, sogenannte „Cold Cases“. Welche Fälle haben Sie derzeit in Bearbeitung?

Im März 2021 hat das Sachgebiet „Cold Case“ der Polizeidirektion Lüneburg einen weiteren „Cold Case“, ein Tötungsdelikt aus dem Jahr 1989, übernommen. Neben der Akten- und Asservatenaufbereitung hat bereits eine Spurenanalyse auch unter Einbindung der operativen Fallanalyse des Landeskriminalamtes stattgefunden. Weitere Auskünfte können hierzu derzeit noch nicht gegeben werden.

Lüneburger "Cold-Case"-Einheit auch für Fälle aus Celle zuständig

Was für Fälle sind es generell, die dafür infrage kommen, dass sie von Ihrer Ermittlungsgruppe noch einmal genauer unter die Lupe genommen werden?

Der Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Lüneburg besteht aus den Landkreisen Lüneburg, Uelzen, Lüchow-Dannenberg, Celle, Harburg, Heidekreis, Rotenburg und Stade. Die Übernahme eines ungeklärten Tötungsdelikts oder einer speziellen Vermisstensache, der ein Verbrechen zugrunde liegen dürfte, erfolgt dabei sukzessiv durch das nunmehr fest eingerichtete Sachgebiet Cold Case gemäß eines landesweiten Konzepts. Demnach werden die erfassten Cold Cases auch im ersten Schritt gemäß einer bestimmten Matrix bewertet.

Sollte ein Totschlagsdelikt zugrunde liegen, käme auch eine zu beachtende Verjährungsfrist zum Tragen, die sich zwar auf eine mögliche Verurteilung niederschlägt, nicht jedoch die Bearbeitung eines solches Falles per se negiert. Weiterhin kann festgehalten werden, dass oftmals erst die Ermittlungen an sich aufzeigen, ob juristisch ein Mord oder ein Totschlag vorgelegen hat. Insofern kann festgehalten werden, dass grundsätzlich alle Cold Cases nach und nach neu überprüft werden.

Enger Austausch mit Dienststellen und Staatsanwaltschaften 

Wer entscheidet, in welchen Fällen wieder Ermittlungen aufgenommen werden?

Das Sachgebiet Cold Case der Polizeidirektion Lüneburg bestimmt in Absprache mit der örtlich zuständigen Dienststelle sowie der jeweiligen Staatsanwaltschaft eine Fallübernahme und führt dann eigenständig Ermittlungen durch.

Wie ist das Vorgehen, wenn Sie einen solchen alten Fall auf den Tisch bekommen?

Bei sogenannten Altfällen ist es zunächst entscheidend, alle bisher vorhandenen Akten und Asservate zusammenzutragen und diese aufzubereiten, insbesondere ggf. zu digitalisieren. Anschließend werden alle Spuren analysiert und einer neuen Bewertung unterzogen. Hieraus werden neue Ermittlungsansätze, sowohl kriminalistisch als auch forensisch, generiert. Zu den Aufgaben zählt jedoch auch die klassische Befragung von (Zeit)zeugen.

"Besonders bei tatrelevanten Asservaten kommt die forensische Untersuchung auf mögliche noch nicht festgestellte biologische Spuren deutlich zum Tragen. Hier haben sich die Möglichkeiten in den letzten Jahren erheblich verfeinert."

Julia Grote, Sprecherin der Polizeidirektion Lüneburg

Forensische Spuren und Zeitzeugen bedeutend für Aufklärung eines Cold Case 

Inwieweit verbessert die moderne Kriminaltechnik die Aussichten, alte Fälle doch noch lösen zu können? Oder werden Altspuren ohnehin nach einer gewissen Zeit mit moderner Technik nachuntersucht, routinemäßig sozusagen?

Besonders bei tatrelevanten Asservaten kommt die forensische Untersuchung auf mögliche noch nicht festgestellte biologische Spuren deutlich zum Tragen. Hier haben sich die Möglichkeiten in den letzten Jahren erheblich verfeinert. Zeitgleich werden bekannte DNA-Spuren in der sogenannten DNA-Analysedatei (DAD) kontinuierlich bundesweit abgeglichen. Die Kriminaltechnik umfasst aber nicht nur den Bereich der DNA-Spuren, sondern fächert sich in vielen Disziplinen auf, wie zum Beispiel Daktyloskopie, Waffentechnik in Verbindung mit der sogenannten Tatmunitionssammlung des BKA oder Materialtechnik.

Aus Ihrer Erfahrung heraus: Was sind die entscheidenden Faktoren, die bei alten Fällen doch noch zum Durchbruch führen? Das andere Herangehen an die Ermittlungen? Zeugen, die sich nach vielen Jahren doch noch erinnern oder ihr Schweigen brechen? Die Kriminaltechnik? Oder noch ganz andere Faktoren?

Alle von Ihnen genannten Faktoren können für die Aufklärung eines Cold Case von Bedeutung sein. Jedes Tötungsdelikt ist individuell. Ein Ermittlungserfolg hängt zudem immer von mehreren Faktoren ab. Forensische Spuren und Zeitzeugen dürften jedoch stets eine wichtige Rolle einnehmen.

Gibt es in Niedersachsen neben Ihrer Ermittlungsgruppe noch weitere Einheiten der Polizei, die sich mit Cold Cases beschäftigen?

Jede Polizeidirektion bestimmt selbstständig ihre Ermittlungsarbeit bezüglich sogenannter Cold Cases. Die Polizeidirektion Lüneburg hat der strukturierten Bearbeitung von ungeklärten Tötungsdelikten wie auch speziellen Vermisstenfällen, bei denen ein Verbrechen anzunehmen ist, besondere Bedeutung beigemessen und das Sachgebiet Cold Case fest in die Organisationsstruktur implementiert.

Wiederaufnahme eines Verfahrens zu Mordfällen wie jenem von Frederike von Möhlmann unbedingt notwendig

Für ungeklärte Fälle könnten ja auch bereits verurteilte Straftäter verantwortlich sein. Bei alten Mordfällen beispielsweise – wo gäbe es da in Sachen Infrastruktur bei den Polizeibehörden (im In-, aber auch im Ausland) noch Verbesserungsbedarf? Sind beispielsweise alte Ermittlungsakten, bei denen Täter noch am Leben sein könnten, alle bereits digitalisiert worden?

Bereits verurteilte Straftäter sind bei der Polizei bekannt und in polizeilichen Auskunftssystemen erfasst. Es findet beispielsweise in der DNA-Analysedatei ein regelmäßiger Abgleich statt. Für die Bearbeitung von Cold Cases ergeben sich jedoch teilweise spezielle Herausforderungen, so dass aus polizeilicher Sicht auch rechtliche Möglichkeiten im Hinblick auf DNA und Tatspuren verbessert werden sollten. Auch die Möglichkeit einer Wiederaufnahme eines Verfahrens zu Mordfällen wie jenem von Frederike von Möhlmann, in denen zwar Beschuldigte ermittelt werden konnten, die jedoch bereits freigesprochen wurden, ist unbedingt notwendig. Aktuell unterstützt die Polizeiakademie Niedersachsen mit Hilfe der Studierenden in geeigneten Cold Cases die jeweils zuständigen Dienststellen auch in anderen Bundesländern. Hierbei kommen auch internationale Kontakte zum Tragen.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür

Tatort Celle: Zeitzeugen gesucht

Sie sind Zeitzeuge von Kriminalfällen aus dem Celler Land? Dann melden Sie sich gern in der CZ-Redaktion per E-Mail an redaktion@cz.de, Betreff „Tatort Celle“, oder rufen Sie an unter Telefon (05141) 990-110.