Nach technischem Defekt

So bereitete sich das Badeland auf Neustart vor

Nach einem Defekt in der Wasseraufbereitung hat das Badeland nun wieder geöffnet. So lief der Neustart mit der Alternativen-Wasseraufbereitung.

  • Von Benjamin Behrens
  • 19. Aug. 2022 | 12:24 Uhr
  • 19. Aug. 2022
  • Von Benjamin Behrens
  • 19. Aug. 2022 | 12:24 Uhr
  • 19. Aug. 2022
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Celle.

Schutzhelm mit Visier, Gummihandschuhe, Sicherheitsstiefel und eine schwarze Kunststoffschürze ergänzen die Arbeitskleidung. Vorsichtig führt Schwimmbadtechniker Arne Brillowski den langen weißen Ansaugstutzen der Pumpe in den Verschluss des Tanks ein. Die Chlorbleichlauge ist gelblich-grün und riecht schwach nach Chlor. Schutzausrüstung ist dabei trotz aller Erfahrung des Fachmannes unerlässlich. Denn seit Mittwoch greift das Badeland wieder auf Zumischung von hoch dosierter Chlorbleichlauge zurück, statt sie in schwacher, aber völlig ausreichender Form selbst zu erzeugen.

Ohne Chlor geht es nicht

Die Chlorelektrolyseanlage war ausgefallen. Nach dem technischen Defekt der Wasseraufbereitung mussten die Türen von Frei- und Hallenbad geschlossen bleiben. Ein Dämpfer in einer an sich guten Saison. Badelandleiter Matthias Gaupp erreichte die Nachricht von der Katastrophe in den letzten Tagen seines Urlaubs. Erholung ade, jetzt war Stress angesagt. Gaupps Handy stand selten still. Es gab Absprache mit Mitarbeitern und Technikern, aber vor allem unzählige Telefonate mit Lieferanten für Schwimmbad-Bedarf.

„Chlorgas ist nach wie vor das am meisten eingesetzte Desinfektionsmittel in Schwimmbädern. Es hat auch nach wie vor den Ruf, gefährlich zu sein. Jedes Jahr passieren Unfalle, meist durch menschliches Versagen und meist beim Chlorgasflaschen-Wechsel“, erläutert Gaupp. Deswegen hätten die Stadtwerke Celle schon vor 25 Jahren eine Alternative gesucht, die nachhaltiger und sicherer ist, so Gaupp. Seitdem wird auf Chlorelektrolyseanlage gesetzt, die mittels Strom aus den chemischen Bestandteilen von Solewasser erzeugt wird. Nun ja, jedenfalls bis eines der in der Anlage verbauten Elektrodenpakete kaputtging. „Das war der Casus Knacksus, wir konnten nicht mehr selbst produzieren. Normalerweise hat man dann einen Lieferanten, der Chlorbleichlauge liefert. Die bestellte Menge kam aber erst am Mittwoch an“, erläutert Gaupp.

2000 Liter Chlorbleichlauge sichern den Betrieb

Jetzt stehen zwei großvolumige Kunststofftanks auf dem Gelände des Badelands. „Die Tanks fassen 1000 Liter, die Lauge ist schon etwas verdünnt“, erläutert Brillowski. Mittels einer Elektropumpe pumpt er das Desinfektionsmittel in die Vorratsbehälter des Badelands um, in denen sonst die selbst erzeugte Bleichlauge lagern würde.

Lauge ist hochkonzentriert

„Die Chlorbleichlauge, die wir erzeugen, ist sehr schwach. Um eine Zahl zu nennen: Das sind zwischen drei und fünf Prozent Chlorgehalt in wässriger Lösung. Das reicht aber aus, um das Bad nachhaltig zu desinfizieren“, erläutert Gaupp. 16 Kubikmeter an wässriger Chlorlösung können vorgehalten werden in den Tanks. „Durch den geringen Chlorgehalt ist es kein Risikomedium. Die Lösung, die wir jetzt kaufen, hat 13 Prozent Chlorgehalt, das ist schon wesentlich höher.“ Durch das Umpumpen in die Vorratsbecher ist sie sicher gelagert.

Warten auf Ersatzteil für eigene Anlage

Keine Dauerlösung, die Eigenproduktion soll wieder laufen. Nur sind sowohl Ersatzteile für die Anlage als auch Bleichlauge rar. „Die Hersteller haben Lieferengpässe, allein heute habe ich mit 17 telefoniert“, so Gaupp. Immerhin, im Moment klappert er noch deutsche Produzenten für Chemikalien ab und nur das Ersatzteil kommt aus China. „Es waren ganz leidige Telefonate, da geht es dann auch um Transportwege und so weiter“, so Gaupp. Aber jetzt ist der Bleichlauge-Bedarf ist gedeckt. „Wir haben auch Zusagen von Lieferanten für die nächsten Wochen. Wir können alles wieder aufmachen.“

Praktisch: Die Anlage ist nicht auf einen bestimmten Chlorgehalt in den Vorratstanks angewiesen, sondern kann das Wasser anpassen. „Die DIN gibt im Beckenwasser zwischen 0,3 und 0,6 Milligramm pro Liter vor, dann gibt es noch mal Abweichung für Warmsprudelbecken“, erklärt Gaupp.

Die Sensoren der Anlage messen automatisch den Gehalt an Chlor, pH-Wert und den sogenannten Redox-Wert, der Auskunft über die Menge an entfernten Bakterien im Wasser gibt.

Mini-Chemielabor am Beckenrand

Zusätzliche gehört für die Schwimmmeister im Badeland noch die Hand-Messung zum Tagesgeschäft. Daniel Hennigs, Fachangestellter für Bädertechnik, kniet auf allen vieren neben dem Freibadbadbecken und taucht ein kleines Messglas tief hinein. In das gibt der Fachmann anschließend ein paar Tropfen einer Testflüssigkeit. Der erste Indikator für die gewünschte Sauberkeit und den passenden Chlorgehalt ist eine rote Verfärbung durch die Messflüssigkeit. Hennigs lächelt zufrieden.

Minilabor am Beckenrand

Dann kommt das Minilabor zum Einsatz. Der blaue Koffer liefert alles, was Hennigs zum Messen braucht, das kleine Glas bugsiert er vorsichtig in den dafür vorgesehenen Schacht, dann heißt es: Warten. 0,22 Milligramm pro Liter, noch zu wenig. „Bei über zwei Millionen Litern Wasser ist das schwierig zu dosieren“, sagt Hennigs. Doch es dauert nicht lange, bis das Wasser austariert ist. 0,39 ergibt der Messwert – perfekt.

Doch was passiert, wenn der Chlorgehalt zu hoch ist? „Dann wird eine Filterspülung eingeleitet, es wird ja auch permanent Frischwasser ergänzt. Dann spült man einmal mehr“, erläutert Gaupp. Neben Chlor sorgt auch ein komplexes System an Filtern für Sauberkeit. Allein die Filteranlage des Freibadbeckens hat eine Umwälzleistung von 450 Kubikmetern Wasser am Tag. Die Badegäste können kommen.