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Technologie zur Rohrinnenbiegung aus Celle könnte ganze Branche verändern

Die Firma Bendforce aus Celle hat eine Maschine zur Rohrinnenbiegung entwickelt. Die innovative Technologie könnte eine ganze Branche revolutionieren und einen Beitrag für mehr Effizienz und Nachhaltigkeit auf Großbaustellen leisten.

  • Von Christoph Zimmer
  • 01. Dez. 2022 | 07:00 Uhr
  • 18. Dez. 2022
Oliver Baum (links) und Jonathan Hagos von der Celler Firma Bendforce stehen vor einem von innen gebogenen isolierten Stahlrohr. Die innovative Technologie stellten sie erstmals der Öffentlichkeit vor.
  • Von Christoph Zimmer
  • 01. Dez. 2022 | 07:00 Uhr
  • 18. Dez. 2022
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Celle.

Mittagspause in der früheren Produktionshalle der Itag in Westercelle. In dem kleinen Büro, wo aktuelle Planungsskizzen an einem Whiteboard hängen und ein altes Foto des in der Erdölbranche tätigen Traditionsunternehmens auf dem Schreibtisch an die Vergangenheit erinnert, gibt es Döner und Limo. Wer noch Zeit für einen Nachtisch hat, schnappt sich ein paar Gummibärchen auf dem Weg zurück in die Halle. Es muss schnell gehen. Immerhin will das junge Unternehmen der Öffentlichkeit hier in einer Woche seine Maschine präsentieren, die thermisch isolierte Rohrsysteme von innen biegen kann. Es ist eine innovative Technologie, die eine ganze Branche revolutionieren und einen Beitrag für mehr Effizienz und Nachhaltigkeit auf Großbaustellen leisten könnte.

Ingenieur und Maschinenbauer Oliver Baum (am Computer) erklärt den Branchenvertretern seine Maschine. Wie genau die Technik funktioniert, ist jedoch streng geheim.

„Wir sind weltweit das einzige Unternehmen, das isolierte Stahlrohre in dieser Größe und in dieser Qualität von innen biegen kann.“

Oliver Baum, Maschinenbauer und Entwickler der Technologie

Einsatzmöglichkeit der innovativen Technologie nicht nur bei Fernwärme

Oliver Baum hat die Maschine entwickelt. Sie steht auf einem Autoanhänger in der Halle, davor liegen bereits gebogene Stahlrohre. „Wir sind weltweit das einzige Unternehmen, das isolierte Stahlrohre in dieser Größe und in dieser Qualität von innen biegen kann“, sagt der 34 Jahre alte Ingenieur und leidenschaftliche Maschinenbauer, der aus Hannover stammt und sich seine Zukunft sehr gut in Celle vorstellen kann. Wer in das zwölf Meter lange Rohr mit einem Durchmesser von 32,4 Zentimetern schaut, sieht keine Beulen oder Falten. Auch die Berechnungen mit einem Computerprogramm, mit dem die Nasa ihre Raumschiffe konstruiert und die Formel 1 ihre Rennautos entwickelt, zeigen keinerlei Unregelmäßigkeiten. „Mit der Technologie kann die Arbeit auf Baustellen extrem erleichtert werden.“

Jonathan Hagos (Foto) ist neben Oliver Baum einer von zwei Geschäftsführern bei Bendforce.

„Baukosten und Bauzeiten können verbessert und der Energieverbrauch etwa für den Transport der Rohre deutlich gesenkt werden.“

Jonathan Hagos, Geschäftsführer von Bendforce

Maschinenbauer Oliver Baum aus Hannover erfindet Maschine

Bendforce. Biegekraft. So heißt die Firma, die Baum vor einem Jahr mit Jonathan Hagos und Kilian Lammers aus Celle gründete. „Baukosten und Bauzeiten können verbessert und der Energieverbrauch etwa für den Transport der Rohre deutlich gesenkt werden“, erklärt der 37 Jahre alte Hagos, der auch Geschäftsführer der Firma Apparatebau aus Hambühren ist, wo er Baum kennenlernte, als er bei der Lösung eines technischen Problems dringend Hilfe brauchte und ein Freund ihm die Nummer von Baum gab. „Wenn einer dir helfen kann, dann er“, erinnert sich Hagos mit einem Lächeln an die Nachricht seines Freundes.

Kilian Lammers ist Mitgründer der Firma Bendforce.

Baum und Hagos sind die Geschäftsführer von Bendforce. „Eingesetzt werden gebogene isolierte Stahlrohre nicht nur im Bereich der Fernwärmetechnik zum Beispiel entlang von Straßenverläufen, sondern auch für den Transport von Öl und Gas“, erklärt Hagos. Auch der Einsatz im Bereich der Hausanschlüsse sei denkbar. Mit der Technik können laut Baum 6 bis 16 Meter lange Rohre mit einem Durchmesser von 50 bis 160 Zentimetern von innen gebogen werden. Die erste von Baum vor knapp zehn Jahren entwickelte Maschine biegt Rohre im Durchmesser von 30 Zentimetern.

„Wir können unseren Anhänger auf der Baustelle neben den Lastwagen stellen und die isolierten Rohre in der gewünschten Gradzahl direkt vor Ort biegen.“

Oliver Baum

Innovative Technologie materialschonend und nachhaltig

Baum bezeichnet die Technik als „Revolution für die gesamte Branche“. Und nennt ein Beispiel. „Wir können unseren Anhänger auf der Baustelle neben den Lastwagen stellen und die isolierten Rohre in der gewünschten Gradzahl direkt vor Ort biegen“, erklärt der Erfinder. Bislang würden Stahlrohre in Biegewerken gebogen, isoliert und zur Baustelle transportiert. „Für ein Standardrohr mit einer Länge von zwölf Metern braucht man für diesen Prozess rund 24 Arbeitsstunden“, erklärt der Maschinenbauer, der schon in seiner Ausbildung international Pipelines in Werkhallen gebogen hat und nach einer Alternative suchte. „Wir haben uns als Ziel gesetzt, für diesen Prozess weniger als eine Stunde zu brauchen“, sagt der 39 Jahre alte Lammers, der bei Mercedes Benz in Bremen als Projektingenieur arbeitet und bei Bendforce der dritte Gründer des Unternehmens ist. „Das ist materialschonend und nachhaltiger.“

So sieht das von innen gebogene Stahlrohr von innen aus.

Jonathan Hagos und Kilian Lammers gründen Bendforce mit Baum

Auch der Transport wäre deutlich einfacher. Hier hat Lammers ein Beispiel. „Auf einem Lastwagen kann man 16 gerade Rohre mit einer Länge von zwölf Metern transportieren. Wegen der Transportdichte und der Sicherheit passen aber nur vier gebogene Rohre auf die Ladefläche“, erklärt er. „Man muss also viermal so oft fahren, um die gleiche Anzahl an Rohren zu einer Baustelle zu bringen. Außerdem können lange Lieferzeiten von gebogenen Rohren umgangen werden, wenn sie flexibel vor Ort gebogen werden.“

„Das ist eine ganz neue Technologie. Mit der ersten Maschine hat das nichts mehr zu tun.“

Oliver Baum

Baum hat die erste Maschine zur Rohrinnenbiegung vor knapp zehn Jahren im Rahmen seiner Masterarbeit entwickelt. 2012 meldete er ein Patent an, gründete eine Firma, die 2017 in die Insolvenz ging. Das Patent ging an eine holländische Firma. „Damals war die Branche noch nicht bereit dafür. Und der Vertrieb hat nicht gut funktioniert“, sagt Baum. Aber die Idee in ihm lebte weiter – und die Überzeugung, dass die Technik funktioniert. Er tüftelte weiter, fand bessere und effizientere Lösungen. Im August meldete die Firma ein neues Patent an. Nach der erfolgreichen Probebiegung kurz vor Weihnachten war die Erleichterung groß. „Das ist eine ganz neue Technologie. Mit der ersten Maschine hat das nichts mehr zu tun.“

Bei der Präsentation wurde das Stahlrohr von innen um 36 Grad gebogen. Es reicht fast bis zur Decke.

Logstor und GEF Ingenieure begeistert von Technik

Gestern wurde die Technologie auf dem ehemaligen Gelände der Itag in Westercelle, wo jetzt die Aftermarket Drilling Service IT-AG GmbH sitzt, vor Branchenvertretern präsentiert und ein Stahlrohr von innen 36 Grad gebogen. Logstor als weltweit führender Hersteller von vorgedämmten Rohrsystemen sieht den „dringenden Bedarf einer solchen Technologie“, die „in Deutschland und Europa nicht verfügbar“ ist. Die GEF Ingenieur AG, unabhängiger Experte im Bereich der Wärmeversorgung und Marktführer in Deutschland im Bereich der Fernwärme, sieht in der Erfindung ein „hohes Potenzial zur Verbesserung von Baukosten und Bauzeit bei erdverlegten Fernwärmeleitungen“. Die Firma bescheinigt der Technologie außerdem eine „höhere technische Nutzungsdauer“. Auch die mobile Rohrinnenbiegung vorgedämmter Rohrsysteme ist laut GEF „im Marktsegment werkseitig gedämmter Stahlrohre für Fernwärmeleitungen derzeit nicht verfügbar“ und sieht in der Technik eine „bedeutsame Entwicklung“ und „ein erhebliches Marktpotenzial beim Bau von Fernwärmeleitungen“.

Petrobras fragt nach Kooperation bei Bendforce an

Schon vor der Präsentation gestern gab es erste Anfragen nach seiner Erfindung. So meldete sich Petrobras, das brasilianische halbstaatliche Mineralölunternehmen mit Sitz in Rio de Janeiro, und fragte nach einer Präsentation der Technologie und Partnerschaft.

Nach den Angaben von Bendforce kann kein anderes Unternehmen auf der Welt isolierte Stahlrohre wie diese in dieser Größe und Qualität von innen biegen.

Produktion von Bendforce in Celle geplant

Bendforce will die Maschine in Celle produzieren, einen mobilen Service weltweit anbieten. „Wir befinden uns im engen Austausch mit der Stadt, was eine mögliche Ansiedlung in dem geplanten Gewerbegebiet bei Wallach angeht", sagt Hagos. "Celle und die Erdölbranche gehören zusammen. Wir wollen dieser Tradition mit unserem Produkt ein weiteres Kapitel hinzufügen und Arbeitsplätze in unserer Heimat schaffen“, sagt Hagos.

Hinweis der Redaktion

Der Text wurde erstmals am 27. Januar 2022 um 9.58 Uhr auf unserer Internetseite veröffentlicht.