Landtagswahl in Celle

CZ-Podium: Von Lehrermangel bis Energiekrise

Bildung, Verkehr und Energiekrise: Bei einer Podiumsdiskussion in der Celler CD-Kaserne haben fünf Kandidaten für den Landtag über ihre Positionen gesprochen. (mit Video der Diskussion in voller Länge)

  • Von Jana Wollenberg
  • 28. Sept. 2022 | 18:25 Uhr
  • 28. Sept. 2022
In Schnellfrage-Runden konnten die Kandidaten auf die Fragen von CZ-Chefredakteur Ralf Leineweber (Vierter von links) und Michael Ende (rechts daneben) nur visuell mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Bei der Frage, ob Ministerposten paritätisch mit Männern und Frauen besetzt werden sollten, gab es unterschiedliche Ansichten.
  • Von Jana Wollenberg
  • 28. Sept. 2022 | 18:25 Uhr
  • 28. Sept. 2022
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„Wir müssen uns in Deutschland grundsätzlich überlegen, wo unsere Energie künftig herkommt.“ - Daniel Biermann (AfD) über die Möglichkeit, in der Ära nach Putin wieder russisches Gas zu nutzen.
Celle.

Wer erringt bei der Landtagswahl als Nachfolger von Thomas Adasch das Direktmandat für den Wahlkreis Celle? Dies ist eine der Fragen, über die die Bürgerinnen und Bürger in der Stadt sowie in den Gemeinden Hambühren und Wietze am 9. Oktober entscheiden. Am Dienstagabend stellten sich die Kandidaten der aktuell im Parlament vertretenen Parteien bei einer Podiumsdiskussion in der CD-Kaserne den Fragen von CZ-Chefredakteur Ralf Leineweber und Redakteur Michael Ende. Rund 200 Zuhörer vor Ort sowie weitere im Livechat auf der CZ-Facebookseite verfolgten die Statements von Christoph Engelen (SPD), Alexander Wille (CDU), Martin Kirschstein (Grüne), Jörg Bode (FDP) und Daniel Biermann (AfD) und erlebten viel Einigkeit. Einige Themen aber erhitzten die Gemüter – im Publikum genauso wie auf der Bühne.

Bildung und Familie

Um das Problem des Unterrichtsausfalls zu lösen, will Bode auf mehr ausgeschriebene Stellen und, um diese auch besetzen zu können, auf mehr Ausbildung setzen. Zudem müsse der Beruf attraktiver werden, unter anderem mit besserer Bezahlung für Berufseinsteiger – gleiches forderte Biermann. Das Problem bei der Unterrichtsversorgung sei nicht, dass in Niedersachsen zu wenige Lehrer ausgebildet werden, betonte dagegen Engelen. Vielmehr würden viele in andere Bundesländer abwandern, weil die CDU in der Landesregierung derzeit eine bessere Bezahlung blockiere. „Wir müssen es schaffen, die Menschen, die wir ausgebildet haben, auch in unseren Schulen anzustellen", so der SPD-Kandidat.

„E-Autos schaffen die Klimaziele nicht – das geht nur, wenn man die Kraftstoffe klimaneutral macht.“ - Jörg Bode (FDP) zum Einsatz von synthetischen Kraftstoffen in der Verkehrswende.

Wie umgehen mit dem Lehrermangel?

Während für Engelen Quereinsteiger in den Beruf nicht die vorrangige Lösung sind, wollen Biermann und Kirschstein diese verstärkt für den Lehrerberuf umschulen. Weitere Ziele des Grünen-Kandidaten: mehr Gesamtschulen, Ganztagsschulen, kleinere Klassen und das Voranbringen der Digitalisierung. Wille war neben der Einstellung von 5000 neuen Lehrern der Erhalt der Sprachförderschulen besonders wichtig: "Ich bin nicht der Meinung, dass wir im Zuge der Inklusion mit allen Kindern wirklich gut und richtig umgehen können", sagte er. Der Blick auf den individuellen Förderbedarf müsse erhalten und gestärkt werden.

AfD: Kleinkindbetreuung gehört in die Familie 

Als einziger Kandidat sah Biermann keinen Bedarf an weiteren Betreuungsplätzen in Kindertagesstätten: "Wir meinen, dass die Kleinkindbetreuung in den ersten drei Jahren in die Familie gehört", meinte er. "Die Zeiten, in denen das Kind die ersten drei Jahre zu Hause ist, sind hoffentlich in Deutschland für immer vorbei", entgegnete Kirschstein. Um die Betreuung zu verbessern, brauche es die dritte Betreuungskraft in der Kita-Gruppe. Dies befürworteten mit Ausnahme des AfD-Kandidaten alle, Engelen und Bode forderten zudem, dass Erzieher bereits in der Ausbildung bezahlt werden sollten.

CZ-Podiumsdiskussion zur niedersächsischen Landtagswahl

„Müssen es schaffen, die Menschen, die wir ausgebildet haben, auch in unseren Schulen anzustellen.“ - Christoph Engelen (SPD) über die Unterrichtsversorgung an niedersächsischen Schulen.

Infrastruktur und Mobilität

Für eine grundsätzliche Übernahme der im Landkreis Celle vielerorts kontrovers diskutierten Straßenausbau-Kosten durch den Landeshaushalt sprachen sich Bode, Biermann und Kirschstein aus. "Es braucht aber auch eine Gegenfinanzierung", gab Engelen zu bedenken und erntete Widerspruch bei FDP-Mann Bode, der darauf verwies, dass die FDP hierzu in der Vergangenheit Vorschläge gemacht habe, die von der Mehrheit im Landtag abgelehnt worden seien. Wille verwies darauf, dass die Finanzlage der Kommunen eine örtliche Entscheidung zur Abschaffung der Straßenausbaubeiträge nicht zulasse – ohne entsprechende Mittel seitens des Landes könne das Problem nicht angegangen werden.

„Diese Kraftstoffe sind ein zweischneidiges Schwert, weil sie keine große CO2-Entlastung bringen.“ - Martin Kirschstein (Grüne) zur Möglichkeit, mit synthetischen Kraftstoffen CO2 einzusparen.

Klimaneutrale Kraftstoffe und mehr Ladesäulen

Unterschiedliche Meinungen gab es dazu, wie der Verkehr klimafreundlicher gestaltet werden kann. "E-Autos schaffen die Pariser Klimaziele nicht", sagte Bode, "das geht nur, wenn man die Kraftstoffe klimaneutral macht." Skeptisch gegenüber dem Einsatz von synthetischen Kraftstoffen war dagegen Kirschstein: "Synthetische Kraftstoffe sind ein zweischneidiges Schwert, weil sie keine große CO2-Entlastung bringen", so der Grünen-Kandidat. Um das Ziel einer Begrenzung der der Erderwärmung um 1,5 Grad erreichen zu können, müsse Mobilität komplett neu gedacht werden, angefangen beim Einzelnen, auch wenn es nicht immer einfach sei, auf das Auto zu verzichten. Für die SPD sah Engelen einen Schwerpunkt bei der Schaffung einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur für E-Autos.

„Ich bin nicht der Meinung, dass wir im Zuge der Inklusion mit allen Kindern gut umgehen können.“ - Alexander Wille (CDU) über das Vorhaben, Sprachförderschulen bis 2026 zu schließen.

Energiekrise bereitet Bürgern Sorge

Als es um die steigenden Kosten für Energie ging, wurde einmal mehr deutlich, dass die aktuell herrschende Ungewissheit in der Bevölkerung mit großen Sorgen und Ängsten verbunden ist. Entsprechend emotional waren die Nachfragen aus dem Publikum, wie die Landesregierung die Bürgerinnen und Bürger unterstützen könne. Wichtig sei es jetzt, sofort verfügbare Energiequellen zu nutzen, forderte Wille: Dazu gehören für ihn auch die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland. Zustimmung hierfür bekam er von Biermann und Bode – Engelen sprach sich gegen den Weiterbetrieb aus. 

Strompreisbremse und Gaspreisdeckel

Engelen, Kirschstein und Wille richteten ihren Blick auch in Richtung Bundesregierung, die in Sachen Energiepreise für weitere Entlastung sorgen müsse. Eine Strompreisbremse und ein Gaspreisdeckel seien dafür unverzichtbar, so Bode. "Wir müssen uns in Deutschland grundsätzlich überlegen, wo unsere Energie künftig herkommt", sagte Biermann. Er schloss nicht aus, dass Deutschland in einer Zeit nach Wladimir Putin und dessen Krieg in der Ukraine wieder russisches Gas beziehen könnte.

Abstimmung bei CZ-Testwahl für Wahlkreis 45 – Celle unter 322 Besuchern  

Rund um die Corona-Pandemie

In einem Punkt waren sich alle Kandidaten einig: Wechselunterricht oder die nochmalige Schließung von Schulen oder Universitäten dürfe es auch im Fall steigender Corona-Infektionszahlen im Winter nicht mehr geben.

CDU-Kandidat bei Online-Abstimmung vorn

Die zweistündige Diskussion endete mit einer Online-Abstimmung, bei der 322 Zuschauer für ihren jeweiligen Wunschkandidaten stimmten. Vorn lag dabei Alexander Wille, der 49 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich vereinte. Dem am nächsten kam Christoph Engelen mit 20 Prozent. Am 9. Oktober ist wohl kaum mit einem derart eindeutigen Ergebnis zu rechnen.