Kontaktbeamte der Polizei

Celles City-KoB: Der Um-Alles-Kümmerer

Er kennt die Celler City wie seine Westentasche, ist immer bereit für einen Schnack: Frank Michael Voigt ist neuer Kontaktbeamter (KoB) der Polizei.

  • Von Michael Ende
  • 19. Okt. 2022 | 17:35 Uhr
  • 20. Okt. 2022
Er kennt die Celler City wie seine Westentasche, hat für fast jeden ein freundliches Wort, ist immer bereit für einen kleinen Schnack – und wenn etwas schief läuft, dann greift er durch: Frank Michael Voigt ist als neuer Kontaktbeamter (KoB) der Polizei für alles und jeden zuständig. "Als KoB muss man Allrounder sei", sagt der Oberkommissar, der gerne auch mal mit einem Bulli mit Kaffeemaschine zu den Menschen in den Stadtteilen fahren würde: "Kaffee statt Knöllchen – so kommt man an die Leute ran."
  • Von Michael Ende
  • 19. Okt. 2022 | 17:35 Uhr
  • 20. Okt. 2022
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Celle.

Abdullah H. (Name geändert) ist glücklich. Er hat seine Frau wieder. Gestern sei sie plötzlich weg gewesen, erinnert er sich. „Wir waren in der Stadt unterwegs, ich war abgelenkt und dann war meine Frau verschwunden.“ Das wäre nicht so schlimm gewesen, wenn die nicht an Demenz erkrankt und orientierungslos wäre, sagt er. Aber so? „Da kam bei mir schon Panik auf.“ Wo war bloß seine Frau? In seiner Not steuerte der Mann die City-Wache der Celler Polizei an. „Bei uns war er goldrichtig“, sagt Oberkommissar Frank Michael Voigt. Der Kontaktbeamte und seine Kollegen sorgten dafür, dass die Geschichte, die böse hätte ausgehen können, ein Happy End fand.

KoBs kümmern sich um alles und jeden

Denn Voigt ist bestens vernetzt: „Ich habe eine Personenbeschreibung herausgegeben, und schon haben sechs Streifenwagenbesatzungen nach der Vermissten Ausschau gehalten.“ Auch mittels Handy-Ortung sei man ihr schnell auf die Spur gekommen: „Nach einer halben Stunde hatten wir sie gefunden. Sie war auf dem Weg Richtung Bahnhof.“ Einen Tag später reicht Abdullah H. als Dank für die professionelle Hilfe der Polizisten ein Kuchen-Paket durchs Fenster der City-Wache an der Stadtkirche. Voigt nimmt es entgegen – behalten darf dieses als nette Geste gedachte Geschenk allerdings nicht – schließlich ist er Beamter. Doch Voigt hat da eine Idee: „Ich weiß, wem ich mit dem Kuchen eine Freude bereiten kann.“ Wenige Minuten später geht er zu Giovanni, dem Obdachlosen, der sich mit seinen wenigen Habseligkeiten in der Zöllnerstraße niedergelassen hat. Er strahlt, als Voigt ihm und weiteren Obdachlosen den Kuchen bringt: „Danke.“ Diese kleine Episode zeigt, was KoBs tun: Sie kümmern sich um alles und jeden.

Das Kuchen-Geschenk nahm er nur an, um es an Bedürftige weiter zu leiten.

City-Wache auch jetzt nicht dauerhaft besetzt

„Ich freue mich sehr, dass wir in Stadt und Landkreis Celle wieder Kontaktbereichsbeamte – kurz KoB – einsetzen können“, sagt der Leiter der Polizeiinspektion (PI) Celle, Frank Freienberg: „Gerade die KoB stehen mit ihrer Person für die Nähe und Ansprechbarkeit zu den Menschen im öffentlichen Raum, für Präsenz, kontinuierliche Kontaktpflege und Prävention. Das offene Ohr für Sorgen und Nöte sowie aufklärende Gespräche sind unverzichtbarer Bestandteil zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit.“

"Wir wollen, dass das Vertrauen der Menschen zu ihnen wächst, und das geht am besten, wenn man ganz ungezwungen ins Gespräch kommt.“

Celles Polizei-Chef Frank Freienberg

Lange Zeit sei es der Celler Polizei aufgrund der seinerzeit angespannten Personallage nicht möglich gewesen, KoBs auf die Straße zu schicken, so der PI-Chef. Da die KoBs zu den Menschen hingehen sollten, sei logisch, dass sie nicht im Büro sitzen sollten: „Das bedeutet auch, dass die City-Wache auch jetzt nicht dauerhaft besetzt sein wird. Die Kollegen sollen unterwegs sein. Sie sind das Gesicht der Polizei. Wir wollen, dass das Vertrauen der Menschen zu ihnen wächst, und das geht am besten, wenn man ganz ungezwungen ins Gespräch kommt.“

„Diesen ganz besonderen Gang, der auch signalisieren soll, dass ich ansprechbar bin, den musste ich mir erst antrainieren.“

Kontaktbeamter Frank Michael Voigt

„Ich kann auch ganz normaler Polizist“

Betont langsam geht Voigt durch die Straßen der Altstadt: „Diesen ganz besonderen Gang, der auch signalisieren soll, dass ich ansprechbar bin, den musste ich mir erst antrainieren.“ Zum Gehen gehört auch immer wieder das Stehenbleiben – zum Beispiel vor dem Café, in dem Hartmut Schmidt immer um diese Zeit sitzt.

"Wenn er da ist, hat gleich die ganze Straße eine andere Atmosphäre. Man spürt: Da kommt das Gesetz und da kommt auch Menschlichkeit.“

Hartmut Schmidt

Die beiden grüßen einander fast wie alte Freunde. Schmidt freut sich über Voigts Präsenz: „Wenn er da ist, hat gleich die ganze Straße eine andere Atmosphäre. Man spürt: Da kommt das Gesetz und da kommt auch Menschlichkeit.“

Hartmut Schmidt freut sich über Frank Michael Voigts Präsenz: "Wenn er da ist, hat gleich die ganze Straße eine andere Atmosphäre."

Voigt lacht: „Na klar – für einen Schnack bin ich immer zu haben.“ Aber er sei auch kein Spaß-Polizist. Eine Minute später stoppt er einen Elektro-Roller-Fahrer, der durch die belebte Zöllnerstraße düst. Absteigen von dem Ding, keine Diskussion. Nur ein wenig Aufklärung: „Das ist hier nicht erlaubt.“ Gerne drücke er bei kleinen Dingen auch mal ein Auge zu, sagt Voigt. Doch wer glaube, ihm auf der Nase herumtanzen zu können, nur weil er freundlich sei, der täusche sich: „Ich kann auch ganz normaler Polizist.“

Frank-Michael Voigt stoppt E-Rollerfahrer.

„Ich will Menschen helfen, so einfach ist das“

Das war 58-jährige Voigt vier Jahrzehnte lang. Angefangen hat er bei der Bereitschaftspolizei, schob Streifendienst in Burgdorf und Burgwedel, war als Personenschützer tätig, beteiligte sich an der Aufbauorganisation der Polizeiakademie in Nienburg, wechselte nach Hannover, wo er für das Geschehen auf den Autobahnen und in der Inspektion Mitte für schwerste Körperverletzungen zuständig war. „Und dann, nach 35 Dienstjahren, kam meine genialste Idee: Ich ging nach Celle.“ Hier ermittelte er unter anderem in Brandsachen und im Bereich Kinderpornografie: „Da haben wir viele Gefängnisstrafen für die Täter erreicht.“ Und wie wird man dann KoB? „Natürlich freiwillig“, sagt Voigt: „Ich will Menschen helfen, so einfach ist das.“

Einer seiner "Fans" hat den KoB sogar schon als Kunstwerk verewigt.

Wie wird man Cop?

Die KoBs sollen auch Nachwuchswerbung betreiben und über den Job als KoB informieren – eine Abkürzung, die exakt wie ein englischer Slang-Ausdruck für Polizisten klingt: Cop. Wie wird man Cop? In Niedersachsen erfolgt der Einstieg in den Polizeiberuf über ein dreijähriges Bachelorstudium. Schon während des Studiums gibt es Gehalt – im ersten Studienjahr 1300 Euro netto monatlich. Im ersten Berufsjahr geht es bei 2400 Euro netto los – und „on top“, wie es seitens der Polizei heißt, lockt bei diesem krisensicheren Beruf nicht zuletzt die Verbeamtung.

Berührungsängste Fehlanzeige: Kontakt mit dem Gold-Mann.

Den Menschen in die Augen schauen

„Ich liebe das Direkte“, sagt Voigt: „Ich gehe gerne frontal in eine Situation, spreche Menschen direkt an, schaue ihnen in die Augen.“ Manchmal reiche das schon, um Kleinkriminelle zu verscheuchen: „Letztens habe ich einen Mann beobachtet, der möglicherweise mit Drogen zu handeln schien. Ich bin ihm einfach hinterher gegangen. Im Schlosspark fragte er mich, ob ich ihn verfolgen würde. `Ja´, habe ich ihm lächelnd gesagt. Da hat er sich dann ganz aus dem Staub gemacht.“ Gastwirt Nurettin Ekinci hingegen freut sich, dass Voigt heute auf einen Espresso bei ihm vorbeischaut. „Das macht er immer. Und dann reden wir – zum Beispiel über die miese Situation bei den öffentlichen Toiletten in der City.“ Den Gästen der Außengastronomie gibt Voigt einen Rat: „Wer sein Handy und seine Tasche auf dem Tisch liegen lässt, macht es Dieben leicht, sich die Sachen zu greifen und damit blitzschnell zu verschwinden. Solche Typen sind derzeit in der Stadt unterwegs.“ Einer alten Frau wickelt er den Henkel ihrer Handtasche fester um den Griff ihres Rollators: „Damit nichts weg kommt.“

Gastwirt Nurettin Ekinci hingegen freut sich, dass Voigt heute auf einen Espresso bei ihm vorbeischaut.

Auch nach Dienstschluss noch im Dienst

„Sind alle Celler so freundlich?“, fragen Matthias und Manuela Joseph aus Süddeutschland, als Voigt die beiden Touristen mit ihrem Handy vor dem Schloss für ein Erinnerungsfoto ablichtet.

Freund und Helfer: Frank-Michael Voigt fotografiert auch mal Touristen.

„Manchmal kann man Leuten echt den Tag retten.“

Polizist Frank Michael Voigt

Die Freundlichkeit ist nicht gespielt, die Hilfsbereitschaft liegt ihm im Blut. „Manchmal kann man Leuten echt den Tag retten“, lächelt Voigt und denkt an die drei Radwanderer zurück, die er kürzlich streitend und den Tränen nahe in der Stadt getroffen hat. „Die hatten zuvor in einem Hotel bei Lüneburg übernachtet, dann aus Versehen den Zimmerschlüssel mitgenommen und nun Angst, dass das jetzt sehr teuer für sie wird.

Da hab ich gesagt: Geben Sie man her, den Schlüssel – wir kümmern uns drum.“ Abends habe er den Schlüssel nach Dienstschluss zum rund 40 Kilometer entfernten Hotel gebracht: „Gern geschehen.“