Kampf für Akzeptanz

Nicht ohne meinen Assistenzhund

Assistenzhunde helfen Menschen mit unterschiedlichsten Krankheiten. Doch es kommt immer wieder zu Problemen. Fünf Cellerinnen wollen nun etwas bewegen.
  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 05. Aug. 2022 | 16:00 Uhr
  • 10. Aug. 2022
  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 05. Aug. 2022 | 16:00 Uhr
  • 10. Aug. 2022
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Celle.

Es ist irgendwie immer das Gleiche. Sobald Patricia Krohn-Leiffer ein Gebäude betritt, heißt es erst einmal Luft anhalten und abwarten, was passiert. Der Grund: Ihr Australian Shepherd Nanouk, ein ausgebildeter Assistenzhund, der ihr auf Schritt und Tritt folgt. "Viele Menschen sind darüber nicht aufgeklärt und wissen nicht, dass er mich begleiten darf. Auch in Arztpraxen und Supermärkte", sagt sie. "Sich dauernd erklären zu müssen, das ist sehr zermürbend."

Assistenzhunde helfen bei Diabetes, Epilepsie und Autismus

Assistenzhunde werden gezielt ausgebildet, um einen Menschen mit chronischer Beeinträchtigung dauerhaft zu unterstützen. Eingesetzt werden sie in vielen Bereichen, zum Beispiel bei posttraumatischen Belastungsstörungen (Ptbs), Autismus, Mobilitätseinschränkung, Epilepsie, Diabetes oder Asthma. Die Tiere lernen, selbstständig zu agieren. Sie leben dauerhaft bei ihrem Menschen und ermöglichen im lebenslangen Team ein mobileres und unabhängigeres Leben. Das unterscheidet sie von Therapiehunden, die nur zeitlich begrenzt zum Einsatz kommen und angeleitet werden.

Unterstützung auch bei psychischen Krankheiten

Krohn-Leiffer leidet, wie auch Astrid Roth, an einer psychischen Erkrankung, sie hat Angst vor Begegnungen mit Menschen, eine Soziale Phobie. Ihre Retter in der Not heißen Nanouk und Gustav. "Sie geben Sicherheit und beruhigten", erzählt Krohn-Leiffer. "Nanouk hat mein Leben wieder ein kleines Stück leichter gemacht." Erst kürzlich stieß die Winserin durch Zufall auf Gleichgesinnte. "Mir war überhaupt nicht bewusst, dass es in meinem Umkreis noch mehr Mensch-Hund-Gespanne gibt." Obwohl es Krohn-Leiffer große Überwindung kostete, nahm sie Kontakt auf. Inzwischen ist die Gruppe zu fünft und kämpft gemeinsam für mehr Akzeptanz und Toleranz.

Im Celler Allgemeinen Krankenhaus dürfen Assistenzhunde mit

Einen ersten riesigen Meilenstein erreichten die Frauen erst kürzlich. Karolin Bartels ist 30 Jahre alt und seit einem Autounfall schwer herzkrank. Ihr Assistenzhund Ari steht ihr zur Seite, erinnert sie daran ihre Medikamente zu nehmen und spürt Stress schon vor Bartels selbst. "Für mich war absolut naheliegend, dass ich Ari auch gerne dabei haben möchte, wenn ich ins Krankenhaus oder zum Arzt muss", sagt sie. "Überraschenderweise war das AKH sofort im Boot und hat es wirklich schnell ermöglicht. Das ist natürlich für mich selbst großartig, aber ich bin auch froh, dass ich damit für andere die Tür aufstoßen konnte."

Zu wenige Information bei Celler Geschäftsleuten und Ärzten

Soweit wie das AKH sind unterdessen noch lange nicht alle Geschäfte und Einrichtungen in Celle. "Viele sind nicht informiert", berichten die Frauen. Die Reaktionen – unterschiedlich. "Es kommt vor, dass wir wirklich respektlos angeschrien werden, ob wir denn nicht wüssten, dass Hunde verboten seien. Bei manchen reicht der Hinweis auf die Weste, die unsere Vierbeiner als Assistenz ausweist. Andere haben kein Einsehen und wollen uns trotzdem rausschmeißen. Dann wenden wir uns an den Geschäftsführer, im Zweifelsfall halten wir ihm unsere Papiere und den Gesetzestext vor die Nase."

Gesetz erlaubt Mitführen des Assistenzhundes

Seit gut einem Jahr ist in §12e des Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) verankert, dass Träger öffentlicher Gewalt sowie Eigentümer, Besitzer und Betreiber von beweglichen oder unbeweglichen Anlagen und Einrichtungen Menschen mit Behinderungen den Zutritt zu ihren für den allgemeinen Publikums- und Benutzungsverkehr zugänglichen Anlagen und Einrichtungen nicht wegen der Begleitung durch den Assistenzhund verweigern dürfen.

Kosten für Assistenzhund bei 30.000 Euro

"Es ist schon mal super, dass es dieses Gesetz nun gibt. Leider wird darüber noch viel zu wenig aufgeklärt und außerdem ist es lückenhaft", sagt Bartels. Voraussetzung für die Anerkennung ist nämlich, dass der Hund bei einem zertifizierten Assistenzhundetrainer ausgebildet wird, in Selbst- oder Fremdausbildung und eine Assistenzhund-Team-Prüfung bei einem zertifizierten Prüfer absolviert. Das Problem: Die Kosten für die Ausbildung werden aktuell nur in Ausnahmefällen übernommen. "Wir sprechen da von Kosten zwischen 25.000 und 30.000 Euro, das können viele Betroffene selbst gar nicht stemmen. Da muss unbedingt noch etwas passieren", fordert sie.

Hilfe auch bei Autismus

Anika Laukart ist Autistin, ist zusätzlich an Asthma und an Ptbs erkrankt. Sie selbst beschreibt ihr Leben als wundersame Reise, auf der sie sich permanent wie auf einem fremden, lebensunwirklichen Planeten gestrandet fühlt. "Zuri, meine Hündin, ist auf dieser Reise mein Guide", sagt sie.

Hündin kann Panikattacken riechen

Die Riesenschnauzer-Dame ist inzwischen zwei Jahre alt und aus Laukarts Leben nicht mehr wegzudenken. "In Ihrer Funktion schafft sie mir Platz durch ihre Präsenz aber auch zur Not mittels eines 'Wuffs'. Durch den Platz den wir so haben, fühle ich mich so sicher, dass ich nach Jahren des Rückzugs und des Nichtverlassens des Hauses außer zum Studium oder zum Einkaufen, mich wieder traue rauszugehen", berichtet die 30-Jährige. "Zuri ist außerdem darauf konditioniert, zu erschnuppern, wann sich eine Panikattacke aufbaut. Noch bevor ich es merke, bringt sie mich dann eigenständig zum Auto oder einer Bank. Durch Zuri bin ich selbst weichherziger geworden, ich lächle wieder und gehe regelmäßig raus, manchmal ist es mir sogar egal, ob ich dabei auf Menschen treffe."

Hilfe für Rollstuhlfahrer beim Einkaufen

Wie hilfreich der tierische Partner sein kann, das weiß auch Annette Riebienski. Sie sitzt wegen eines anerkannten Impfschadens seit 20 Jahren im Rollstuhl und möchte auf die Unterstützung ihres Schäferhundes nicht mehr verzichten. "Ich stoße im Alltag schnell an meine Grenzen. Gerade in kleineren Ortschaften sind Geschäfte nicht immer barrierefrei. Da hilft mein Hund schon mal, in dem er mir die Tür aufhält oder mit einem Körbchen im Maul eben alleine zum Bäcker reingeht", erzählt sie. "Beim Spaziergang kann es mal passieren, dass ich mich festfahre, da holt er Hilfe. Oder er sammelt größere Zweige vom Weg."

Assistenzhunde in Ruhe arbeiten lassen und Abstand halten

Hinweisen möchte Riebienski darauf, dass andere Hundehalter oder Spaziergänger Abstand halten. "Ich möchte, dass die Menschen wissen, dass ein Assistenzhund unterwegs immer im Dienst ist. Da ist es mitunter schwierig, wenn ungefragt andere Tiere angelaufen kommen oder der Hund ständig angesprochen wird. Das lenkt ihn ab. Außerdem ist und bleibt ein Assistenzhund ein Hund und sollte er mal in eine Beißerei verwickelt werden, kann ihn das seinen Job kosten."

Auf der Webseite www.pfotenpiloten.org kann man unter anderem sehen, welche Geschäfte bereits über das neue Gesetz aufgeklärt sind und Assistenzhunde ohne Nachfrage hereinlassen.