Inflationsauswirkungen

Arme trifft es im Landkreis Celle besonders hart

Nicht nur Celler Rentner, Studenten und Alleinerziehende mit geringem Einkommen sehen Sozialverbände durch die Inflation bedroht, sondern weit mehr.
  • Von Andreas Babel
  • 01. Aug. 2022 | 19:00 Uhr
  • 01. Aug. 2022
  • Von Andreas Babel
  • 01. Aug. 2022 | 19:00 Uhr
  • 01. Aug. 2022
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Celle.

Gewerkschaften und Sozialverbände schlagen Alarm: Wegen der Inflation geht es Ärmeren auch im Landkreis Celle immer schlechter. In den Sprechstunden des Sozialverbandes Deutschland (SoVD) sind Fragen wie diese an der Tagesordnung: „Was sollen wir denn machen? Wir können uns Fleisch nicht mehr leisten. Wie soll ich mich denn gesund ernähren, wenn eine Melone 5 Euro kostet?“ Sabine Kellner ist Geschäftsführerin der Celler SoVD-Geschäfsstelle. Sie rät den Hilfesuchenden, sich Lebensmittel von der Celler Tafel zu holen. „Doch gerade in der älteren Generation ist die Hemmschwelle, zur Tafel zu gehen, hoch“, erlebt sie seit Jahren.

Auch Mittelschicht in Gefahr?

Kellner schätzt, dass in der jetzigen Situation sogar die Mittelschicht stark betroffen sein wird. „Die Studierenden und Rentner hat unsere Landesregierung ohnehin schon vergessen. Da legen wir seit Jahren unseren Finger in die Wunde. Wir als SoVD sind immerhin jetzt in einigen Arbeitskreisen des von der Landeregierung gegründeten Energiegipfels ganz dicht dabei“, sagt Kellner.

80,4 Millionen Euro Kaufkraftverlust

Wegen rasant steigender Preise gehen den Haushalten im Landkreis Celle in diesem Jahr rund 80,4 Millionen Euro an Kaufkraft verloren – vorausgesetzt, die bisherige Teuerungsrate zieht nicht noch weiter an. Allein bei Lebensmitteln müssen die Verbraucherinnen und Verbraucher mit Mehrausgaben von 37,5 Millionen Euro rechnen. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit. Die NGG beruft sich hierbei auf eine regionale Kaufkraftanalyse des Pestel-Instituts (Hannover). Danach sind Menschen mit schmalem Portemonnaie besonders betroffen: In den 28.900 Haushalten, in denen im Kreis Celle Alleinerziehende und Singles mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 2000 Euro leben, belaufen sich die hochgerechneten Kaufkraftverluste – vom Heizen bis zum Einkauf im Supermarkt – bis Jahresende auf 18 Millionen Euro.

"Alarmierende Zahlen"

NGG-Regionalgeschäftsführerin Lena Melcher spricht von „alarmierenden Zahlen“. Durch die Preissteigerungen drohten soziale Verwerfungen, wenn die Politik nicht durch weitere, gezielte Entlastungen gegensteuere. „Vom Kellner bis zur Bäckereifachverkäuferin – Beschäftigte, die keine Spitzenverdiener sind, müssen derzeit jeden Cent zweimal umdrehen. Wer ohnehin schauen muss, wie er bis zum Monatsende durchkommt, bei dem schlagen die aktuellen Mehrausgaben enorm zu Buche“, so Melcher. Laut Pestel-Institut sind die gestiegenen Lebensmittelpreise ein besonderer Inflationstreiber: Der durchschnittliche Haushalt im Kreis Celle hat in der ersten Jahreshälfte allein bei Nahrungsmitteln eine Zusatzbelastung von 38 Euro im Monat zu tragen. Die Mehrausgaben für Energie belaufen sich auf monatlich 34 Euro, Mobilität verteuerte sich um 9 Euro.

Inflation frisst Lohnerhöhungen auf

Nach Beobachtung der NGG treffen die Preissprünge im Supermarkt „ausgerechnet die Menschen besonders stark, die selbst mit Lebensmitteln arbeiten – ob im Restaurant, in der Brauerei oder in der Backwarenfabrik“. Zwar sei es der Gewerkschaft in diesem Jahr gelungen, durch Tarifabschlüsse etwa im Gastgewerbe kräftige Lohnerhöhungen zu erzielen. Die Inflation drohe jedoch, diese zunichte zu machen. „Was wir jetzt brauchen, sind spezielle Hilfen für Beschäftigte mit geringen Einkommen. Aber auch für Rentnerinnen und Rentner, Studierende und Arbeitsuchende. Die bisherigen Entlastungspakete der Bundesregierung reichen nicht aus. Die Ampel muss nachlegen“, fordert Melcher. Sie spricht sich für einen „Energiepreisdeckel“ aus, um Privathaushalte vor explodierenden Kosten für Gas und Strom zu schützen. Dabei müssten alle Entlastungen sozial ausgewogen sein.