Gefährlicher Dienst

Gewalt gegen Celler Polizei: Beleidigungen sind an der Tagesordnung

Alle vier Tage wird ein Polizist in Celle statistisch gesehen Opfer von Gewalt. Attacken und Beleidigungen gehören für viele Polizisten zum Alltag. Berufsrisiko, sagen sie. Trotzdem wünschen sie sich härtere Strafen dafür - und sprechen eine unangenehme Wahrheit aus. 

  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 21. Nov. 2022 | 17:05 Uhr
  • 22. Nov. 2022
Celles Polizisten erleben im Dienst regelmäßig Gewalt. Die Täter werden dafür nur in den wenigsten Fällen bestraft.
  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 21. Nov. 2022 | 17:05 Uhr
  • 22. Nov. 2022
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Celle.

Alle vier Tage wird ein Polizist in Celle statistisch gesehen Opfer von Gewalt. Beleidigungen sind beinahe an der Tagesordnung. "Der Trend geht auf jeden Fall nach oben, es kommt häufiger zu Vorfällen als noch vor einigen Jahren", sagt Einsatz-Leiter Malte Ramme. "Im Jahr 2021 haben wir 51 Widerstände und 38 tätliche Angriffe registriert. 2020 waren es 46 und 27. 2019 war die Zahl noch geringer."

Die meisten Vorfälle passieren im Streifendienst

Stefan Neidhart arbeitet im Streifendienst und gehört damit zu der Gruppe Polizisten, die am häufigsten mit Widerstand und Gewalt in Kontakt kommen. "Es gibt reichlich Vorfälle", bestätigt er. Gesundheitliche Folgen eines Angriffs belasten ihn seit Jahren. "Mir hat mal jemand im Rahmen eines Widerstandes einen Finger ins Auge gerammt. Ich musste operiert werden, von den Nachwirkungen habe ich heute noch was."

"Dass etwas passieren kann, ist Berufsrisiko, wenn es dann aber dazu kommt, sollte es eine drakonische Strafe für den Täter geben, alleine schon aus Gründen der Abschreckung."

Stefan Neidhart, Streifenpolizist

Justiz schützt Polizisten nicht gut genug

Dass es in seinem Job durchaus zu Auseinandersetzungen kommen kann, war ihm bereits früh klar. "Das habe ich gewusst und habe mich trotzdem für den Beruf entschieden. Ich würde mich auch heute wieder dafür entscheiden", sagt er. Was ihn stört: der lasche Umgang der Justiz mit solchen Vorfällen. "Dass etwas passieren kann, ist Berufsrisiko, wenn es dann aber dazu kommt, sollte es eine drakonische Strafe für den Täter geben, alleine schon aus Gründen der Abschreckung." Wenn es überhaupt zu Ermittlungsverfahren in Fällen von Gewalt gegen Einsatzkräfte komme, würden diese sehr oft eingestellt. So auch bei Neidharts Augenverletzung. "Ich habe Schmerzensgeld bekommen, das war es dann aber auch. Die Justiz schützt uns Polizisten einfach nicht genug. Da muss dringend etwas passieren."

Neuer Paragraf bringt in Praxis nur wenig Besserung

Im Mai 2017 hatte der Bundestag einen neuen Straftatbestand geschaffen: Der „tätliche Angriff auf Vollstreckungsbeamte“ (Paragraph 114 Strafgesetzbuch) sieht für solche Vergehen eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis fünf Jahren vor. "Wirklich etwas gebracht hat das aus meiner Sicht nicht. Es können nicht immer nur neue Gesetze geschaffen werden, es muss auch dementsprechend gehandelt werden", meint Neidhart.

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"So Begriffe wie 'Bulle' nehme ich inzwischen schon gar nicht mehr wahr, auch wenn es da eigentlich schon mit der Respektlosigkeit anfängt."

Nico Bach, Polizist

Drohungen und Beleidigungen werden oft persönlich

Auch Nico Bach wird im Arbeitsalltag beinahe täglich beleidigt. "So Begriffe wie 'Bulle' nehme ich inzwischen schon gar nicht mehr wahr, auch wenn es da eigentlich schon mit der Respektlosigkeit anfängt", sagt er. "Leider bleibt es oftmals nicht so harmlos. Das kann einen schon mal treffen und auch Angst machen, wenn jemand zum Beispiel droht und die Familie mit reinzieht, so nach dem Motto 'Ich weiß, wo du wohnst!'. Manche haben damit mehr zu kämpfen, manche weniger. Aber schön ist das nie."

Bodycams bringen mehr Sicherheit für Polizisten

Etwas sicherer fühlt sich Bach, dem vor einigen Jahren im Einsatz das Handgelenk gebrochen wurde, seitdem er eine Bodycam trägt. Das ist im Polizeidienst seit rund zweieinhalb Jahren erlaubt, aber nicht verpflichtend. Die Bodycams tragen die Beamten in der Regel an der Schulter. Sie sollen konfliktträchtige Situationen im öffentlichen Raum aufzeichnen, um so hinterher objektives Beweismaterial zu haben, wenn ein Geschehen eskaliert ist. Die Kameras sollen Polizisten vor Gewaltexzessen schützen. Aufnahmen in Privaträumen sind allerdings verboten.

Kein Platz für Ängste im Arbeitsalltag

Angst vor Einsätzen haben beide Polizisten trotz aller Erlebnisse nicht. "In einer Kleinstadt wie Celle kennt man seine Pappenheimer größtenteils, da hört man den Namen und kann sich ungefähr vorstellen, was einen erwartet und sich ein Stück weit drauf einstellen", sagt Neidhart. "Sorgen oder sogar Angst habe ich aber nicht, ich glaube, dann wäre ich auch nicht unbedingt für meinen Job geeignet."

Schwierige Einsätze werden im Nachgang aufgearbeitet

Im Nachgang kann es unterdessen schon vorkommen, dass ein Einsatz belastet. Das wird dann in Gesprächen aufgearbeitet, entweder unter Kollegen oder mit Vorgesetzten. Spurlos geht der oft schwierige Berufsalltag an Neidhart und seinen Kollegen nämlich nicht vorbei: "Letztlich sind wir auch nur Menschen, sobald wir die Uniform ausziehen. Schlimme Beleidigungen, Drohungen oder Verletzungen lassen sich dann nicht mal eben mit Dienstschluss abschütteln."