Flucht vor Krieg

Ukrainerinnen in Celle leben jeden Tag in Angst

Viele Ukrainer haben in Celle Schutz vorm Krieg gesucht. Manche mussten dabei ihre Familie zurücklassen. Drei Frauen berichten über ihre Flucht.

  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 28. Aug. 2022 | 09:05 Uhr
  • 28. Aug. 2022
Olena Zinchenko, Olena Mashchenko und Oksana Kryvenko leben aktuell mit ihren Kindern in Celle.
  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 28. Aug. 2022 | 09:05 Uhr
  • 28. Aug. 2022
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Charkiw, die Heimat von Olena Mashchenko, wird seit Monaten täglich beschossen. Ein großer Teil der ostukrainischen Stadt ist inzwischen zerstört. 
Celle.

Als Oksana Kryvenko am Morgen des 24. Februar die Augen aufschlug, hörte sie, dass ihr Handy klingelt. Ihre Mutter war dran und sagte nur: Kinder steht auf, der Krieg hat begonnen. „Es herrschte erst einmal komplette Ruhe bei uns im Haus", erinnert sich die 37-Jährige Ukrainerin. „Nach ein paar Minuten begannen wir zu überlegen, was wir nun tun sollen.“

 

Kriegsbeginn am 24. Februar schockte alle

Völlig überraschend kam diese Horrorbotschaft am frühen Morgen für Kryvenko nicht. Tief im Inneren hatte sie schon lange damit gerechnet, dass dieser Tag kommen würde. „Ich habe schon im Vorfeld viel Nachrichten geschaut und hatte das Gefühl, dass viele Medien versucht haben, Panik im Land zu vermeiden“, erzählt sie. „Ich hab mir allerdings auch vorher schon große Sorgen gemacht.“

 

Vom Militär zum Friseur-Job

Was es bedeutet, im Krieg zu sein, das musste ihre Familie bereits erleben. Ihr Mann war jahrelang beim Militär. „Er war bereits in Donbass als Arzt im Einsatz und was er da gesehen und erlebt hat, muss furchtbar gewesen sein. Als er zurück nach Hause kam, war er ein anderer Mensch. Unsere Tochter war noch klein und unsere Familie wäre deswegen fast auseinandergebrochen“, berichtet Kryvenko. „Wir haben uns am Ende doch wieder zusammengerauft, allerdings unter der Bedingung, dass mein Mann das Militär verlässt. Er hat sich beruflich dann neu orientiert und begann als Friseur zu arbeiten. Alles hatte sich beruhigt, wir hatten wieder ein gutes Leben.“

 

Männer mussten an Grenze zurückbleiben

Umso schrecklicher war das Dejavu, das die Familie erlebte, als dem Ehemann und Vater auf der Flucht an der Grenze zu Polen die Ausreise verweigert wurde, wie so vielen anderen Männern auch. „Diese Momente waren schrecklich. Ihn dort zurückzulassen und mit unserer Tochter alleine weiterzufahren, so ein Erlebnis wünsche ich niemandem“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Am Ende hatte die Familie großes Glück im Unglück, wie Kryvenko selbst sagt. Ihr Mann durfte schließlich doch das Land verlassen und so landete die ganze Familie in Celle.

Sicherheit der Kinder steht an oberster Stelle

Dieses Glück hatte Olena Mashchenko nicht. Nach Beginn des Krieges blieb ihre Familie noch für knapp zwei Wochen in der Heimat, doch dann entschied die Mutter in ihr, zu handeln. Sie musste ihren Ehemann und ihre beiden älteren Kinder im Kriegsgebiet zurücklassen. Es war die härteste Entscheidung, die sie in ihrem Leben je getroffen hat, darüber zu sprechen fällt ihr schwer. "Meine Familie lebt in Charkiw, die Stadt war früh Ziel des russischen Überfalls. Ich habe das für meine beiden jüngeren Kinder getan. Wir haben entschieden, dass wir die beiden in Sicherheit bringen müssen. Dort waren wir nicht mehr sicher", sagt sie.

 

Große Hilfsbereitschaft während Flucht aus Ukraine

Gemeinsam mit den 14 und 7 Jahre alten Kindern machte sich die Ukrainerin auf den Weg. Mit dem Auto, ganz alleine. Sieben Tage lang dauerte die Reise. "Wir hatten keine Winterreifen, es war sehr beschwerlich. Wir haben aber sehr viele hilfsbereite und freundliche Menschen unterwegs getroffen, sie haben alle versucht, uns irgendwie zu unterstützen", berichtet sie.

 

Mit 600 Menschen in einem Zugwaggon auf der Flucht

Große Unterstützung hat unterdessen auch Olena Zinchenko erfahren. Sie kommt aus Krywyj Rih, einer Stadt im Süden der Ukraine, und auch sie nahm ihre jüngsten Kinder und ließ in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alles zurück, was ihr wichtig ist. "Wir sind mit dem Zug gefahren, in einem Waggon waren 600 Menschen. Meine jüngste Tochter hat auf dem Boden versucht zu schlafen, es war sehr hart", erzählt sie.

 

Celler vermittelten Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit

Nach all diesen traumatisierenden Erlebnissen und schweren Entscheidungen ist sie dabei umso dankbarer, für das, was dann passierte. "Wir haben so viele nette Menschen getroffen. Die ersten anderthalb Monate haben wir bei einer Celler Familie gewohnt, die haben sich um uns gekümmert, uns umsorgt, als wären wir schon immer Teil ihrer Familie", sagt sie. "Wir konnten uns trotz aller Sorgen und Ängste zu Hause fühlen, das werde ich niemals vergessen."

 

Sorge um Familie zu Hause in Charkiw

Alle drei Frauen haben sich inzwischen gut eingelebt in Celle – soweit es die Umstände und die dauerhaft präsente Angst eben zulassen. "Ich wache jeden Morgen auf und schicke als erstes eine Nachricht in die Heimat und frage meinen Mann, ob er und meine Kinder die Nacht überlebt haben", erzählt Olena Mashchenko. "In Charkiw wird jeden Tag geschossen, es gibt jeden Tag Alarm."

 

Sport als Ablenkung

Um nicht völlig durchzudrehen, versucht sich die vierfache Mutter zu beschäftigen. Sie macht viel Sport, beim Laufen kann sie zumindest für den Moment alles andere ausblenden. "Das hilft mir. Ich trainiere gerade für den Berlin-Marathon und beim Wasa-Lauf in Celle möchte ich auch teilnehmen", kündigt sie an. Noch gar nicht richtig in Celle angekommen, begann sie damit, Freizeitangebote für ukrainische Kinder anzubieten. Zum Beispiel Schwimmkurse. "Ich werde verrückt, wenn ich nur rumsitze."

 

Kinder gehen in Celle zur Schule und lernen Deutsch

Die Kinder der drei Frauen haben sich oberflächlich gut mit der Ausnahmesituation arrangiert. Sie gehen hier zur Schule, lernen Deutsch, machen Sport und treffen sich mit Freunden. "Sie machen das gut", sagt Oksana Kryvenko. "Aber natürlich leiden sie trotzdem extrem. Meine Tochter fängt oft an zu weinen und fragt, wann wir wieder nach Hause können. Sie ist acht Jahre alt und versteht ziemlich gut, was da passiert. Sie weiß aber auch ganz genau, dass es uns aktuell in Celle besser geht als zu Hause in Lemberg."

 

Lemberg ist bislang noch nicht so stark betroffen

Auch Kryvenko selbst vermisst ihre Heimat jeden Tag. "Lemberg ist eine wunderschöne Stadt, Teile davon zählen zum Weltkulturerbe. Ich hoffe so sehr, dass die Stadt von schlimmeren Bombenangriffen verschont bleibt", sagt sie. Aktuell sei die Situation vor Ort verhältnismäßig entspannt. "Deswegen bleiben meine Mutter und meine Schwestern auch da. Sie kommen nur nach, wenn die Situation auch bei uns noch vollends eskaliert."

 

Hoffen auf ein baldiges Kriegsende und Rückkehr in Heimat

Zurück nach Hause wollen alle drei Familien. So schnell, wie irgendwie möglich. Alle drei glauben daran, dass die Ukraine eines Tages wieder ein friedvolles, unabhängiges und vor allem sicheres Land sein wird. "Wir glauben, dass der Sieg aktuell jeden Tag ein bisschen näher rückt. Unseren Optimismus haben wir nicht verloren, wir hoffen, dass wir schon bald all unseren deutschen Freunden unsere geliebte Heimat zeigen können."