Der "King" hautnah

Junges „Fräulein“ aus Celle drehte mit Elvis Presley

Die Cellerin Roslies Wille-Nopens erinnert sich an die Dreharbeiten zu "G.I. Blues". So erlebte sie den "King" Elvis Presley ganz persönlich.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Aug. 2022 | 13:00 Uhr
  • 19. Aug. 2022
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  • 19. Aug. 2022
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Celle.

Elvis ist tot. Die Welt steht still. Unfassbar diese absurde Realität. Auch die Cellesche Zeitung hatte am 20. August 1977 eine Sonderseite über das Ableben des "King of Rock ’n’ Roll". Er wurde gerade mal 42 Jahre alt.

Elvis-Film „G.I. Blues“ läuft in Deutschland als "Café Europa"

„Er war so ein liebenswürdiger, höflicher, amerikanischer junger Mann, als ich ihn kennenlernte“, erinnert sich Roslies Wille-Nopens. Sie war damals eine junge Frau im Schauspielstudium. Die Geschichte ist lang, aber sie ist auch zu schön, um sie nicht zu erzählen. Immerhin hat Nopens für den Elvis-Film „G.I. Blues“ in Wiesbaden vor der Kamera gestanden, der in Deutschland unter dem Titel „Café Europa“ lief. Es ist wie ein kleines Wunder, dass hier in Celle so ein historischer Rückblick beginnt.

Wundersame Wiederentdeckung

Anstoß gab ein Treffen anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Dreharbeiten des Films des Elvis-Presley-Vereins Bad Nauheim–Friedberg 2009, wundert sich Wille-Nopens selbst über die wundersame Wiederentdeckung einer Episode ihres Lebens, einer spannenden Zeit.

Auf Fotos mit Elvis

Eine mittlerweile gute Freundin aus der Fan-Gemeinde, Brigitte Faatz, damals auch Stadtarchivarin, sei an sie herangetreten. „Durch das Treffen habe ich zwei Fotos wieder bekommen, auf denen ich mit Elvis zu sehen bin, die ich nie besaß“, freut sich Wille-Nopens. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer und beginnt, zurückzudenken an diese von Zufällen getragene Zeit.

Typisches Flüchtlingsschicksal

1936 in Königsberg geboren in ein typisches Flüchtlingsschicksal, ist ihre Kindheit alles andere als märchenhaft. 1944 ausgebombt, landete die Familie zunächst im amerikanisch eroberten Raum um Halle, Eisleben/Helbra. Mit ihrer Mutter und zwei Brüdern musste sie alles meistern. Ihr Vater war eingezogen worden, als Meldefahrer in Polen, vorher wegen Hochverrats ein Jahr in KZ-Haft gekommen. „Als mein Vater 1948 zurückkehrte, war er traumatisiert.“ Einer der Gründe, warum Wille-Nopens seit 1978 psychotherapeutisch gearbeitet hat.

"Furchtbarste Zeit unseres Lebens"

Nach drei Versuchen habe man es über die „Grüne Grenze“ geschafft ins Lager Uelzen, in eine Scheune. Von dort aus ging es nach Bunderneuland-Ostfriesland, Kreis Leer. „Wir hatten ein Zimmerchen ohne Wasser, Toilette, Möbel und schliefen auf Strohsäcken – die furchtbarste Zeit unseres Lebens, bis mein Vater aus der Gefangenschaft kam. Als es ihn nach Frankfurt auf den Bau verschlug, meinte er, ich könne meine Schwesternausbildung dort abschließen. Je mehr von uns in Frankfurt waren, desto schneller konnte man Bezugsscheine für Wohnungen bekommen.“

Zuständig für Versorgung der Amerikaner

Überbrückend habe Nopens damals als Bedienung gearbeitet und wurde kurz darauf von einem amerikanischen Zivilisten, Mitarbeiter des US CIC (Counter Intelligence Corps) aus dem Lokal geholt, um auf der Air Base Landstuhl-Ramstein zu arbeiten. Bedienen sei nicht gut für junge Mädchen. „Er besorgte mir eine Stelle in der Reinigungsannahme und -ausgabe. Einige Wochen später wurde ich ins Büro „Medical Supply“ versetzt und war zuständig für die Versorgung aller in Europa stationierten Amerikaner. Mein Englisch war gut und wurde mehr und mehr amerikanisch. Wohnen konnte ich günstig in einer süßen Bleibe. Dort las ich eines Tages in der Zeitung, in Kaiserslautern suche man die schönsten Mädchen. Auch winken Geschenke, die heiß begehrten Perlonstrümpfe. Heute unvorstellbar. Damals zog es mich magisch an. Ich fand mich nicht besonders hübsch, dachte aber, vielleicht genügt auch Freundlichkeit. Ich fuhr hin und machte den fünften Platz. Ich bekam ein Köfferchen mit 24 Perlon-Strumpfhosen, eine Armbanduhr und eine Kette in Doublé. Ich fühlte mich großartig. Mein Gott, war ich reich.“

Amerikanischer Pilot wird erste Liebe

Auf der Air Base fand Nopens auch ihre erste Liebe. Henry Palmer war amerikanischer Pilot. Man meint, hier probe das Leben schon den herannahenden Film. Leider schlug das Schicksal zu und ihr Henry stürzte mit einem F86 Jet, auch genannt "Witwenmacher", ab.

Nopens fühlt sich als Glückskind

Ein Dreivierteljahr später, es war 1957, kam erneut ein Schreiben der Strumpffirma „Opal“. „Nun lud man mich zum nächsten Schönheitswettbewerb ein, nach Mainz. Was war ich doch nur für ein Glückskind. Wieder dachte ich an Geschenke und fuhr ins Mainzer Schloss. Es meldete sich Herbert Maris (etabliert im Film-Geschäft) und sagte ‚Fräulein Nopens, Sie halten sich ein bisschen gesondert. Sie haben einen guten Eindruck hinterlassen.‘ Es wurde immer komischer. Man schickte mich zum Friseur. Ich fand mich nun wirklich hübsch. Dann wurde ich zur Laufprobe bestellt. Ich wunderte mich, wo die anderen Mädchen sind. Die kämen später, hieß es nur. Und ‚falls Sie stolpern, einfach weitergehen‘, riet man mir."

Schönheitswettbewerb gewonnen

Kleidung wurde verteilt - Shorts, Oberteil, Korsage. "Sieht das toll aus, dachte ich", erinnert sich Wille-Nopens. "Auch der Badeanzug, die bildschönen Kleider. Nach Interviews, neben all den Schönheiten hoffte ich auf einen vierten oder fünften Platz. Es blieb nur noch der Gang in den Abendkleidern. Ich wollte gerade raus, da gab mir eine Stewardess ihre hohen Absatz-Schuhe: ‚Kindchen, das können Sie.‘ Ich stolzierte über den Steg. Dann Warten in der Garderobe. Man kam zu mir. Ob ich verrückt sei, warum ich mich schon umgezogen hätte. Schnell zog ich wieder das Abendkleid an. Man zerrte mich auf die Bühne. ‚Herzlichen Glückwunsch, Sie sind Miss Mainz.“ Presse. Geschenke. ‚Frau Nopens, es wird weitergehen, ich werde Sie betreuen‘, schickte Herbert Maris einen Brief. Ich schrieb, ich studiere Schauspiel und wolle vorerst keine Werbetouren mehr für Opal, die Strumpffirma machen. Maris erwiderte, das sei eine sehr gute Idee." Ein paar Wochen später habe er sie gebeten, in einem Elvis-Film mitzuspielen.

Zwei weitere Damen

„Nun kam ich mir wirklich vor, wie das Flüchtlingsmädchen, dass die Ausbildung nicht zu Ende bezahlen konnte, nun aber alle Träume erreichte. Hinterher las ich, dass man auch Nadja Tiller, Vera Tschechowa und zwei weitere Damen für die Rolle unter die Lupe nahm. Jedenfalls wurden Elvis und ich immer wieder zusammengebracht. In der Zwischenzeit gab es Überlegungen mit Juliet Prowse, die auch Tänzerin war. Sie sollte schließlich die weibliche Hauptrolle in Amerika bekommen", so Roslies Wille-Nopens.

Drehverbot während Militärzeit

Wie man anhand der täglichen „Day sheet’s“ sieht, wurde im August 1959 gedreht. Elvis trat im Oktober 1958 seinen Militärdienst in Friedberg an und lebte vom 3. Februar 1959 bis zum 2. März 1960 in Bad Nauheim in der Goethestraße 14. Während seiner Militärzeit drehen durfte er nicht. „Bei unseren Treffen ging Elvis mit mir respektvoll um. Von seiner Seite gab es weder Erotik noch flirtete er", erinnert sich die Cellerin. "Ich interessierte mich auch in der Hinsicht nicht für ihn. Er war sachlich, nett, gut erzogen. Kein großer Unterhalter. Er war zu dem Zeitpunkt eher ein Hillbilly, kein Mann von Welt.“ Höchst unangenehm empfand Nopens bei jedem Kontakt den Stab um ihn.

Dreharbeiten in Deutschland mit Double

„Der Dreh wurde nicht an die große Glocke gehängt und alles abgeschirmt. Was in Deutschland stattfinden konnte, drehten wir mit einem Double. Einiges entdeckte ich im Film wieder, wie Wiesbaden, den Stadtbummel, die Gondel, Rüdesheim, Autofahren, mit dem Schiff. Anderes flog raus. Alles, was ich getragen habe, Kleidergröße 34 bis 36, wurde nach Amerika gebracht. Meine Lederjacke trug Juliet Prowse, auch Kopftuch und Handschuhe. Nur das Kleid war ähnlich. Ich wurde täglich als Einzige vom Chauffeur abgeholt. In der Zeit hatte ich keinen Schauspielunterricht.“

Gespräche mit Elvis

Das offizielle Kennenlern-Dinner habe im Hotel Frankfurter Hof stattgefunden, mit nur einem Mitglied seines Stabs. „Elvis wollte wissen, wo ich wohne. Er dachte, ich wäre Amerikanerin, meinte, ich würde ein fantastisches Englisch sprechen, fehlerlos und wie aus New York. Wie es dazu kam? Stichwort „Medical Supply“. Darüber sprachen wir länger und woher ich komme? Mit Königsberg und den Russen konnte er nicht viel anfangen. Wir trafen uns auch im Frankfurter Brückenkeller mit Hal Wallis. In dieser Zeit hatte Elvis wohl auch Priscilla kennengelernt.“

Viele Bühnen folgen

Für Marlies Nopens, ab 1973 nach Hochzeit Wille-Nopens, folgte dann viel geliebte Bühne in Hof, Frankfurt, Coburg, Nürnberg und im Celler Schlosstheater. Sie heiratete zwei Mal und hat zwei Kinder. Nebenbei erzählt sie, dass sie als Miss Mainz und in den Münchner Bavaria-Studios Geiselgasteig Kirk Douglas, Toni Curtis, Janet Leigh oder Harald Juhnke traf und kleine Auftritte in Heimatfilmen wie „Gruß und Kuss vom Tegernsee“ bekam.

Elvis Talent erst später schätzen gelernt

Was aber dachte sie, als Elvis starb? „Ich war ziemlich erschüttert, weil ich die ganze Truppe wieder vor mir sah. Die Männer waren nicht gut für ihn. Sie haben alle von ihm gelebt. Besetzer, die sein Leben bestimmten. Sie hätten seine Drogenabhängigkeit verhindern, das Weiterleben ermöglichen können. Elvis war unglaublich großzügig. Damals interessierte ich mich noch nicht so für ihn. Später erst lernte ich seine Balladen kennen, sein Talent schätzen, zumal ich für das Theater selbst Gesangsunterricht nahm. Er war eine Ausnahmebegabung. Es war traurig. Er war ein so liebenswerter, angenehmer, typisch amerikanischer junger Mann.“ Sie lacht. „Das Jacket war immer ein bisschen zu groß. Und sein linker Arm, den hat er beim Essen auf den Schenkel gelegt.“ Umso fröhlicher machen sie die beiden Fotos aus dem Brückenkeller. Und die Bilder, die sie in sich trägt.

„G.I. Blues” und „Café Europa” (1960)

Daten und Fakten: „Café Europa“ ist der deutsche Titel des
US-amerikanischen Musikfilms (104 Minuten) von Norman Taurog (Regie) aus dem Jahr 1960, der unter dem Originaltitel „G.I. Blues“ lief und in dem Elvis Presley neben Juliet Prowse als Schauspieler auftrat. Elvis kehrte nach seiner Militärzeit in Deutschland im März 1960 in die USA zurück. Dort begannen die Dreharbeiten für „Café Europa“ am 21./26. April und endeten am 24. Juni 1960. Der kam am 23. November in die US-amerikanischen Kinos und lief in Deutschland am 23. Dezember an. Er wurde von Hal B. Wallis für die Paramount Pictures produziert. Die Außenaufnahmen entstanden bereits im Sommer 1959 in Friedberg, Aßmannshausen, Idstein, Frankfurt, Wiesbaden und Rüdesheim unter dem deutschen Aufnahmeleiter Herbert Maris. Elvis selbst drehte ausschließlich im Studio.

Handlung: Tulsa McLean (Elvis Presley) und zwei weitere in Deutschland stationierte US-Soldaten gründen in ihrer Freizeit eine Band und hoffen, mit dem Ersparten später einen Nachtclub eröffnen zu können. Durch eine Wette kommt Tulsa mit der erst unnahbaren
Cabaret-Tänzerin Lili (Juliet Prowse) zusammen ...

Aufnahmeorte in Deutschland: Die meisten Szenen entstanden in den USA. Viele Außenszenen wurden aber im Vorfeld in Deutschland gedreht wie die Fahrt in der Gondel (Kabinenseilbahn auf dem Rüdesheimer Berg zum Niederwalddenkmal), eine Schiffstour auf dem Rhein, Szenen an den Hauptbahnhöfen in Wiesbaden und Frankfurt am Main und andere. Diese Aufnahmen wurden ohne Elvis gedreht und später in den Film geschnitten.

Gewusst …? Der Film führte in Deutschland zu einer Boom des Titels „Wooden Heart“ durch Elvis Presleys Version des Volkslieds „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“. In kurzer Zeit wurden in Deutschland rund 400.000 Platten verkauft.

Von Aneka Schult-Fietz