Celler Schlosstheater

Jugendclub brilliert bei Premiere in Halle 19

Jugendclub spielt Jugend ohne Gott und wird bei Premiere vor ausverkauftem Haus bejubelt
  • Von Doris Hennies
  • 04. Juli 2022 | 12:00 Uhr
  • 04. Juli 2022
  • Von Doris Hennies
  • 04. Juli 2022 | 12:00 Uhr
  • 04. Juli 2022
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Celle.

„Es ist das Zeitalter der Fische“ erklärt Caesar, der erfahrene Ex-Kollege, dem frustrierten „Lehrer“ - ein Schlüsselsatz im Stück „Jugend ohne Gott“. Der Jugendclub des Celler Schlosstheaters hat es sich mit der Wahl der, für die Bühne von Christopher Hampton bearbeiteten, Vorlage des Roman von Ödön von Horváth nicht leicht gemacht – die Herausforderung aber sehr gut gelöst. Am Donnerstag feierte der Club mit dem Stück - vor ausverkauftem Haus – in Halle eine zu Recht bejubelte Premiere.

Mit Absicht hat „der Lehrer“ als Protagonist keinen Namen. Im Konzept des Jugendclubs teilen sich sogar drei Darstellende diese Rolle. Weder Geschlecht noch Informationen zur näheren Persönlichkeit sollen offenbar zuordenbar sein und damit von Zweck der Figur ablenken: Träger einer Haltung – einer, der für viele stehen könnte. Der im Mittelpunkt der Geschichte stehende Mensch wird quasi neutralisiert – zu glatt um sich mit oder gegen ihn zu solidarisieren. So wird er zu einem (hinter)fragwürdigen Beobachter, der beobachtet wird - ohne selbst wirkliche Empathie zu verbreiten oder zu erhalten.

Deutlich individueller dagegen sind die anderen Figuren: Robert Ziegler, Otto Neumann, Dieter Trauner, Eva. Sie tragen sogar Namen (nicht wie im Roman nur Buchstaben). Die Geschichte spielt in einer Stadt 1935. Der Jugendclub hat Anfang und Ende seiner Inszenierung in eine Art Bar verlegt - eine Reminiszenz an die wilden 20er Jahre? Auf alle Fälle Sinnbild einer Enklave voller schillernder Individuen, die (noch) nicht vom Gleichklang des erstarkenden nationalsozialistischen Regimes erfasst wurden. Mittendrin Cesar, der auf die Astronomie zurückgreift, um über den aktuellen Zeitgeist zu philosophieren: „Die Seele der Menschen wird kalt und hart.“

Das ist es, was den Lehrer für Geografie und Geschichte an einem städtischen Gymnasium im Verhalten seiner Schüler bemerkt und beklagt: Gefühlskälte und adaptierte Propaganda. Zwar lehnt er - humanistisch geprägt - Regime und Haltung ab, will aber auch nicht als offener Opportunist gegen den Strom schwimmen um seine berufliche Existenz nicht zu gefährden. Auch der Glaube stärkt ihn nicht - seine Hoffnung auf Gott und Gerechtigkeit hat er im Ersten Weltkrieg verloren. So bleiben ihm nur der innere Konflikt und der Rückzug in eine äußere Neutralität.

Lange funktioniert das nicht. Ein Konflikt mit dem rechts-sympathisierenden Schüler Neumann bringt ihm eine Forderung der Suspendierung ein - die die Schulleitung geschickt noch vom Tisch bekommt. Dafür wird die Klasse samt Lehrer in ein Zeltlager mit vormilitärischem Programm geschickt. Dort ist er den alltäglichen rivalisierenden Konflikten der Schüler noch direkter ausgesetzt. Da ist Ziegler, der alles was geschieht und ihn beschäftigt in ein Tagebuch schreibt dass er in einem verschlossenen Kästchen bewahrt und mit Eva, einer im Wald lebenden Ausgegrenzten eine Liebesbeziehung anfängt und mit Neumann im ständigen Streit steht. Und wieder Trauner – der seine Augen und Ohren überall hat. Spätestens als der Lehrer - um besser informiert zu sein – das Tagebuch liest und dabei erkennbar die Schatulle beschädigt, ist es mit seiner moralischen Neutralität vorbei. Seine Feigheit eröffnet neue Schubladen und führt schließlich zum Tod von Neumann, der Verhaftung von Eva und dem Selbstmord von Trauner. Aus diesem Mitschuld-Geflecht von Untätigkeit, Schweigen und Feigheit kann alleine der Lehrer sich mit (gefühlt unverdientem) Glück retten – als missionierender Lehrer nach Afrika.

Der Jugendclub spielt das Stück – aus Krankheitsgründen verschoben – nur noch am Donnerstag, 7. Juli, in Halle 19 ab 19 Uhr. Bereits erworbene Karten behalten ihre Gültigkeit.