Celler Polizeichef über seine schwierigsten Fälle

„Wenn Kinder oder Jugendliche Opfer sind, geht einem das besonders nahe“

Celles Polizeichef Frank Freienberg spricht im Interview mit der CZ über seinen schwierigsten Fall, die emotionale Ebene von Verbrechen und warum er den Begriff „Cold Cases“ nicht mag.

  • Von Christoph Zimmer
  • 12. Juli 2022 | 08:05 Uhr
  • 30. Aug. 2022
  • Von Christoph Zimmer
  • 12. Juli 2022 | 08:05 Uhr
  • 30. Aug. 2022
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Celle.

Warum passieren so viele Tötungsdelikte im privaten Umfeld? Wie wirkt sich das auf die Ermittlungsarbeit aus und welche Rolle spielen die Entwicklungen in der Kriminaltechnik bei der Aufklärung von schweren Verbrechen? Mit solchen Fragen wird Frank Freienberg, der neue Leiter der Polizeiinspektion Celle, häufiger konfrontiert. Aber bei Fällen wie Mord gibt es immer auch eine emotionale Ebene. Nicht nur bei den Angehörigen der Opfer, sondern auch bei den Polizisten. Das gilt besonders, wenn ein schweres Verbrechen nicht restlos aufgeklärt werden kann. Im Interview zum Start unserer neuen Serie „Tatort Celle“ spricht der Polizeichef mit CZ-Redakteur Christoph Zimmer unter anderem über die Gefühle von Ermittlern, darüber, wie wichtig die Auseinandersetzung ist, und warum die meisten Verbrecher am Ende doch geschnappt werden.

Fall lässt Polizisten nicht los: Mutter und Tochter bis heute nicht gefunden

Gibt es in Ihrer Zeit als Polizist ein Verbrechen, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja, es geht um den Fall der Familie Schulze aus Drage im Landkreis Harburg. Im Jahr 2015 habe ich in der Polizeiinspektion Harburg in meiner Rolle als Leiter des Zentralen Kriminaldienstes erlebt, wie eine ganze Familie, also Vater, Mutter und Kind auf einmal weg war. Nach den ersten Ermittlungen mussten wir von einem Verbrechen ausgehen. Wir vermuteten stark, dass der Vater, der später tot in der Elbe gefunden wurde und sich suizidiert hat, seine Frau Silvia und seine Tochter Miriam getötet hat. Die beiden sind bis heute nicht gefunden. Dieser Umstand macht etwas mit den Ermittlern und Ermittlerinnen, wenn so ein Verfahren noch nicht vollständig abgeschlossen ist. Die Gedanken sind heute noch bei den Angehörigen. Trotz der Zeit herrscht weiter eine große Trauer, vor allem, weil man die vermissten Personen nicht gefunden hat.

Gewaltverbrechen an Kindern und Jugendlichen belasten besonders

"Generell kann man sagen, dass einem Fälle, wo die Opfer Kinder oder Jugendliche sind, besonders nahe gehen."

Frank Freienberg, Celler Polizeichef

Wie gelingt es einem, so ein Verbrechen nicht so nah an sich heranzulassen? Oder gehört eine Form der Auseinandersetzung auch dazu?

Ich glaube, es kommt darauf an, was für einen Charakter, welche Erfahrungen und Bewältigungsstrategien man hat und wie man mit gewissen Situationen umgehen kann. Hinzu kommt die Frage, ob man mit der Arbeit, die man geleistet hat, zufrieden ist und ob man der Meinung ist, dass man in dem Moment alles getan hat und tun konnte, um ein Verbrechen aufzuklären. Hinzu kommt, dass man als Polizist oder Polizistin häufig auch selbst Ehemann oder Ehefrau, Vater oder Mutter ist.

Es gibt natürlich Fälle, die auch eine starke emotionale Ebene haben und sehr belasten. Generell kann man sagen, dass einem Fälle, wo die Opfer Kinder oder Jugendliche sind, besonders nahe gehen. Hinzu kommt, dass einen solche Gewaltverbrechen besonders belasten, vor allem, wenn man selbst Familie hat und die Vorstellung entwickelt, selbst von einem derartigen Gewaltverbrechen betroffen zu sein. Im Bereich der Kinderpornografie oder wenn es um sexuelle oder andere körperliche Missbrauchshandlungen geht, ist das auch so. 

Darum ist die Aufklärungsquote bei Kapitalverbrechen so hoch

Anders als bei dem Fall aus Harburg, den Sie geschildert haben, ist die Aufklärungsquote bei Kapitalverbrechen extrem hoch. Woran liegt das?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen kommen Kapitalverbrechen in der Masse nicht so häufig vor. Außerdem arbeiten wir in so einem Fall mit sehr viel Personal an der Aufklärung, das gilt für die Arbeit am Tatort mit der Spurensicherung, aber auch was die Vernehmung von Verdächtigen oder Zeugen angeht. Es ist auch so, dass die Spurenlage am Tatort bei Kapitalverbrechen häufig den Ansatz bietet, verwertbares Material zu finden. Wenn eine Tat zum Beispiel mit einem Messer oder einer Schusswaffe begangen wurde, hinterlässt die Täterin oder der Täter sehr viele Spuren. Da ermitteln wir sehr akribisch. Natürlich hat sich auch die Technik der Spurensicherung in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt, um nur das Thema DNA zu nennen. Das war natürlich ein Quantensprung für unsere Ermittlungsarbeit.

Kapitalverbrechen passieren zudem in der großen Mehrheit im privaten Umfeld und sind nur ganz selten Zufallstaten.

Das stimmt. Daraus ergeben sich meist sehr schnell Ansätze für unsere Ermittlungen. Bei Kapitalverbrechen ist auch die Bereitschaft, als Zeuge eine Aussage zu machen, deutlich größer.

Hohen Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt

"Bei den Taten spielen häufig Gefühle wie gekränkte Liebe und Eifersucht eine große Rolle."

Frank Freienberg, Celler Polizeichef

Was sind Motive, die Ihnen als Polizist häufig begegnet sind?

Bei den Taten spielen häufig Gefühle wie gekränkte Liebe und Eifersucht eine große Rolle. Dazu kommt der Konsum von Alkohol oder Drogen, der Menschen in einen Rausch versetzen kann und gewalttätig werden lässt. Dazu gibt es die weiteren Merkmale, die laut Gesetz eine Tat als Mord klassifizieren. Dazu zählen Habgier oder die Verdeckung einer anderen Straftat. Straftaten der häuslichen Gewalt, wo die Opfer häufig weiblich sind, sind leider die klassischen Verbrechen. Diese Taten erfolgen für die Opfer häufig in einer jahrelangen Gewaltspirale. Durch die Coronapandemie sind die statischen Zahlen, also polizeilich bekanntgewordene Taten, im hiesigen Bereich glücklicherweise nicht so gestiegen, wie wir es befürchtet hatten. Aber gerade in diesem Bereich müssen wir leider von einer hohen Dunkelziffer ausgehen.

Mit neuen Auswertungsmöglichkeiten findet man heute ganz andere Spuren und Hinweise

Sie haben die neuen Möglichkeiten der Kriminaltechnik bei der Ermittlungsarbeit erwähnt. Macht es die Arbeit einfacher, weil man Verbrechen so gerichtsfester ermitteln kann?

Ich bleibe bei dem Thema DNA. Es ist klar, dass derartige Spuren durch einen Täter oder eine Täterin nur sehr schwer zu verhindern sind. Allein durch Spuren an einem Ort, an dem man sich nicht aufgehalten haben dürfte oder durch Anhaftungen von DNA-Material am Körper der anderen Person. Nach genau diesen Spuren suchen wir akribisch. Aber auch durch neue Auswertungsmöglichkeiten – etwa des Mobiltelefons oder anderer Datenträger – findet man heute ganz andere Spuren und Hinweise als zu früheren Zeiten. Trotzdem muss man sagen, dass die klassische Spurenarbeit, also die Rekonstruktion des Tatablaufes oder die Suche nach Motiv, Modus Operandi oder die Überprüfung des Alibis damit einhergehen muss.

Wie wichtig ist es für die Ermittler von damals, aber auch die Angehörigen des Opfers, wenn ein Fall nach so langer Zeit vor Gericht aufgeklärt werden kann?

Für die Menschen, die im Bereich von Kapitalverbrechen arbeiten, ist es immer das Ziel, diese aufzuklären und auch jemanden für eine solche Tat verurteilt zu sehen. Es ist die Aufgabe der Polizei und Staatsanwaltschaft, den Gerichten zu ermöglichen, einen Fall gerichtssicher anzuklagen und abzuurteilen. Was ein noch größerer Antrieb sein kann, ist, dass man für das Opfer und die Angehörigen arbeitet. Ich habe vorhin das Beispiel der Familie Schulze genannt und wie sehr es belastet, wenn noch wichtige Puzzlestücke für eine komplette Tataufklärung fehlen. Gelingt es einem nicht, diese zusammenzufügen, ist es gegenüber den Opfern und den Angehörigen immer auch eine Frage, was man noch tun kann, um der eigenen Erwartungshaltung und aber auch der der Angehörigen gerecht zu werden. Die Sichtweise der Opfer und der Angehörigen, die Trauer und das Leid sollten im Bewusstsein bleiben.

Fall der verschwundenen Mandy Müller bis heute nicht aufgeklärt

Was macht es mit einem, wenn man einen Fall gefühlt aufgeklärt hat, aber das letzte, entscheidende Puzzleteil fehlt?

Das ist schon ein Gefühl von Enttäuschung. Vor allen Dingen, wenn man selbst sehr viel Arbeit investiert hat und selbst der Meinung ist, die richtigen Spuren verfolgt zu haben. Aber es kann auch am Ende dazu führen, wenn es in einem Rechtsstaat nicht zu einer Verurteilung reicht.

Das mysteriöse Verschwinden von Mandy Müller ist ein Fall aus Celle, der bis heute nicht aufgeklärt werden konnte.

Ich glaube schon, dass Fälle wie dieser Ermittlerinnen und Ermittler bis zum Ende der Dienstzeit beschäftigen. Und manchmal auch darüber hinaus. Man schließt mit Kapitaldelikten, über die wir hier sprechen, nicht ab. Auch wenn man nicht jeden Tag daran denkt oder darüber spricht, trägt man es immer mit sich. Im dienstlichen Bereich gucken wir uns zurückliegende nicht aufgeklärte Tötungsdelikte, die sogenannten Cold Cases, immer mal wieder an. Wenn sich neue Möglichkeiten der Spurenanalyse ergeben oder sich Zeugen melden, ermittelt wir den Fall wieder an. Fälle wie dieser ruhen nie ganz. Wobei ich den Begriff Cold Case eigentlich nicht so gelungen finde.

Cold Case nicht der bezeichnende Begriff

Was stört Sie daran?

Es ist der übersetzte Ausdruck kalt. Man sagt das natürlich, weil es gerade keine heiße Spur gibt. Aber es suggeriert, dass da überhaupt nichts passiert und der Fall weg ist. Meine Sichtweise hängt sehr stark an den Opfern und den Angehörigen. Ich habe im privaten Umfeld glücklicherweise nie eine Gewalttat erlebt. Wenn das aber so ist, hofft man, dass weiter ermittelt und der Fall nicht abgeschlossen wird. Von meinem Sprach- und Wertschätzungsgefühl ist das ein aus dem Englischen übernommener Ausdruck, der kein empathischer Begriff ist für die menschliche Tragödie und das Leid, das sich hinter derartigen Taten verbirgt.