Bauboom beendet

Celler Bauland: Vom Verkaufshit zum Ladenhüter

Alles wird teuer: Im Garßener Baugebiet "Blaues Land" haben viele Bauherren ihr blaues Wunder erlebt. Sie geben auf.
  • Von Michael Ende
  • 18. Aug. 2022 | 16:00 Uhr
  • 18. Aug. 2022
  • Von Michael Ende
  • 18. Aug. 2022 | 16:00 Uhr
  • 18. Aug. 2022
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Celle.

"Alles ausverkauft" – diese Antwort erhielten noch vor ein paar Monaten Interessenten, die im Garßener Neubaugebiet "Blaues Land" ein Häuschen bauen wollten. Doch das hat sich mittlerweile geändert. Kräftig steigende Bauzinsen, Unsicherheit wegen des Ukraine-Kriegs, teure Baustoffe und Lieferengpässe: Der Bauboom ist abrupt beendet worden. Wie eine schillernde Seifenblase ist für viele Bauherren in spe der Traum vom Eigenheim zerplatzt. Sie haben ihre Kaufverträge rückgängig gemacht. Die Baugrundstücke sind vom Verkaufsschlager zum Ladenhüter geworden. Viele sind jetzt wieder zu haben. Wer es sich jetzt noch leisten kann, könnte also zuschlagen.

Probleme am Bau

Auf den wenigsten der Baustellen im "Blauen Land" wird an diesem Morgen gearbeitet. "Nicht viel los hier", sagt ein Maurer, der mit seinem Kollegen einen von Brachland umgebenen Rohbau komplettiert. Er hätte erwartet, dass anstatt des CZ-Reporters der Bauherr vorbeischaut, sagt der Mann und verdreht die Augen: "Das macht er andauernd. Und dann will er immer, das wir alles möglichst billig machen. Soll toll aussehen, aber nichts kosten. Und natürlich am besten schon gestern fertig sein." Die Niedersächsische Landgesellschaft in Verden, die die Grundstücke vermarktet, hatte den Käufern zur Vorgabe gemacht, dass alle Parzellen bis spätestens 30. Juni 2024 bebaut werden müssten. Dazu dürfte es kaum kommen.

Bauplatzreservierungen zurückgezogen

Auf einer Fläche von gut acht Hektar zwischen den Straßen Garßloh, Zum Hartsteinwerk und Riethkamp hatte die Niedersächsische Landgesellschaft insgesamt 89 neue Bauplätze ausgewiesen, für die es 550 Interessenten gegeben hatte. Noch im März 2022 hieß es, dass alle Bauplätze verkauft oder vergeben seien. Das habe sich geändert, sagt Manuel Schulenberg, der bei der Landgesellschaft für das "Blaue Land" zuständig ist: "Auf Grund der in den letzten Monaten gestiegenen Zinsen haben einige potentielle Bauherren ihre Bauplatzreservierung zurückgezogen. Hinzukommen die geopolitischen Unsicherheiten in Verbindung mit der gestiegenen Inflation, insbesondere im Bereich der Baustoffe. All diese Umstände bewegten einige Bewerber, ihr Vorhaben zurückzuziehen."

Grundstücke sind wieder zu haben

Insgesamt seien bisher rund 60 der 89 Bauplätze verkauft worden, so Schulenberg: "Die Erschließungsarbeiten sind seit Mitte Februar abgeschlossen. Die ersten Spatenstiche und die ersten Richtfeste wurde bereits gefeiert." Welche Grundstücke nun zu einem Quadratmeterpreis von 135 bis 160 Euro noch zu haben sind, kann man im Internet unter www.nlg.de einsehen.

Bürgermeister hat Verständnis für verhinderte Bauherren

Garßens Ortsbürgermeister Andreas Reimchen hatte sich auf einen sprunghaften Bevölkerungsanstieg gefreut: "Auch wir als Ortsrat müssen uns im Licht der aktuellen Entwicklung von unserem Traum verabschieden, bald wieder ein Celler Stadtteil mit über 3000 Menschen zu sein." Das „Blaue Land“ werde sich leider nicht so schnell füllen wie erwartet, so Reimchen: "Das tut mir auch für die NLG leid, die das Ganze bisher gut auf den Weg gebracht hat. Ich kann natürlich verstehen, dass besonders junge Familien ihre Baupläne jetzt aufgeben oder vertagen. Da kommen schnell mal 600.000 Euro Finanzierungsbedarf oder mehr zusammen – und das bei schwer kalkulierbarem Zins- und Preisniveau. So etwas will gut überlegt sein. Der eigenen Familie dient es sicher mehr, realistisch-verantwortungsbewusst zu handeln, als irgendwann in der Zwangsversteigerung zu landen."

Stadt Celle plant "Wohnbau-Offensive"

Unterdessen will die Stadt Celle im Rahmen ihrer "Wohnbau-Offensive" weitere Baugebiete ausweisen. Der neue Flächennutzungsplan-Entwurf zeigt zehn ausgedehnte "Suchflächen" für Wohnbebauung, die jetzt auf ihre Eignung geprüft werden sollen – darunter ganz besonders große Areale südlich von Wietzenbruch, entlang der zukünftigen B3 zwischen Lachtehausen und Altenhagen sowie zwischen Altenhagen und Garßen. Aktuell in der Planung sind zum Beispiel die Erweiterung des Groß Hehlener Baugebiets "Im Tale" um 24 Hektar sowie das 2,9 Hektar große "Wohngebiet Andertenhäusen“ am südöstlichen Rand Wietzenbruchs. In beiden Fällen haben sich Bürgerinitiativen gebildet, die diese Planungen zu verhindern versuchen.