Alte Fotos erzählen

Wie der "Braune Hirsch" zur Kultkneipe wurde

Der Zaun ist weg und zu dieser Jahreszeit tragen die Linden vor der Tür dichtes Grün – ansonsten hat sich am „Braunen Hirsch“ äußerlich nicht viel verändert.
  • Von Jana Wollenberg
  • 02. Okt. 2022 | 13:41 Uhr
  • 02. Okt. 2022
  • Von Jana Wollenberg
  • 02. Okt. 2022 | 13:41 Uhr
  • 02. Okt. 2022
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Celle.

Schon im 17. Jahrhundert wurde die Gastwirtschaft "Brauner Hirsch" an der heutigen Braunhirschstraße in Celle errichtet – der Name legt nahe, dass das Lokal an diesem Ort weit länger existiert als die Straße selbst. Das Foto, das am vergangenen Samstag in der CZ veröffentlicht wurde, wurde aber sehr viel später aufgenommen. Dem Celler Wilfried Steer (Jahrgang 1954) war sofort klar: Das Bild muss aus der zweiten Hälfte der 80er Jahre stammen – und auch für andere Autokenner dürfte es ein Leichtes gewesen sein, die Aufnahme zu datieren. "Da kam der Audi 80 mit der großen Plastikstoßstange auf den Markt", sagt der 68-Jährige.

Hohe Summen auf Bierdeckeln

Genauer gesagt: Von 1986 bis 1991 wurde das Modell gebaut, das auf dem Foto zu sehen ist. Direkt davor steht ein VW-Golf II, weiß Steer, Baujahr 1983 bis 1991. Aus der gleichen Zeit stammen die Erinnerungen des Zeitzeugen an das Lokal. Der damalige Wirt, der "Charles" gerufen wurde, habe bis Anfang der 80er Jahre den "Pop-Club" an der Ecke Bahnhofstraße/Breite Straße betrieben. "Das war damals die In-Kneipe", sagt Steer. "Als Charles den ,Braunen Hirsch' übernahm, wechselte die Kundschaft mit rüber. Vom ersten Tag an war ich einer der Stammgäste." Den Status der Kult-Kneipe in Celle habe der Wirt mit in das Lokal gebracht.

Während seiner Studienzeit lebte der gebürtige Celler Wilfried Steer in Hannover, "aber das wirkliche Leben spielte sich in Celle ab", erinnert sich der Zeitzeuge. "Am Freitag, Samstag und Sonntag ging es in die Kneipe." Das war zu einer Zeit, als es noch üblich war, dass sich hinter dem Tresen Bierdeckel stapelten, auf denen der Wirt die Schulden seiner Gäste notierte. "Bei den Stammgästen waren mehrere hundert Mark auf dem Deckel normal", erinnert sich der Zeitzeuge. "Manchmal sprach Charles ein paar mahnende Worte, dass finanziell etwas fließen müsse, bevor es wieder aus dem Zapfhahn fließen konnte." Mit einigen wenigen Ausnahmen, wenn zum Beispiel ein Stammgast wegzog, seien die Zechen immer bezahlt worden.

Brauner Hirsch als zweites Zuhause

"Für uns war es wie ein zweites Zuhause", sagt Steer. Damals sei die Kneipe meist voll gewesen. "Stehen war üblich, die Sitzplätze waren sofort weg." Oft hätten er und seine Freunde in der zweiten oder dritten Reihe vor dem Tresen gestanden, weil vorn an der Theke kein Platz mehr war. Eigentlich habe der Wirt im "Braunen Hirsch" keine reine Kneipe führen wollen, erinnert sich Steer, sondern habe auch geplant, seinen Gästen mehr Gerichte anzubieten. "Dadurch, dass alle Stammgäste mitkamen, ist das ein bisschen fehlgeschlagen", meint der 68-Jährige. "Im Pop gab es nur eines – einen Käsetoast, man konnte sich aussuchen, ob man ihn mit oder ohne Senf wollte." Hier habe es zwar etwas mehr Auswahl gegeben, aber die Entwicklung hin zum Restaurantbetrieb sei erst später geschehen, nachdem Charles den Betrieb in neue Hände gab.

Erinnerungen an den "Braunen Hirsch" gibt es für Steer viele – Bilder von langen Kneipennächten gibt es aber nicht. "Es war damals nicht unbedingt üblich, eine Kamera mit in die Kneipe zu nehmen. Und man hätte auf den Fotos auch gar nichts gesehen", scherzt er, "damals hat jeder geraucht und die Bude war total verqualmt."

Lehrlinge mussten Fleischermeistern die Kegel aufstellen

"Es sieht heute noch fast genauso aus wie damals", sagt auch Hans-Günter Bloetz (Jahrgang 1938). Die Erinnerungen des 84-Jährigen reichen noch weiter zurück, nämlich bis Anfang der 50er Jahre, bevor Charles Wirt im "Braunen Hirsch" wurde. "Ich habe damals Schlachter gelernt", erzählt der Zeitzeuge, "die Fleischermeister aus Celle haben dort gekegelt und gesoffen." Ihre Fahrräder, für die es heute einige Fahrradständer in der Nähe der Eingangstür gibt, hätten er und die anderen Lehrlinge auf dem Hof abgestellt. "Wir mussten den Meistern die Kegel aufstellen", erinnert sich Bloetz. "Dafür bekamen wir einen kleinen Obolus – das waren 50 Pfennig oder eine Mark."