Aktion "Licht aus"

Celler Bäcker demonstrieren gegen hohe Energiekosten

Die Kosten für Strom und Gas vervielfachen sich. Massive Preissteigerungen bedrohen das Backhandwerk. Auf die Folgen für Bäckereien machten auch Celler Betriebe mit der Aktion "Licht aus" aufmerksam. So steht es aktuell um die Celler Bäckereien. 

  • Von Benjamin Behrens
  • 08. Sept. 2022 | 17:55 Uhr
  • 09. Sept. 2022
Bei Bäckerei Misch in der Sprengerstraße war bei der Aktion "Licht aus" am Donnerstag nur die Auslage beleuchtet.
  • Von Benjamin Behrens
  • 08. Sept. 2022 | 17:55 Uhr
  • 09. Sept. 2022
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Celle.

Dass Bäcker mit der Arbeit anfangen, wenn es noch dunkel ist, gehört zu ihrem Handwerk - dass auch im Dunkeln verkauft wird nicht. Am Donnerstag blieben in vielen Bäckereien in Celle und ganz Norddeutschland die Lichter aus.

Bäckerinnung in Norddeutschland ruft zur gemeinsam Aktion auf

Aufgerufen zu der Aktion hatte die norddeutsche Bäckereiinnung, um auf den existenzbedrohenden Preisanstieg für Energie aufmerksam machen, teilt die Bäckerinnung mit.

Misch-Filialen bleiben dunkel

Auch im Hauptgeschäft der Bäckerei Misch blieb nur die Verkaufstheke erleuchtet, ebenso in den anderen Filialen. „Manche haben sich gewundert, aber viele haben die Aktion schon mitbekommen. Sie haben sehr verständnisvoll reagiert“, sagt Chefin Anja Misch, stellvertretende Obermeisterin der Bäckerinnung Lüneburger Heide. Massive Preissteigerungen für Strom und Gas bedrohen das Backhandwerk. „Heute das Licht und morgen der Ofen?“, so lautet die bange Frage auf den Plakaten. Werden die steigenden Energiekosten auch in Celle existenzbedrohend?

Anja Misch  beteiligte sich mit den Filialen des Familienbetriebs an der Aktion.

„Ja auf jeden Fall. Auch, weil noch verschiedene Sachen dazukommen. Die Rohstoffpreise sind gestiegen, das bezieht sich nicht nur auf das Mehl, von dem alle reden, sondern auch auf die Saaten und alle anderen Dinge, die wir verarbeiten“, betont Misch. Viele Celler Betriebe waren dem Aufruf der Innung gefolgt, aber nicht in allen Bäckergeschäften blieb es dunkel. „In Celle ist der Zusammenhalt nicht so wie in Hannover. Die demonstrieren ja auch kommende Woche. Das ist ein bisschen schwierig bei uns“, bedauert Misch.

Alle Betriebe spüren Preisanstieg

Ob in der Innung oder nicht, ob Handwerksgebäck oder fertig gebackene Teiglinge – alle spüren die steigenden Kosten. Der Preis pro Kilowattstunde Gas könnte sich vervierfachen, die Kilowattstunde Strom mehr als verdoppeln, wie ein Blick auf erste Abrechnungen zeigt. „Eigentlich betrifft das jeden. Wenn noch mehr Bäckereien sterben als sowieso, geht ja auch was verloren, eine gewisse Kultur“, mahnt die stellvertretende Obermeisterin.

Kosten können nicht umgelegt werden

„Man kann gar nicht alles umlegen, was an Kosten auf einen zukommt. Dann werden Dinge gestrichen. Wir überlegen zum Beispiel, ob es sich lohnt Berliner zu backen, das Fettbackgerät ist sehr stromintensiv“, so Misch. Die Grundstimmung sinkt, die Sorge vor dem Herbst steigt. „Man überlegt schon, wie man das alles schafft. Ich finde es beängstigend. Vor allem, wenn solche Aussagen von Herrn Habeck kommen, der sagt: ‚Na dann produzieren wir halt zwei Monate nicht.‘ Ich weiß nicht, wie er sich das vorstellt.“

Bei Bäckerei Misch in der Sprengerstraße war bei der Aktion "Licht aus" nur die Auslage beleuchtet.

Wirtschaftsminister Habeck in der Kritik

Habeck hatte diesen Ansatz in der Sandra-Maischberger-Talkshow geäußert – die Reaktionen kamen prompt und deutlich. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks meldete sich via Twitter zu Wort. „Herr Minister, meinen Sie das ernst?“, kritisierte der Verband und wies auf laufende Kosten für Löhne, Energie und Rohstoffe hin. Der Tweet war mit dem Hashtag „#Alarmstufe_Brot“ versehen.

Produktion kann nicht einfach stillstehen

Auch Bäckermeister Wilhelm Pippel traute seinen Ohren kaum, als er Habecks Aussagen hörte. „Wie sollen wir die Produktion einstellen und in vier oder acht Wochen wieder aufmachen? Dieser Mann hat nicht alle Tassen im Schrank. Er redet von Sachen, wo er null Ahnung hat“, ärgert sich Pippel.

Auc Bäckerei Pippel in der Breiten Straße war bei der Aktion "Licht aus" mit dabei.

„Es werden große Betriebe bezuschusst, die man nicht übern Deister gehen lassen will, aber wenn so eine kleine Bäckerei weg ist, das fällt doch nicht auf“, kritisiert der Bäckermeister. „Ich bin überzeugt, dass wir durch den Herbst kommen, jedenfalls besser als manch großer Betrieb.“

Preise bereits zum 1. September angepasst

Zum 1. September hätte man die Preise etwas anpassen müssen. „Aber die Leute waren sehr verständnisvoll, die Energiepreise gehen ja durch alle Medien. Sie sind ja auch betroffen. Ich weiß nicht, wie es weitergeht, ob die Verbraucher noch das Geld haben oder zum Discounter gehen“, so Pippel.

Nur die Auslage der Bäckerei Pippel war beleuchtet

„Wir sind ein kleiner Familienbetrieb, wir können so produzieren, dass wir nicht viel wegwerfen. Wenn man bei größeren Betrieben mit 100 Filialen rechnet und die haben in jeder nur 30 Brötchen über. Das sind dann 3000 Brötchen am Tag, rechnen sie das mal für vier Sorten, dann sind das 1200 Euro am Tag, nur für einen Bereich“, rechnet der Bäckermeister vor.

"Absolut realitätsfremd"

Die symbolische ausgeschaltete Ladenbeleuchtung sei bei weitem nicht der größte Kostenfaktor, betont Gabriela Pitrowski-Rönitz, Verkaufsleiterin der Bäckerei Rönitz. „Unsere Kostenfaktoren sind die Klimageräte und die Öfen, alles was sehr stromintensiv ist“, sagt Pitrowski-Rönitz. Zum Vergleich: „Was manche Kunden im Jahr bezahlen für ihre Elektrik, zahlen wir im Monat. Die Erhöhung ist da noch nicht mal dabei“, sagt sie. „Jeder Haushalt merkt es, das ist Wahnsinn.“ Auch zu Habecks Vorschlag hat sie deutliche Worte: „Das kommt vom Schreibtisch – absolut realitätsfremd.“

Geht es an die Existenzangst? „Wir haben schon lange vorgeplant Anfang des Jahres, als noch kein Krieg in Sicht war. Für uns geht es jetzt in eine andere Richtung“, sagt Pitrowski-Rönitz.