Strom, Wasser, Bevölkerungsschutz

Blackout-Vorsorge: So bereitet sich die Stadt Celle auf den Ernstfall vor

Anders als die meisten Kommunen bereitet sich Celle intensiv auf einen möglichen Blackout vor - und zwar generalstabsmäßig.

  • Von Michael Ende
  • 18. Nov. 2022 | 18:15 Uhr
  • 21. Nov. 2022
  • Von Michael Ende
  • 18. Nov. 2022 | 18:15 Uhr
  • 21. Nov. 2022
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Celle.

"Blackout" – wie wahrscheinlich ist dieses Szenario eines flächendeckenden Stromausfalls in der kalten Jahreszeit? Was tun, wenn etwa russische Hacker das Energienetz lahmlegen oder es aus anderen Gründen kollabiert? Während Krisen-Experten darüber diskutieren, rüstet sich die Stadt Celle für den schlimmsten Fall. Nun zeigt sich, wie praktisch es ist, dass Oberbürgermeister Jörg Nigge zu seinen Bundeswehr-Zeit als einer der brillantesten Köpfe der deutschen Generalstabsarbeit galt.

"Im Falle eines Blackouts wird kein Bürger allein gelassen. Dafür sorgen wir gerade. Wir können auch Krise."

Celles Oberbürgermeister Jörg Nigge

Jetzt exerziert Nigge als Stratege mit seinen Mitarbeitern im Rathaus vor, wie man sich für den Ernstfall aufstellt. Der ehemalige Oberstleutnant i.G. sagt: "Im Falle eines Blackouts wird kein Bürger allein gelassen. Dafür sorgen wir gerade. Wir können auch Krise."

Staat ist schlecht aufgestellt

Was passiert, wenn Politiker und Behörden Krise nicht "können", habe sich bei der Flutkatastrophe in Ahrtal gezeigt, erinnert sich Nigge: "Wir haben nicht erst bei dieser Gelegenheit feststellen müssen, dass der Staat schlecht aufgestellt ist, was Krisensituationen angeht." In Bezug auf einen möglichen Blackout wolle er nicht Panikmachern das Wort reden, so Nigge: "Unsere Botschaft ist, dass wir uns für den Fall der Fälle wappnen, dass wir Chaos möglichst vermeiden wollen."

"Die Wasserversorgung ist am wichtigsten – und die ist bei uns in Celle auf jeden Fall gesichert."

Celles Oberbürgermeister Jörg Nigge

Auf einmal heißt es: "Nichts geht mehr"

Sebastian Stottmeier, im Rathaus Fachdienstleiter Allgemeine Ordnung, weiß, was auf die Celler im Falle eines Blackouts zukäme: „Fällt der Strom in Stadt und Landkreis für längere Zeit aus, heißt das unter anderem: kein Licht, keine Kommunikation per Handy, Telefon und Internet. Die Kühlschränke fallen nicht nur in den eigenen vier Wänden aus, sondern auch in den Supermärkten. Gleiches gilt für die Heizung. Der Geldautomat funktioniert nicht. Die Tankstellen bleiben geschlossen.“

Wasserversorgung: läuft

"Die Wasserversorgung ist am wichtigsten – und die ist bei uns in Celle auf jeden Fall gesichert", sagt Nigge: "Dafür sorgen unter anderem Notstromaggregate im Garßener Wasserwerk, Photovoltaikanlagen mit angeschlossenem Batteriespeicher auf dem Gelände der Stadtentwässerung sowie der Aufbau von Kraftstoffreserven." Die hierfür erforderliche Infrastruktur werde derzeit erweitert: "Für Ausfallsicherheit werden zudem die Ergänzung der vorhandenen Notfallpläne und zielgerichtete Bevorratungen sorgen." Dennoch werde jedem Haushalt empfohlen, einen gewissen Vorrat an Trinkwasser anzulegen.

Im Ernstfall Dreischicht-Betrieb

Nigge und seine Truppe bereiten sich seit längerem auf den Ernstfall vor. So wurden alle im Krisenfall notwendigen Dienstleistungen und Prozesse in Workshops identifiziert und entsprechende Vorkehrungen getroffen, damit diese auch im Notfall aufrechterhalten werden können. Nigge: "Das beginnt bei Dingen wie der Auszahlung von Leistungsansprüchen, geht weiter beim Winterdienst oder den Angeboten des Standesamtes und vielen anderen Dienstleistungen." Dafür wolle man die Alte Exerzierhalle so herrichten, dass dort städtische Mitarbeiter an rund 30 Plätzen im Dreischicht-Betrieb arbeiten könnten: "Das ist mit viel Aufwand verbunden: Die Mitarbeiter müssen trotz fehlendem Stroms befähigt werden, ihre Aufgaben zu erledigen. Die hierfür erforderliche Infrastruktur muss bereitgestellt, eine Notstromversorgung, Kraftstoffbevorratung und Beheizung aufgebaut werden und vieles mehr."

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Kompliziertes Räderwerk

Von einem Tag auf den anderen gehe das nicht: "Die Beschaffung etwa von Stromaggregaten, die derzeit überall gefragt sind, wird ein paar Monate dauern." Die Stadtkasse könnte all dies einen siebenstelligen Betrag kosten. Alles müsse ineinander greifen, so der OB: "Neben weiteren Funkgeräten, Notstromaggregaten, mobilen Tankstellen für die Fahrzeuge sowie diverser weiterer Ausstattungen wird derzeit zum Beispiel auch eine Tankanlage mit großer Kapazität zur Kraftstoffbevorratung beschafft und errichtet, wodurch die vorhandenen Ressourcen weiter ausgebaut werden." Ein Krisenstab werde im Notfall rund um die Uhr in einem gesicherten Raum in der Feuerwehr-Hauptwache arbeiten.

„Wir öffnen im Notfall in allen Stadtteilen zentrale Anlaufstellen für die Bewohner, sogenannte Leuchttürme. Dort werden Informationen zur Verfügung gestellt und Hilfegesuche ermöglicht."

Sebastian Stottmeier, Fachdienstleiter Allgemeine Ordnung

"Leuchttürme" in den Stadtteilen

Wichtig sei, dass auch die Menschen der Stadt selbst Vorsorge träfen, betont Nigge. Dazu hat die Verwaltung eigens einen Flyer erarbeitet, der in Kürze jedem Haushalt im Stadtgebiet zugesandt wird. „Darin sind alle relevanten Informationen enthalten“, sagt Stottmeier: „Wir öffnen im Notfall in allen Stadtteilen zentrale Anlaufstellen für die Bewohner, sogenannte Leuchttürme. Dort werden Informationen zur Verfügung gestellt und Hilfegesuche ermöglicht." In erster Line sollten die Feuerwehrgerätehäuser als "Leuchttürme" im Blackout strahlen, so Nigge: "Dort wird immer jemand sein, und dort kann man zur Not auch sein Handy aufladen."

Celler Sirenen können noch heulen

Wo sich die Anlaufstellen befinden werden, ist im Flyer zu finden. Ebenfalls enthalten sind Links zu Ratgebern und Checklisten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die nützliche Hilfestellung für das Anlegen von Vorräten und vieles mehr bieten. Celle sei mit diesen Blackout-Vorbereitungen weiter als die meisten Kommunen, so Nigge: "Bei uns funktionieren sogar noch die alten Sirenen." Deren Signal bei Großschadenslagen: eine Minute auf- und abschwellender Heulton.