13-Jähriger gestorben

Gefängnis als „Rettung“ für Drogenhändler

Wegen Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in 32 Fällen erhielt Maurice M. bereits am ersten Verhandlungstag eine dreieinhalbjährige Gefängnisstrafe.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 21. Jun 2022 | 17:00 Uhr
  • 21. Jun 2022
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  • 21. Jun 2022 | 17:00 Uhr
  • 21. Jun 2022
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Celle.

Wegen gewerbsmäßigen Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in 32 Fällen erhielt Maurice M. von der 1. Großen Strafkammer am Lüneburger Landgericht bereits am ersten Verhandlungstag eine dreieinhalbjährige Gefängnisstrafe aufgebrummt. Das Gericht folgte dem Antrag der Verteidigung. „Auch wenn die Situation in der JVA nicht schön ist, so ist das Ihre Rettung“, mit den Worten leitete der Vorsitzende Richter Michael Herrmann in die Urteilsbegründung ein.

Kunden-Kontakt über WhatsApp

Der 24-jährige Celler verkaufte in Celle und Eschede von Juli 2019 bis August 2020 „gewinnbringend“, Marihuana und Kokain, formulierte die Kammer. Die Vorbereitungen der Geschäfte mit den Kunden liefen über den Messenger-Dienst WhatsApp. Die persönlichen Treffen zur Übergabe des Stoffes fanden ausgerechnet am Jugendzentrum in Eschede statt. Zwischen Dezember 2019 und Frühjahr 2020 verkaufte der Angeklagte am Harburger Berg in Celle Gras an zwei Jugendliche. Einer der beteiligten Schüler starb, da er von einem anderen Dealer mehrere Tabletten kaufte und nach der Einnahme nicht mehr aufwachte.

Aufzuchtschrank mit Pflanzen

Der zweite Teil des Verfahrens beschäftigte sich mit M. selbst. In der Wohnung an der Braunhirschstraße in Celle züchtete der 24-Jährige in einem sogenannten Aufzuchtschrank Pflanzen heran, die laut Landeskriminalamt Niedersachsen einen hohen Wirkstoffgehalt aufwiesen. Ein Polizist, der bei der Wohnungsdurchsuchung dabei war, erinnerte sich in Lüneburg, dass der Beschuldigte höflich und zuvorkommend gegenüber den Beamten auftrat. „Wir erleben das sonst ganz anders“, sagte der Ermittler.

Eigenen Konsum finanziert

Verteidiger Jörg Meyer-Anderson gab für seinen Mandanten eine Erklärung zu Protokoll. „Er hat Drogen verkauft. Er hat das gemacht, um seinen eigenen Konsum zu finanzieren“, hieß es in dem Statement. Seit vielen Jahren ist M., der bis zu seiner Festnahme in einem Callcenter arbeitete, rauschgiftabhängig.

In Jugendeinrichtung und Pflegefamilien

„Die Startvoraussetzungen für Sie waren miserabel“, so Richter Herrmann. Der Lebenslauf des 24-Jährigen wirkte entsetzlich. Als drittes von sieben Kindern in eine Familie hineingeboren, die sich nicht kümmerte, ein Vater, der an der Flasche hing und eine Mutter, die eine geistige Behinderung aufwies, machten eine harmonische Beziehung zwischen Eltern und Kind unmöglich. M. war zeitweise in der Jugendeinrichtung, dann für Wochen beim Vater, ehe die nächste Pflegefamilie wartete. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwältin forderte drei Jahre und neun Monate Haft. Rechtsanwalt Meyer-Anderson plädierte auf dreieinhalb Jahre Gefängnis, exakt die Strafe, die die Kammer verhängte.

Von Benjamin Reimers