"Konserven-Meyer"

Auf den Spuren von Fritz Haarmann? Celler „verhackstückt“ Opfer

Wollte der Celler Heinrich Meyer, auch bekannt als "Konserven-Meyer", dem bekannten Serienmörder Fritz Haarmann nacheifern - oder sich einfach nur wichtigtun? Gemeinsam mit einem Komplizen und dessen Lebensgefährtin hat Meyer 1945 einen Schwarzmarkthändler im Französischem Garten erschlagen. Die Leiche wurde nie gefunden. Aber Gerüchte ranken sich um den Inhalt seiner Fleischkonserven.

  • Von Andreas Babel
  • 04. Aug. 2022
  • 14:51 Uhr
09. Aug. 2022
 

Es war im Herbst 1945, nur ein halbes Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als der Celler Heinrich Meyer zusammen mit dem Hamburger Seemann Günther K. und dessen ehemaliger Lebensgefährtin Herta T. einen mörderischen Plan schmiedete. Das Trio wollte einen Schwarzmarkt-Händler überfallen und ausrauben. So geschah es dann am 7. November auch im Französischen Garten.

„Konserven-Meyer“ als Celles Fritz Haarmann mit dem Hackebeilchen?

Heinrich Meyer ging danach als „Konserven-Meyer“ in Celles Geschichtsbücher ein – allerdings finden sich in der CZ-Berichterstattung lediglich kurze Erinnerungen an ihn in den Jahren 1963 und 2000. „Konserven-Meyer“ nannte ihn der Volksmund, weil er in den wirtschaftlich schlechten Zeiten nach dem Krieg schwarzschlachtete und das Fleisch in Konserven abfüllte. Gleiches will er angeblich mit dem überfallenen Schwarzmarkt-Händler Maack getan haben. Das gab er jedenfalls in den ersten Verhören gegenüber der Polizei so an. Das Opfer, ein Rumäniendeutscher, der einst Bauführer war, hatte in Celle nach dem Krieg gute Geschäfte gemacht. Während des Anfang 1950 in Celle stattfindenden Prozesses widerrief Meyer diese Schilderungen aber allesamt. Heinrich Meyer – Celles Fritz Haarmann mit dem Hackebeilchen oder wollte er nur mit diesen Taten, die an die Mordserie im Hannover von 1918 bis 1924 erinnerten, prahlen?

Menschenfleisch für 60 Mark pro Dose

Meyer bestritt den Wahrheitsgehalt seines Geständnisses, in dem er alle ekelhaften Einzelheiten angab, wie er Maacks Leiche nachts im Keller „verhackstückt“ und konserviert habe. Die Dosen wollte er für etwa 60 Reichsmark auf dem Schwarzmarkt verkauft, die Reste auf dem Schuttplatz und im Wald verstreut haben. Der Vorsitzende Richter hielt dieses Geständnis „für den Beweis eines seelischen Tiefstandes ohnegleichen“. Wenn es wahr sei, sei es „furchtbar“. Wenn es nur erdichtet sei, so sei es „ungeheuerlich“. Zu einem anderen Zeitpunkt sagte Meyer aus, dass er die Leiche des Getöteten in den Magnusgraben geworfen habe. Die Leiche blieb unauffindbar.

„Zu Beginn der Verhandlung machte Heinrich Meyer in seiner braungefärbten Uniformjacke einen äußerst frischen Eindruck und erweckte durch sein mehrfaches Lächeln absolut nicht den Anschein, an diesem Prozess maßgeblich beteiligt zu sein.“

CZ-Berichterstatter

Schwarzmarkthändler wird Opfer

Das verbrecherische Trio hatte der Schwarzmarkthändler über die Eltern von Heinrich Meyer kennengelernt, die ihm ein Zimmer vermietet hatten. Maack erzählte Meyers Mutter von seinem vielen Geld und den Lebensmittelkarten. Tatsächlich erbeutete das Trio 45.000 Reichsmark (zum Vergleich: Maack zahlte 20 Reichsmark monatliche Miete für seine Unterkunft) und 300 Lebensmittelkarten, für die Maack andernorts je 150 Reichsmark verlangte, was also noch einmal demselben Betrag entsprach.

Der Prozess fand in der Landwirtschaftsschule an der Hannoverschen Schule auf dem heutigen Gelände der Polizeiinspektion statt. Etwa 100 Interessierte begehrten Einlass, nur für wenige Sensationslüsterne war Platz. Der CZ-Berichterstatter charakterisierte die Angeklagten wir folgt: „Zu Beginn der Verhandlung machte Heinrich Meyer in seiner braungefärbten Uniformjacke einen äußerst frischen Eindruck und erweckte durch sein mehrfaches Lächeln absolut nicht den Anschein, an diesem Prozess maßgeblich beteiligt zu sein.“

So berichteten wir damals

Benzindiebstahl, Abtreibung, Unterschlagung: Meyer im Gefängnis

Stockend und mit leiser Stimme habe er in Stichworten seinen Lebenslauf geschildert: Bis zum 14. Lebensjahr besuchte er die Hilfsschule und war bis Ausbruch des Krieges als Laufjunge und Hilfsarbeiter tätig. Im Krieg war er Soldat. Aber gleich nach dem Zusammenbruch kam er mit dem Gesetz in Konflikt. Unter anderem stahl er von einem verunglückten Auto vier Reifen, unterschlug ein Postpaket und war dann in einen Benzindiebstahl und eine Abtreibungssache verwickelt. Für diese Straftaten ging er dreimal ins Gefängnis.

Günther K. im Prozess verunsichert

Günther K. erweckte einen weit intelligenteren Eindruck als sein mitangeklagter Kumpan. Er sei bei der Handelsmarine zur See gefahren. Er saß einige Wochen wegen Fahnenflucht im Gefängnis, hatte ansonsten keine Vorstrafen. „In seinem dunklen Anzug machte er während der Verhandlung einen recht niedergeschlagenen Eindruck, und an seinem blassen Gesicht konnte man es sehen, daß ihm die Angelegenheit ziemlich nahe ging“, schrieb der Berichterstatter damals.

„Ich empfinde aber nicht, dass ich schwachsinnig bin.“

Hertha T., Angeklagte

„Prototyp einer Prostituierten“

Seine ehemalige Braut Hertha T. wird als „Prototyp einer Prostituierten“ beschrieben. Sie wirkte zerfahren und gab vor Gericht zum Teil unverständliche und unzutreffende Antworten. Auch sie hatte schon des Öfteren Bekanntschaft mit dem Gericht gemacht: Wegen gewerbsmäßiger Unzucht, Abtreibung und wegen Meineids saß sie hinter „schwedischen Gardinen“. Wegen angeblichen Schwachsinns war sie sterilisiert worden. „Ich empfinde aber nicht, dass ich schwachsinnig bin“, erklärte Hertha T. auf Befragen des Vorsitzenden.

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"Bombengeschäft" für mörderisches Trio aus Celle

Heinrich Meyers Ehefrau Else Meyer hatte in mehreren Vernehmungen, die sie im Laufe der Jahre teils wiederholte, teils widerrief, ausgesagt, dass ihr Mann, K. und T. an jenem Abend, als Maack verschwunden sei, zusammen mit dem Opfer aus dem Hause gegangen seien – angeblich um ein Bombengeschäft zu machen. Später seien die drei wiedergekommen und hätten 45.000 Reichsmark aus den Taschen gezogen, die sie sich zu dritt teilten.

Opfer „die Luft abgelassen“

Ferner seien mehrere hundert Lebensmittelkarten untereinander verteilt worden. K. soll dabei geäußert haben: „Jetzt haben wir dem aber eins ausgewischt, das hat sich gelohnt.“ T. habe ihr gesagt, dass sie Maack mit einem Knüppel niedergeschlagen und ihm „die Luft abgelassen“ hätten. In der Verhandlung wollte die Angeklagte nichts mehr von diesen Geständnissen wissen, obwohl sie in verschiedenen abgefangenen Kassibern die gleichen Aussagen bestätigte.

Keine Leiche gefunden

Wegen Mordes wurde das Trio nicht verurteilt, weil man im Zweifel für sie entschieden hatte. Es gab keine Leiche. So kamen sie „nur“ wegen „gemeinsamen Straßenraubes“ für jeweils acht Jahre (Meyer und K.) beziehungsweise für vier Jahre (T.) ins Zuchthaus. Meyers Ehefrau und seine Eltern hatten ihre Strafe mit der Untersuchungshaft abgebüßt. Was aus „Konserven-Meyer“ und seinen Kumpanen geworden ist, ist nicht bekannt.

Zeitzeugen erinnern sich

An dieses Kapitel der Celler Stadtgeschichte erinnern sich naturgemäß nur noch wenige. Wolf-Dieter Tempel (Jahrgang 1937) plauderte in seinem Buch „Vor und nach 1945. Erlebnisse und Begegnungen in und um Celle“ über diese Episode und dichtete noch eines hinzu. Er meinte, dass man im abgelassenen Magnusgraben Reste menschlicher Leichen gefunden habe. „Gleich oberhalb der grausigen Fundstelle“ habe das Gebäude eines Herrn Meyer, nach Tempel „Büchsen-Meyer“ genannt, gestanden. Das habe die Polizei auf die Spur des später Verurteilten geführt. Tempel meint sich zu erinnern, dass in jener Zeit zwei oder drei Menschen spurlos verschwunden seien.

Fleisch soll wie menschlicher Finger ausgesehen haben

Meyers „Schweine-Klein“ habe unter anderem eine Frau gekauft, die in Wietzenbruch lebte. Sie habe sich eines Tages gewundert, dort ein Stück Fleisch vorzufinden, das wie ein menschliches Fingerglied ausgesehen habe. Sie habe dann ein Jahr später von Meyers Tat erfahren und es sei ihr so übel geworden, dass sie einen Arzt aufsuchen musste. „Danach konnte sie nie wieder Schweinefleisch essen“, erzählt Tempel in seinem Buch, das verschiedene Aspekte der NS-Zeit verharmlost oder verschweigt.

Der hat doch Flüchtlinge da verarbeitet.“

Hubert Schumacher, Zeitzeuge

Schwarzmarkt florierte in Celle

Hubert Schumacher (Jahrgang 1926) kam 1948 nach Celle. Durch seinen Schwiegervater hat er damals von dem Fall erfahren. „Der hat doch Flüchtlinge da verarbeitet“, erinnerte sich der Zeitzeuge. Und als der dichte Nebel der Jahrzehnte sich ein wenig gelichtet hatte, fiel ihm ein, dass er auch von Morden in der Wittinger Gegend kurz nach dem Krieg gehört hatte. „Da hatte jemand Flüchtlinge aufgenommen und die dann getötet. Auch da war irgendetwas mit Konserven“, meinte Schumacher. Auf jeden Fall weiß er, dass am Schloßplatz der Schwarzmarkt brummte. Das passe zu dem Tatort. Die orthodoxen Juden hätten einen Schwarzmarkt in der Nähe der Synagoge, Im Kreise, betrieben, so der 95-Jährige.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür