Brutaler Überfall auf Geldtransporter

Vor Einkaufszentrum Blau-Gelb in Groß Hehlen: Wachmann von Räubern erschossen

Auf 188.000 D-Mark hatten es Räuber abgesehen, die 1979 vor dem Einkaufszentrum Blau-Gelb in Groß Hehlen einen Wachmann mit mehreren Schüssen töteten. Der Beginn einer Großfahndung, die über 100 Kriminalbeamte monatelang beschäftigte. Das Fluchtfahrzeug gab der Polizei lange Rätsel auf. Die heiße Spur, die schließlich zu ihrer Verhaftung führte, lieferten die Täter selbst - durch ihre Gier. Der damalige Kriminalkommissar Klaus Waschkewitz erinnert sich an seinen spektakulärsten Fall - und eine überraschende Wendung bei der Aufklärung. 

  • Von Benjamin Behrens
  • 08. Sept. 2022
  • 15:51 Uhr
09. Sept. 2022
 
Groß Hehlen.

Sie fahren zu dritt mit einem hochmotorisierten BMW 518i und schwer bewaffnet vor. Ihr Ziel an jenem Abend des 26. Oktober 1979: ein Geldtransporter, der vor dem damaligen Einkaufszentrum Blau-Gelb in Groß Hehlen parkt. Dann fallen Schüsse, Wachmann Dietrich Grohmann erwidert das Feuer mit seinem Dienstrevolver.

Wachmann stirbt vier Stunden später im Krankenhaus

Er hatte gerade die 188.000 Mark Tageseinnahmen auf dem heutigen Famila-Gelände in Groß Hehlen abgeholt. Es ist 18.38 Uhr, als Dietrich Grohmann von mehreren Schüssen in Bauch und Oberschenkel getroffen zu Boden geht. Vier Stunden später stirbt der Wachmann im Krankenhaus.

Erinnerungen an linksextremen Terrors der Roten Armee Fraktion

Die Erinnerungen an die Hochphase des linksextremen Terrors der Roten Armee Fraktion (RAF) sind ganz frisch. Doch die Täter treibt nicht eine krude Mischung aus Linksextremismus und Selbstinszenierung an. Sie treibt die Gier – und die Geldgier sollte es schließlich sein, die die Polizei nach mehreren Monaten auch auf der Spur der Täter bringt. Bis dahin war mit Hochdruck nach den Tätern gefahndet worden, allerdings zunächst ohne Erfolg.

„Es ging ziemlich schnell. Ein ziemlich schreckliches Bild, der Mann lag da ja noch.“

Klaus Waschkewitz, damals Kriminalkommissar in Celle

Täter fliehen nach tödlichen Schüssen im Schutz der Dunkelheit

Ihr schnelles Vorgehen und der sprichwörtliche „Schutz der Dunkelheit“ hatte den Kriminellen in die Karten gespielt. Zu den Ermittlern gehörte damals auch Klaus Waschkewitz. Die Nachricht des kaltblütigen Raubmordes erreichte den Kripobeamten beim Abendessen mit Freunden. Den Besuch aus Berlin musste er vertrösten, ihn gemeinsam mit seiner Frau zu Hause zurücklassen. Alle Kräfte wurden vor Ort gebraucht.

Kommissar erinnert sich an schreckliches Bild am Tatort

Der damals 24-jährige Kriminalkommissar fuhr eilig zum Tatort. „Es ging ziemlich schnell. Ein ziemlich schreckliches Bild, der Mann lag da ja noch“, erinnert sich der heute 66-Jährige.

Unterwelt lässt Klaus Waschkewitz nicht los

Zuletzt hatte er das Kommissariat Wedemark geleitet, 2018 ging er nach 46 Dienstjahren in den Ruhestand. Doch die Unterwelt lässt ihn nicht los – denn Waschkewitz arbeitet als Gästeführer und führt unter dem Motto „Der Kommissar geht um: die Celler Kriminaltour“ Touristen durch die kriminelle Stadtgeschichte.

Führungen unter dem Motto "Celler Kriminaltour"

Schlapphut, Sonnenbrille, Trenchcoat als Columbo-Outfit gehören dazu, ebenso wie Anekdoten und Hintergrundwissen, die nur der weitergeben kann, der live dabei war. Wie auch bei dem Blau-Gelb-Raubüberfall.

„Als ich dort ankam, waren die Täter bereits über alle Berge.“

Klaus Waschkewitz

Kommissar erlebt schlaflose Nächte nach brutalem Überfall

„Als ich dort ankam, waren die Täter bereits über alle Berge“, berichtet er. Laut diverser Zeugenaussagen seien sie in einen roten BMW gestiegen und geflüchtet. Die Fahndung nach dem Fluchtfahrzeug lief die ganze Nacht. Ohne Erfolg. Einige Zeugen wollten die Täter in einem Fiat fliehen gesehen haben. Ihre Beute hatten sie zurücklassen müssen. Doch wo war der Wagen, wo die Verbrecher? Noch im Raum Celle? Waren sie bei dem Gefecht selbst verletzt worden? Würden sie es wieder probieren? Schlaflose Nächte für die Ermittler.

Zeitzeugen gesucht

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"Die Lichtverhältnisse, das Wort ‚Blau-Gelb‘, kräftiges Neonlicht, die Parkplatzbeleuchtung ließen das Fahrzeug tatsächlich rötlich erscheinen. Es fiel uns wie Schuppen von den Augen.“

Klaus Waschkewitz

Spaziergängen finden verlassenen BMW bei Boye

Dann gab es eine heiße Spur: Spaziergänger fanden auf einem Waldweg bei Boye einen verlassenen BMW mit offenstehenden Türen – das Fahrzeug war ziemlich ramponiert. Vielleicht Spuren der hektischen Flucht? Doch dann die Ernüchterung: Der Wagen ist silbergrau, nicht rot, wie Zeugen ihn beschrieben hatten. „Wir haben gesagt: ‚Der ist zwar andersfarbig, aber wir machen eine Rekonstruktion bei Dunkelheit.‘ Die Lichtverhältnisse, das Wort ‚Blau-Gelb‘, kräftiges Neonlicht, die Parkplatzbeleuchtung ließen das Fahrzeug tatsächlich rötlich erscheinen. Es fiel uns wie Schuppen von den Augen“, so Waschkewitz. Etliche Dienststellen waren in die Fahndung eingebunden: „Die Koordination war in der Jägerstraße in der Leitstelle Zeder.“

Der silbergraue BMW mit dem Kennzeichen H-EU 666 war also tatsächlich das gesuchte Fluchtfahrzeug. Den Wagen hatten die Verbrecher aus einer Parkgarage am Flughafen Langenhagen gestohlen, der Halter weilte ahnungslos im Mallorca-Urlaub. Nach der Tat waren die Raubmörder querfeldein in Richtung Winsen gerast.

Halter des Wagens weilte ahnungslos auf Mallorca

Zeugenaufrufe und Berichte in der Celleschen Zeitung lieferten weitere Hinweise. So war der BMW bereits vor der Tat in Scheuen und Celle vor Bankgebäuden gesichtet worden. Auch Phantombilder von zwei Verdächtigen, am Steuer des BMW sitzend, wurden in der CZ veröffentlicht.

„Meine Tochter sagte zu mir: ‚Mama, da vorne fährt ein Heuwagen.‘ Das fand ich so genial. Das Kennzeichnen „H-EU 666“ war die Vorlage. Da war ich mir ganz sicher, ich kann den Hinweis übernehmen.“

Klaus Waschkewitz über den entscheidenden Hinweis

Seltsame Hinweise gehen bei der Polizei ein

3000 Mark Belohnung waren für sachdienliche Hinweise ausgelobt, die schließlich noch einmal um 2000 Mark erhöht wurden. Blau-Gelb und die Sicherheitsfirma, bei der der erschossene Wachmann Dietrich Grohmann gearbeitet hatte, ergänzten sie jeweils um 2000 Mark auf stolze 9000 Mark. Das rief auch seltsame Charaktere auf den Plan. Zweimal habe eine Frau bei der Polizei Celle angerufen und „Ich weiß, wer der Mörder ist“ ins Telefon geraunt, ohne ihren Namen zu nennen, erinnert sich der Ermittler.

„Ich sollte über das Fahrzeug alles herausbekommen, was möglich ist. Da meldete sich eine Frau, die sagte: ‚Wir haben das Fahrzeug in Adelheidsdorf gesehen. Meine Tochter saß auf dem Beifahrersitz, die Ampel war rot. Das Auto, nach dem Sie jetzt suchen, war vor uns‘“, erinnert sich der Ermittler. Die Mutter war sich sicher, denn ihre Tochter hatte eine kuriose Eselsbrücke erdacht: „Meine Tochter sagte zu mir: ‚Mama, da vorne fährt ein Heuwagen.‘ Das fand ich so genial“, so Waschkewitz. Das Kennzeichnen „H-EU 666“war die Vorlage. „Da war ich mir ganz sicher, ich kann den Hinweis übernehmen.“

So berichteten wir damals

Polizei Celle geht rund 140 Spuren nach

Rund 140 Spuren gingen die Polizeibeamten nach. Die Veröffentlichungen in der CZ trugen ihren Teil dazu bei, dass 34 Hinweise von Zeugen eingingen, die den BMW im Raum Celle gesehen hatten. Die Belohnungen weckten Hoffnung auf weitere Hinweise.

„Das macht meinen Mann auch nicht wieder lebendig.“

Gudrun Grohmann, die Frau des toten Wachmanns, damals in der CZ

„Das macht meinen Mann auch nicht wieder lebendig“, sagte Gudrun Grohmann damals der CZ. Sie hatte ihren Ehemann verloren, die beiden jungen Söhne den Vater. Seit dem Tatzeitpunkt im Oktober waren Wochen vergangen, doch auch Ende November waren die Täter flüchtig, inzwischen wurde von drei Überfallbeteiligten ausgegangen.

Gier wird Tätern zum Verhängnis

Am Ende wurde den Tätern die eigene Gier zum Verhängnis. Im Januar meldete ein Hausbesitzer aus Winsen einen angeblichen Einbruch. Teppiche, Schmuck und Bargeld im Gesamtwert von 65.000 Mark hätten Einbrecher mitgehen lassen, behauptete Hausbesitzer R., als er mit seinem Hund beim Gassigehen gewesen sei. Die Sache kam den Polizisten seltsam vor, zumal einiges andere im Leben des 34-jährigen Damenschneiders R. Rätsel aufgab. So passten seine öfter wechselnden Jobs so gar nicht zu dem Umzug von Berlin nach Winsen.

Lebensstil passt nicht zu Einkünften des Damenschneiders 

Einen Bungalow und ein Wochenendhaus kaufte R. dort, fuhr Luxuslimousinen und pflegte auch sonst einen gehobenen Lebensstil. Das alles von den Einkünften eines Damenschneiders?

"Zwei Tage später standen zwei Berliner Kollegen in der Tür und wurden Mitglieder unserer Mordkommission.“

Klaus Waschkewitz

Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Beamten die angeblich gestohlenen Wertgegenstände, was den Versicherungsbetrug auffliegen ließ. Sein Geld habe er angeblich in Berlin als Fluchthelfer aus der DDR verdient sowie „für seine Tätigkeit im Geheimdienst“, hieß es damals. Das ließ sich gemeinsam mit der Berliner Kripo schnell überprüfen und entpuppte sich als dreiste Lüge. „Zwei Tage später standen zwei Berliner Kollegen in der Tür und wurden Mitglieder unserer Mordkommission“, berichtet Klaus Waschkewitz.

R. unterhielt enge Verbindungen zu „Berliner Hammerbande“

R. unterhielt enge Verbindungen zu einer als „Berliner Hammerbande“ bekannten Gruppierung. Diese hatte bei Überfällen auf Banken und Kaufhäuser Millionen erbeutet. Am 18. Dezember kam ein versuchter schwerer Raub auf einen Geldtransporter in Berlin-Schöneberg hinzu, in Tateinheit mit versuchtem Mord an Wachleuten und Polizisten.

„Die Berliner haben gesagt: ‚Wir ermitteln gegen eine Gruppierung, deren Bankier in Winsen (Aller) wohnhaft ist‘.“

Klaus Waschkewitz

Dieselbe Handschrift wie bei der Tat in Celle! „Die Berliner haben gesagt: ‚Wir ermitteln gegen eine Gruppierung, deren Bankier in Winsen (Aller) wohnhaft ist‘“, so der Ermittler.

Beamten finden im Garten verbuddelte Waffen

Die Erkenntnisse setzten eine Großaktion in Bewegung: Am 21. Januar 1980 durchsuchten rund 40 Beamte, darunter Bereitschaftspolizisten und Kampfmittelbeseitiger, erneut das Luxusanwesen. Im Garten verbuddelt fanden sie mehrere Maschinenpistolen, eine Mauser-Selbstlade-Pistole und eine gestohlene Walther-Dienstpistole der Berliner Polizei sowie reichlich Munition in den Kalibern 9 und 7,65 Millimetern, die ebenfalls zu dem Schusswechsel auf dem Blau-Gelb-Parkplatz passten. Dazu fanden sich mehrere tausend D-Mark im Haus sowie auffällig viele teure Perserteppiche.

Vom Waldstück zwischen Winsen und Bannetze, in dem der BMW gefunden wurde, ist es nur ein kurzer Fußmarsch. Dazu kamen ausreichende Indizien, um Haftbefehle zu erwirken. Weitere Tatverdächtige gingen der Polizei ins Netz, gegen alle fünf wurde vor Berliner Gerichten Anklage erhoben.

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür