Leben an der Trasse

Wo bleibt die Lebensperspektive am Entenfang?

Hochgeschwindigkeitszüge, die direkt am Naturidyll Entenfang in Boye vorbeirasen – die Menschen, die dort leben, fürchten eine "Katastrophe".

  • Von Michael Ende
  • 22. Jan. 2023 | 18:00 Uhr
  • 25. Jan. 2023
Dort, wo Iris Barckhausen-Kiesecker bei ihren Schnucken nahe am Haus steht, sollen in Zukunft Hochgeschwindigkeitszüge durchdonnern. "Für uns wäre das eine Katastrophe."
  • Von Michael Ende
  • 22. Jan. 2023 | 18:00 Uhr
  • 25. Jan. 2023
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Boye.

Laut trompetend fliegt eine Schar Kraniche in Keilformation direkt über das Jahrhunderte alte Fachwerkhaus von Iris Barckhausen-Kiesecker. Dicht gefolgt von einem Trupp Wildgänse steuern die Vögel die unter Naturschutz stehende Teichlandschaft des nahe gelegenen Entenfangs in Boye an. "Die Tiere brauchen dieses Refugium", weiß Barckhausen-Kiesecker. Ihr Blick wandert von ihren Heidschnucken über eine raureifbedeckte Wiese bis hin zu den Traktor-Anhängern, die wie an der Schnur aufgereiht das pastorale Idyll stören. Barckhausen-Kieseckers Gesichtszüge verhärten sich. "Das ist unser Güterzug, der andeutet, was passieren kann", sagt sie. Genau hier, nur 40 Meter von ihrem denkmalgeschützten Hof-Ensemble will die Bahn ihre neue Hochgeschwindigkeitsstrecke von Hannover nach Hamburg bauen: "Für uns wäre das eine Katastrophe."

Protest-"Güterzug":Ackerwagen auf der Trasse.

Naturkleinod und historisches Juwel

Der Entenfang ist ein Naturkleinod und historisches Juwel. Der letzte Celler Herzog Georg-Wilhelm ließ ihn 1690 nach holländischem Muster bauen. „Es ist der letzte erhaltene Entenfang im deutschen Binnenland“, erläutert Barckhausen-Kiesecker: „Nur an der Nordsee gibt es noch einzelne Vogelkojen, aber keine ist so groß wie der Celler Entenfang." Der heute über 60 Hektar große Flachsee war früher noch größer. Ab 1787 waren Hof und Fanganlage privates Eigentum, wechselten mehrfach den Besitzer. „Seit 1911 sind Hofstelle, Entenfanganlage und das Teichgebiet im Besitz meiner Familie“, sagt die Tierärztin.

"Bahn darf offenbar machen, was sie will"

Gerne würde sie die Anlage behutsam modernisieren: "Zum Beispiel mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach. Aber das ist hier im Außenbereich und noch dazu an einem Baudenkmal aus Sicht der Behörden absolut nicht drin – Klimawandel hin oder her. Hier darf man überhaupt nichts verändern – deshalb ist hier rings um uns im Landschaftsschutzgebiet auch nie mehr etwas gebaut worden. Alles muss so bleiben, wie es ist."

Roter Punkt: Hier berührt die Trasse den Entenfang.

Und jetzt der Schock: "Die Bahn darf offenbar machen, was sie will. Auch eine 60 Meter breite Schneise für den mehrgleisigen Bahndamm durch diese Landschaft holzen. Naturschutzgebiete wie unseres hier, das am nahen Grobebach oder das an der Aller sind da anscheinend völlig egal."

Keine Solarenergie aufs Dach, aber eine Bahntrasse direkt vors Fenster? Iris Barckhausen-Kiesecker und Ulrich Pittius mit Hund "Oslo".

Wenig Anwohner, wenig Ärger?

"Mehr noch", sagt Barckhausen-Kiesecker. Aus der Sicht von Infrastruktur-Technokraten sei die bisher unberührte Natur geradezu der ideale Raum, um sich bautechnisch auszutoben – ungehindert von vielen Menschen: "Hier wohnt ja kaum jemand, der gegen die Neubaupläne protestieren könnte und hier kann man schön geradeaus bauen – das haben die sich schlau ausgedacht."

Mahnfeuer zeigen den Trassenverlauf.

Als Alternative zur Neubautrasse sieht Barckhausen-Kiesecker den Ausbau der Bestandsstrecke: "Die führt seit mehr als einem Jahrhundert durch die Stadt. Dort gibt es Lärmschutz, der noch verbessert werden könnte; die Menschen dort haben gelernt, damit zu leben."

Für Iris Barckhausen-Kiesecker und Ulrich Pittius sind die Bahn-Pläne ein Schock.

Ohne Perspektive

Diese Koexistenz von Bahn und Leben sei im Entenfang nicht möglich, meint Backhausens Lebensgefährte Ulrich Pittius: "Das Haus wäre durch den ewigen Krach praktisch unbewohnbar, wir wären von allem abgeschnitten, unser Weideland verschwände unter den Gleisen. Wenn die Bahn kommt, dann brauchen wir hier nichts mehr zu investieren. Das nimmt uns die Lebensperspektive."

Betroffene gesucht

Die Deutsche Bahn favorisiert für den Ausbau der Bahntrasse Hamburg–Hannover eine Neubaustrecke durch den Landkreis Celle. Das hätte große Auswirkungen für die Menschen, die an der geplanten Trasse leben. Wir suchen Betroffene, die ihre Geschichte erzählen wollen. Was halten Sie von den Plänen der Deutschen Bahn? Was sind Ihre Befürchtungen? Bitte melden sie sich, damit wir uns für ein Gespräch verabreden können – für den Bereich der Stadt Celle per E-Mail an m.ende@cz.de oder unter Telefon (05141) 990122, für den Bereich der Stadt Bergen per E-Mail an c.menge@cz.de oder unter Telefon (05141) 990115.