Vermisst, missbraucht, getötet

Rudolf Bröckel (9) aus Altencelle wurde Opfer eines Serientäters

Rudolf Bröckel kommt vom Fußballspielen nicht nach Hause. Vier Tage nach dem Verschwinden des neunjährigen Jungen aus Altencelle herrscht traurige Gewissheit. Spaziergänger haben den toten Körper des Kindes in einem Waldstück in der Sprache gefunden. Rudolf wurde entführt, missbraucht und ermordet. Eine Psychotherapeutin hat die Familie Bröckel damals begleitet, bis heute besteht der Kontakt. 30 Jahre nach der Tat spricht sie mit der CZ über die traurige Geschichte von Rudolf Bröckel, der nicht das einzige Opfer eines Serienmörders aus dem Landkreis Celle bleiben sollte. 

  • Von Marie Nehrenberg-Leppin
  • 28. Juli 2022
  • 15:51 Uhr
28. Juli 2022
 
Altencelle.

Diesen Tag wird Roslies Wille-Nopens in ihrem Leben nicht vergessen. Es war der 18. März 1992, etwa 21 Uhr, als es an ihrer Haustür klingelte. Ein Kripobeamter – man war miteinander bekannt – stand davor. „Er bat mich um Hilfe, ein Kind aus der Nachbarschaft, nur drei Straßen von mir entfernt, war verschwunden“, erinnert sich die heute 86-jährige Psychotherapeutin.

Rudolf Bröckel (9) aus Altencelle als vermisst gemeldet 

Wenige Stunden zuvor hatte Familie Bröckel aus Altencelle ihren neunjährigen Sohn Rudolf als vermisst gemeldet. Er war an diesem Mittwoch nach dem Fußballtraining nicht nach Hause gekommen. Ein Mitspieler verabschiedete sich noch am Lückenweg, nur rund 50 Meter vom damaligen Wohnort der Familie entfernt, von ihm. Danach verlor sich seine Spur. Tagelang suchte die Polizei Wälder, Felder und Wohngebiete nach Rudolf ab.

„Die Familie lebte noch nicht sehr lange in Celle, sie war rund zwei Jahre zuvor aus Russland gekommen. Die Tage des Wartens und der Ungewissheit waren die Hölle für sie. Die Tatsache, dass die Polizei überprüfen musste, ob sie selbst vielleicht mit seinem Verschwinden zu tun haben könnte, traf sie mitten ins Mark."

Roslies Wille-Nopens, Psychotherapeutin

Familie hat Hoffnung, dass Kind lebt

„Ich bin der Familie in den ersten Tagen, als Rudolf zunächst noch vermisst wurde, nicht von der Seite gewichen und habe sie 24 Stunden am Tag psychologisch betreut“, erzählt Wille-Nopens, die auf Traumatherapie spezialisiert ist. „Die Familie lebte noch nicht sehr lange in Celle, sie war rund zwei Jahre zuvor aus Russland gekommen. Die Tage des Wartens und der Ungewissheit waren die Hölle für sie. Die Tatsache, dass die Polizei überprüfen musste, ob sie selbst vielleicht mit seinem Verschwinden zu tun haben könnte, traf sie mitten ins Mark. Trotzdem gab es zu dem Zeitpunkt wenigstens noch Hoffnung, dass Rudolf wohlbehalten zurückkehren könnte.“

Vier Tage nach Verschwinden wird Leiche in der Sprache gefunden

Der letzte Funke Hoffnung erlosch jedoch schnell. Nur vier Tage nach seinem Verschwinden fanden Spaziergänger in der Nähe der Blauen Brücke im Waldgebiet Sprache die Leiche des Jungen. Im "Focus" von 2002 beschreibt eine Journalistin, die mit den Eltern sprach, den schlimmsten Tag im Leben der Familie Bröckel wie folgt: „Am Sonntag, dem vierten Tag des Wartens, kommt kurz nach drei ein Anruf von der Polizei. Die Therapeutin wird verlangt. Sie geht an den Apparat, hört, nickt, legt wieder auf. Zu den Eltern, beide versteinert vor Anspannung, sagt sie nur: ‚Nichts, nichts ...‘ und geht aus dem Haus. Nach einer Weile kehrt sie zurück. Die Mutter steht am Fenster. Sie öffnet die Tür, weiß, was nun kommt. ‚Er lebt nicht mehr‘, sagt die Therapeutin sehr langsam und ruhig und hilft der Mutter, die mit einem schauerlichen Schrei zu Boden sinkt. Auch der Mann, hinter ihr, kann sich nicht halten und bricht stöhnend zusammen. Die Therapeutin ruft den Arzt. Medikamente versetzen die Eltern für die nächsten Tage in ein inneres Niemandsland.“

So berichteten wir damals

Demonstration in Celle: Teilnehmer fordern schärfere Gesetze bei Sexualdelikten

Während die Polizei fieberhaft nach dem Täter suchte, ging in Celle die Angst um. An einem Samstag kamen in der Altstadt über 200 Demonstranten zusammen. Mit Transparenten wie „Celler Bürger sind entsetzt“, „Wir haben Angst um unsere Kinder“, „Rudolfs Mörder muß gefaßt werden“ und der Forderung nach Einführung der Todesstrafe zogen sie durch die Innenstadt. "Den Menschen sah man ihre Betroffenheit über das Verbrechen an", hieß es damals in der CZ. Viele Passanten hätten sich spontan dem Protestzug angeschlossen. In Sprechchören forderten die Teilnehmer schärfere Gesetze bei Sexualdelikten. „Wacht auf, ändert die Gesetze“, riefen sie immer wieder. Am Großen Plan endete der Protestzug mit einer Schweigeminute.

Zeitzeugen gesucht

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Weitere Kinderleiche bei Ovelgönne gefunden

Die Suche nach dem Mörder gestaltete sich jedoch zunächst schwierig. Bewegung kam in die Ermittlungen, als Ende Mai ein Unbekannter in Sanne bei Salzwedel einen Jungen, den neunjährigen Michael, entführt. Zeugen sahen einen blauen Opel Kadett mit Celler Kennzeichen, zehn Tage später wurde die Leiche des Jungen in einem Waldstück bei Ovelgönne gefunden. Doch trotz Phantombilds und genauer Beschreibung des Autos tappt die Polizei im Dunkeln, eine Verbindung zum Mordfall Rudolf konnte nicht sicher festgestellt werden. Erst Anfang Oktober wurde ein 25-Jähriger aus Oldau in München festgenommen. Thomas E. hatte einen Jungen aus Hof nach München verschleppt und wurde deshalb verhaftet. Im Zuge dessen gestand er die beiden Morde an Rudolf und Michael.

Mann aus Oldau vergeht sich an Kind

Im Laufe des Prozesses gegen den damals 25-jährigen Oldauer kamen dann die schrecklichen Details ans Licht. In der Celleschen Zeitung vom 28. April 1993 heißt es: „Thomas E. habe ausgesagt, Rudolf Bröckel zufällig gesehen zu haben, als dieser sich von einem Freund verabschiedete. Spontan habe er den Entschluß gefaßt, den ‚blonden Jungen‘ anzusprechen. Unter dem Vorwand, eine Straße zu suchen, habe er Rudolf in ein Gespräch verwickelt. Der Aufforderung, mit einzusteigen, sei Rudolf gefolgt. Danach wären beide in Richtung Braunschweig gefahren. Unterwegs sei E. der Gedanke gekommen, den Jungen zu mißbrauchen. Kurz hinter Celle sei er in einen Waldweg eingebogen und habe sein Fahrzeug geparkt. Dort sei es zum Teil unter Gewalteinwirkung zu sexuellen Handlungen gekommen. Anschließend fuhren beide wieder in Richtung Celle. Während der Fahrt habe E. den Jungen gefragt, ob dieser ihn wiedererkennen würde. Als Rudolf eine gute Beschreibung abgegeben habe, entschloß sich E., den Jungen zu töten.“

„Sein Vater war wie erstarrt, das weiß ich noch genau. Und auf der anderen Seite saß der Angeklagte – er wirkte teilnahmslos. Diese Gleichgültigkeit, mit der er sprach, das hätte die Eltern fast zerrissen.“

Roslies Wille-Nopens, Psychotherapeutin

Thomas E. bekommt lebenslange Freiheitsstrafe

An den Prozess kann sich Roslies Wille-Nopens noch gut erinnern. Sie saß zwischen Rudolfs Eltern. „Sein Vater war wie erstarrt, das weiß ich noch genau. Und auf der anderen Seite saß der Angeklagte – er wirkte teilnahmslos. Diese Gleichgültigkeit, mit der er sprach, das hätte die Eltern fast zerrissen“, erzählt sie. Thomas E. wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Psychotherapeutin hat noch Kontakt zur Familie

Nach dem Urteil begann die Familie sich zurück ins Leben zu kämpfen. Rudolfs ältere Schwester gründete eine Familie, der Enkelsohn gab der Familie neue Lebensfreude. Doch auch dieses Mal hielt das Schicksal eine böse Überraschung bereit. Der Vater starb früh an Krebs. „Ich habe all das miterlebt und betreue die Familie bis heute. Nicht mehr so regelmäßig, aber der Kontakt ist nie abgerissen“, sagt Roslies Wille-Nopens. „Rudolfs Mutter hat nach all dem Verlust, den sie ertragen musste, vor einigen Jahren einen neuen Partner kennengelernt. Einen netten Menschen.“

„Tatort Celle“: Verbrechen vor unserer Haustür

Verbrechen führt zu Vereinsgründung

Roslies Wille-Nopens gründete nach dieser Zeit, die auch für ihr eigenes Leben einschneidend war, gemeinsam mit anderen Cellern einen Verein, die „Interessengemeinschaft zur Verhinderung sexuellen Missbrauchs an Kindern“. „Eines Tages klingelten bei mir zwei Frauen, die Spenden sammelten. Für die Opfer. Wir kamen ins Gespräch und es wuchs die Idee, dass wir doch mehr tun könnten“, erinnert sie sich. Gut 20 Jahre lang engagierten sich die Mitglieder. Ziel des Vereins war es, Kindern, die psychischer oder physischer Bedrohung oder Gewalt ausgesetzt waren, Hilfe anzubieten. Diese Unterstützung sollte auch den Eltern betroffener Kinder sowie ehemals betroffenen Erwachsenen zuteil werden. Der Verein informierte in Schulen, Kindergärten und Fußgängerzonen über das Thema sexueller Missbrauch an Kindern. Die Mitarbeiter führten Umfragen durch, veranstalteten Podiumsdiskussionen und informierten in Fernseh- und Radiosendungen im In- und Ausland. Zu Hochzeiten hatte der Verein bis zu 40 Mitglieder. „Alle Mitarbeiter haben mit ihrem unermüdlichen Einsatz das Leben unserer Kinder ein wenig sicherer gemacht“, sagte Wille-Nopens nach der Auflösung im Jahre 2011. ln den Jahren ihres Bestehens haben die Mitglieder viel erreicht. „Zur Zeit unserer Gründung war Kindesmissbrauch ein Tabu. Heute gehen wir mit diesem Thema viel offener um“, sagt die Psychotherapeutin.