Morgens um halb 10

An der Ostumgehung scheiden sich die Geister

Morgens um halb zehn ist an der Baustelle der Celler Ostumgehung die Welt nicht für alle in Ordnung.
  • Von Michael Ende
  • 07. Aug. 2022 | 09:35 Uhr
  • 10. Aug. 2022
Cord Bruns und Lennart Marwede arbeiten auch samstagsmorgens auf der Ostumgehungstrasse.
  • Von Michael Ende
  • 07. Aug. 2022 | 09:35 Uhr
  • 10. Aug. 2022
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Altencelle.

Die sandige, von Erdwällen eingerahmte rund 100 Meter breite Schneise, die von Baggern zwischen dem Brücken-Stumpf der neuen B3 und der Baker-Hughes-Straße durch den Acker bei Altencelle freigeschoben wurde, lässt erahnen: Hier wird Großes entstehen. Die Celler Ortsumgehung wird hier weitergebaut. Ihre Trasse schneidet sich durchs Land. Fortschritt oder Naturzerstörung – oder beides?

Archäologen haben vieles liegen gelassen

Die Bauarbeiten für die Ostumgehung sind mittlerweile dafür bekannt, dass es hier alles andere als hektisch zugeht. Der von vielen beobachtete zwischenzeitliche Stillstand zwischen den Bauabschnitten hat System und ist so geplant. Der Mittelteil der neuen Ortsumgehung zwischen der B214 im Süden und der B191 im Norden wird seit 2019 gebaut. Eine Brücke über die B214 ist fertig. Sie endet abrupt, und dort, wo sie sie von Osten her an die neue Straße angeschlossen werden soll, haben bereits Archäologen den Verlauf der Trasse untersucht. Restlos alles mitgenommen, was es im Boden zu entdecken gäbe, haben sie längst nicht. Die freigeschobene Fläche ist ein Dorado für Scherbensammler: Hier kann man alle paar Meter Bruchstücke getöpferter Hinterlassenschaften unserer Vorfahren auflesen, auch Feuerstein-Artefakte lassen sich finden. Sie glitzern in der Morgensonne.

Sammler historischer Scherben werden auf der freigeschobenen Trasse schnell fündig.

Trauer und Wut über "Schandfleck"

Bald werden genau hier zigtausende Autos täglich über eine neue Schnellstraße brausen. Imke Behr aus der Blumlage fährt täglich auf dem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad an, wie sie es nennt, "Celles jüngstem Schandfleck" vorbei: "Es zerreißt mir das Herz, was dort und an der Aller, im Naturschutzgebiet und mit meinen schönsten Kindheitserinnerungen – ich komme aus Altencelle – passiert. Und wieder mussten viele Bäume ihr Leben lassen für starrköpfige Menschen in Celle, die nicht im Entferntesten darüber nachdenken, ihren Lebensstil mal der Zeit anzupassen."

"Allertal wird nie wieder so sein wie jetzt"

Auch Stefan Haack aus der Wittinger Straße findet schlimm, was hier passiert. "Eine falsche Entscheidung, die über Generationen nicht rückgängig gemacht werden kann. Der Weiterbau der B3 ist anachronistisch und zerstört das Naturschutzgebiet direkt vor meiner Haustür, durch das ich sehr gerne spazieren gehe. Das Allertal wird nie wieder so sein wie jetzt. "

"Wichtig, dass die Straße gebaut wird"

Heute Morgen sind Cord Bruns, Chef der BS Tiefbau- und Abbruch GbR aus Altencelle und sein Mitarbeiter Lennart Marwede damit beschäftigt, auf der Trasse des Grund für die neue Baustraße freizubaggern. Bruns bedient den Bagger, Marwede transportiert den Aushub mit Traktor und Anhänger an den Rand der Strecke. Er freue sich, als lokales Unternehmen den Auftrag erhalten zu haben, sagt Bruns, der gleich nebenan an der Gertrudenkirche wohnt. An den Anblick der fertigen Schnellstraße direkt vor der eigenen Haustür werde man sich in Zukunft sicherlich erst einmal gewöhnen müssen. Ein bisschen mulmig ist ihm schon: "Mal sehen, wie das sein wird. Ich weiß aber, dass es wichtig ist, dass diese dringend benötigte Straße gebaut wird.

Cord Bruns ist gespannt darauf, wie das Leben direkt an der neuen Straße sein wird.

Freude, dass es mit der Straße endlich voran geht

Direkt an der heute noch vom Durchgangsverkehr stark belasteten Alten Dorfstraße wohnt Wolfgang Lohmann. Der Pensionär freut sich darüber, dass es mit dem Straßenbau endlich voran geht. "Ich habe mich schon als Schüler auf dem Hermann-Billung-Gymnasium mit dem Thema Ostumgehung beschäftigt, habe erlebt, wie seitdem der Verkehr bei uns Jahr für Jahr schlimmer wurde und kann es kaum erwarten, dass die neue Straße fertig wird. Am liebsten wäre es mir und meinen Nachbarn, wenn sie heute schon fertig wäre."

Wolfgang Lohmann freut sich darüber, dass es mit dem Straßenbau voran geht.

Viel Zeit für Vorfreude

Ganz so schnell geht das nicht. Der etwa 5,5 Kilometer lange Mittelteil der neuen B3 soll nach aktuellem Stand 2026 für den Verkehr freigegeben werden. Bis dahin wird es noch viel zu beobachten geben. Jetzt wird die Baustraße zu den einzelnen Baustellen zwischen B-214-Brücke und Überquerung des Apfelweges gebaut. Im Herbst soll die Flutmulde an der zukünftigen Allerbrücke gebaut werden. Zum Ende des Jahres wird mit der Kanalverlegung im Bereich des neuen Berkefeldwegs begonnen und dort ein Regenrückhaltebecken gebaut, danach wird bis Ende Sommer 2023 der neue Berkefeldweg gebaut.