Weltklassik am Klavier

Exquisit und ganz eigenständig

Der Pianist Johann Blanchard hat mit seinem Auftritt in der Reihe "Weltklassik am Klavier" im Wieckenberger Büchtmannshof fasziniert.
  • Von Reinald Hanke
  • 22. Nov. 2022 | 14:05 Uhr
  • 22. Nov. 2022
Weltklassik am Klavier gab es von Johann Blanchard im Büchtmannshof.
  • Von Reinald Hanke
  • 22. Nov. 2022 | 14:05 Uhr
  • 22. Nov. 2022
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Wieckenberg.

Ein großartiger Bach-Spieler, ein tiefschürfender Schubert-Interpret und ein eigenwilliger Ravel-Pianist: All das war an einem Abend in Person des Pianisten Johann Blanchard in Wieckenberg zu erleben. Um es vorweg zu sagen: Blanchards Spiel faszinierte vom ersten Ton an in einem Maße wie man das nicht häufig erlebt.

Blanchard fasziniert fast vom ersten Moment

Blanchard hatte für den Konzertbeginn die B-Dur-Partita von Johann Sebastian Bach ausgewählt. Das sagt an sich schon einiges aus, denn Bach zum Einstieg, das ist anspruchsvoll. Hier aber faszinierte der Pianist fast vom ersten Moment an. Da traute sich mal ein junger Pianist, ein eigenes, ganz stark ausdrucksbezogenes, ja geradezu romantisch geprägtes Bach-Spiel zu praktizieren. Er ließ dabei die meisten von Bach notierten Wiederholungen weg, was ein wenig schade war, denn er praktizierte ein so differenziertes Spiel, dass man gerne noch jeweils den zweiten Durchlauf in modifizierter Spielweise gehört hätte.

Nie genaue Wiederholung

Bei diesem Pianisten gibt es nämlich nie eine genaue Wiederholung einer musikalischen Figur. Schon beim zweiten Auftreten einer Phrase wird ein ganz kleines Detail verändert, die Stimmung neu beleuchtet oder etwas anderes besonders hervorgehoben. Und Blanchard hat keine Hemmungen, Bach unter Verwendung des rechten Pedals zu spielen, wo es denn aus seiner Sicht angezeigt ist.

Oase gelassener Kontemplation

So hörte man Klangfarben, wie man sie kaum vorher damit in Verbindung gebracht hätte. Und Blanchard hat einen ungemein trefflichen Sinn für die Tempi, die er teilweise ungewöhnlich wählte. So erschien das erste Menuett schon eher langsam, was aber noch zügig wirkte im Vergleich zum sich anschließenden zweiten Menuett, das wie eine Oase gelassener Kontemplation wirkte: sehr ungewöhnlich, aber auch sehr überzeugend. Und in gewisser Weise ist dieses Bach-Spiel auch verblüffend, denn Blanchard gelingt es bei aller Variabilität immer, den großen Bogen zu wahren. Nichts zerfällt in Einzelteile, und er spielt sich auch nie selbst in den Vordergrund.

Hommage an Couperin

Es schloss sich Ravels Hommage an den französischen Barockmusiker Couperin an, bei der in Blanchards Spielweise die Bezugnahme auf Couperin zugunsten größten Ausdruckswillens in den Hintergrund rückte.

Exquisiter Musikabend

Zum Abschluss und als weiterer Höhepunkt folgte die späte B-Dur-Sonate Franz Schuberts. Die ersten beiden Sätze gelangen Blanchard ganz wunderbar. Der erste Satz faszinierte mit seinem nicht enden wollenden Fluss in immer wieder neuer musikalischer Beleuchtung von Dur und Moll. Blanchard erwies sich als Meister der harmonischen Doppeldeutigkeit, denn wie selbstverständlich hörte man bei ihm jede Wendung in eine weitere Dur-Tonart nicht als reines Glücksversprechen, sondern immer doppeldeutig mit einem Hauch wienerischer Melancholie. Da traf Blanchard den Schubert-Ton genauso perfekt wie im zweiten Satz mit seiner erschütternden Weltschmerzklage. Dann aber in Satz drei und vier wandelte sich Blanchards Schubert-Spiel merklich. Während der dritte Satz an Haydn erinnerte, so wirkte der vierte Satz wie ein Abschiedsgruß an Beethoven.

Ein ganz lang innerlich nachhallendes Schubert-Spiel war das. Ein insgesamt exquisiter Musikabend.