Ausstellung eröffnet

Geschichte der Fotokunst

Das Sprengel Museum in Hannover zeigt aktuell die Foto-Ausstellung „Vom Beginnen – 50 Jahre Spectrum Photogalerie“.
  • Von Jörg Worat
  • 03. Aug. 2022 | 11:00 Uhr
  • 03. Aug. 2022
  • Von Jörg Worat
  • 03. Aug. 2022 | 11:00 Uhr
  • 03. Aug. 2022
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Hannover.

Eine Ausstellung, die nur einen Raum umfasst: Das mag zunächst einmal nicht sonderlich aufregend klingen. Doch die Schau „Vom Beginnen – 50 Jahre spectrum Photogalerie“ im Sprengel Museum bietet schon rein quantitativ Stoff für längeres Verweilen, zeigt sie doch 15 Positionen mit rund 90 Arbeiten. Ganz abgesehen davon, dass man hier einen hervorragenden Streifzug durch die neuere Geschichte der Fotokunst unternehmen kann.

Erste kommerzielle Fotogalerie

Das Medium erlebt seit einiger Zeit einen ungeheuren Boom, der sich auch in entsprechenden Marktpreisen niederschlägt. Um so kurioser wirkt es aus heutiger Sicht, dass noch in den 70er Jahren verbreitet Uneinigkeit darüber herrschte, ob es so etwas wie künstlerische Fotografie überhaupt geben könne. Und um so mutiger war 1972 die Entscheidung eines Teams von hannoverschen Fotografen um den später so berühmten Heinrich Riebesehl, die erste nicht kommerzielle Fotogalerie Deutschlands zu gründen.

Initialzündung

Sie zog sieben Jahre später in das neu eröffnete „Kunstmuseum Hannover mit Sammlung Sprengel“ – so der damalige Name – und bestand bis 1991. Die „spectrum“-Galerie war somit gleichsam die Initialzündung dafür, dass 1993 eine der Fotografie gewidmete Abteilung im Museum eingerichtet wurde. Bis heute genießt Hannover auch auf internationaler Ebene einen ausgezeichneten Ruf in Sachen Fotokunst

Hannover-Schwerpunkt

Die Ausstellung zeichnet nun die „spectrum“-Geschichte mit ausgewählten Highlights nach – alle Positionen wurden einst dort gezeigt. Natürlich gibt es einen Hannover-Schwerpunkt, der aber im überregionalen Vergleich bestehen kann. Den Auftakt machen einige Klassiker von Umbo alias Otto Umbehr, darunter Fotos vom Clown Grock, Beine einer Schaufensterpuppe und die bekannte „Horch“-Kühlerfigur. Der 2010 verstorbene Heinrich Riebesehl ist mit der ebenfalls schon fast legendären Serie „Menschen im Fahrstuhl“ vertreten, aufgenommen mit versteckter Kamera. Aber auch die weniger verbreiteten Aufnahmen können überzeugen, etwa Joachim Giesels Bild einer rüstigen Gymnastikgruppe im Altersheim.

Hang zur Sachlichkeit

Der deutsche Fotostil ist tendenziell von einer gewissen Hang zur Sachlichkeit geprägt; Paradebeispiel dafür sind die Industriebauten-Serien von Bernd und Hilla Becher. Am anderen Ende der Palette bewegen sich die hemmungslos subjektiven Darstellungen von Michael Schmidt.

Blick für das Seltsame

Die in der US-amerikanischen Fotografie schon seit geraumer Zeit gang und gäbe sind. Unter anderem gibt es vier Aufnahmen von Diane Arbus zu sehen, bei deren Porträts der untrügliche Blick für das Seltsame im Alltäglichen zum Tragen kam, unterstützt dadurch, dass die Menschen oft direkt frontal abgelichtet sind. So wird hier ein junger Patriot in einer Aufmachung gezeigt, die sich auch auf einer heutigen „MAGA“-Veranstaltung gut machen würde, und die ikonische Fotografie eines jungen Mannes mit Lockenwicklern ist ebenfalls dabei – heute kein Aufreger mehr, im Entstehungsjahr 1966 aber allemal.

Farbfotografien etabliert

Lee Friedlander hat Autos so fotografiert, dass die Gefährte teilweise verdeckt sind – was man eher ahnt als sieht, kann ja durchaus interessanter sein als das gar zu Offenkundige. Und auch William Eggleston ist mit von der Partie; er besaß Mitte der 70er Jahre die Kühnheit, die Farbfotografie zu etablieren, durchaus zum Missfallen vieler Puristen.

Hängung sorgsam ausbalanciert

Fazit: viel los in diesem Raum, der gleichwohl nicht überfrachtet wirkt – die Ausstellungsmacher haben ihre Hängung sehr sorgsam ausbalanciert.

Die Ausstellung wird bis zum 30. Oktober im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, in Hannover gezeigt. Öffnungszeiten: dienstags, 10 bis 20 Uhr, mittwochs bis sonntags, 10 bis 18 Uhr.