Schlosstheater-Premiere "Ewig jung"

Wenn der Rollator zum Chopper wird

Das Songdrama „Ewig jung“ feierte im Schlosstheater seine Premiere. In dem Stück beweist das Ensemble einmal mehr seine unglaubliche Qualität.

  • Von Jürgen Poestges
  • 03. Okt. 2022 | 15:05 Uhr
  • 03. Okt. 2022
Tolle Maske, tolle Leistung der Schauspieler: (von links) Thomas Wenzel, Dirk Böther, Pia Noll, Lisa Mader und Dimitrij Breuer.
  • Von Jürgen Poestges
  • 03. Okt. 2022 | 15:05 Uhr
  • 03. Okt. 2022
Anzeige
Celle.

Eine Zeitreise mit viel Musik und einem fantastischen Ensemble: „Ewig jung“, das Songdrama von Erik Gedeon, feierte eine umjubelte Premiere im Schlosstheater. Minutenlange stehende Ovationen und zwei (!) Zugaben sprechen für sich.

Celler Schlosstheater wird zum Pflegeheim für hochbetagte Schauspieler

Wir schreiben das Jahr 2066. Das Schlosstheater ist längst geschlossen, es wurde zu einem Pflegeheim für hochbetagte Schauspieler umfunktioniert. Und die dürfen ab und zu noch einmal auf die Bühne, die ihnen so viel bedeutet hat. Von den alten Zeiten zeugt lediglich ein Foto des heutigen Intendanten Andreas Döring, angelehnt an die Urne mit seiner Asche. Und da kommen sie nun: Herr (Burkhard) Niggemeier, der Pianist, Frau (Viola) Heeß, Herr (Dimitrij) Breuer, Althippie Herr (Thomas) Wenzel, Herr (Dirk) Böther und Frau (Pia) Noll, inzwischen ein verheiratetes Paar. Betreut werden sie von Schwester Lisa (Mader).

Tolle Leistung der Maske und des Bühnenbilds

Allein die Maske ist es wert, sich dieses Stück anzuschauen. Wundervoll gealtert sind die Schauspieler, und wundervoll setzen sie auch die Tatsache um, dass sie halt jetzt leicht gebeugt und mit Rollatoren über die Bühne wanken. Die wurde von Nadine Hampel in eine Landschaft verwandelt, auf der mit Tüchern verhangene Sessel und ein Sofa stehen, die nebenbei noch ordentlich stauben, wenn man sich darauf setzt. Ein perfektes Arrangement.

Musikalische Reise durch viele Jahrzehnte: (von links) Dimitrij Breuer, Thomas Wenzel und Dirk Böther.

Zu viel über den Inhalt zu verraten, heißt eigentlich, den Spaß am Zuschauen zu nehmen. Der Zuschauer darf sich auf jeden Fall auf zahlreiche sehr gut und witzig umgesetzte Ideen freuen. Regisseur Moritz Koch hat da seiner Fantasie freien Lauf gelassen. So verwandelt sich bei „Born to be wild“ der Rollator in einen Chopper, eine Windmaschine sorgt für den Fahrtwind auf dem Motorrad.

Musikalische Reise durch viele Jahrzehnte

Es gibt eine musikalische Reise durch viele Jahrzehnte – ob Disko, Peter Maffay oder Simon & Garfunkel. Deren „Scarborough Fair“ wird von Thomas Wenzel angestimmt, nachdem er sich ein weißes Pulver durch die Nase gezogen und einige Tabletten eingeworfen hat – ein Höhepunkt des Stücks. Auch „Sex Bomb“ von Tom Jones mit einem strippenden Dirk Böther und einer krachenden Überraschung sucht seinesgleichen, ebenso wie der Kampf Mann gegen Mann, klasse.

Überzeugende Leistung des Schlosstheater-Ensembles

In dem Stück beweist das Ensemble des Schlosstheaters einmal mehr seine unglaubliche Qualität. Das reicht von Gesang – Neuzugang Lisa Mader überzeugt besonders – bis hin zur Darstellung ihres gealterten Selbst. Viola Heeß rockt am Rollator, Dimitrij Breuer, mit Goldfischglas, hat ein Auge auf sie geworden, traut sich aber nicht, seine Gefühle zu offenbaren. Thomas Wenzel nimmt man den Althippie in jeder Sekunde ab. Und Pia Noll und Dirk Böther ergänzen sich perfekt als sich liebendes Ehepaar. Abgerundet wird das alles von Pianist Niggemeier, der alle Stücke glänzend am Klavier interpretiert.

Zitate aus allerlei Klassikern

Ach ja, und es spielt auch noch ein Gewehr eine wichtige Rolle. Und eine gleich fünffache Sterbeszene mit allerlei Zitaten aus alten Klassikern wie „Romeo und Julia“ oder „Julius Cäsar“. Man muss sich einfach zurücklehnen, sich überraschen lassen und am Ende resümieren, dass Altwerden auch durchaus seinen Reiz haben kann.

Weitere Aufführungen um 20 Uhr im Schlosstheater: 6., 7., 8., 11., 14., 15., 16., 20., 21., 22., 23., 26., 28. und 30. Oktober, 1.,4., 12. und 16. November, 29. und 31. Dezember (31. auch um 16 Uhr).