Großmeister an der Orgel

Müheloses Spiel schwerer Stücke

Der sächsische Orgel-Großmeister Matthias Eisenberg begeisterte in der Celler Stadtkirche mit scheinbar mühelosem Spiel schwerer Stücke.
  • Von Reinald Hanke
  • 10. Okt. 2022 | 11:05 Uhr
  • 10. Okt. 2022
Der Orgel-Großmeister Matthias Eisenberg war in der Celler Stadtkirche zu erleben.
  • Von Reinald Hanke
  • 10. Okt. 2022 | 11:05 Uhr
  • 10. Okt. 2022
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Celle.

Wie oft begegnet man Musikern, die privat von äußerster Zurückhaltung sind, musizierend aber komplett aus sich herauskommen. Der frühere Gewandhausorganist Matthias Eisenberg, gerade zu Gast gewesen an der Celler Stadtkirche, ist so eine ganz besondere Persönlichkeit.

Virtuose an der Orgel

Eisenberg ist ein Koloss von einem Mann: breit, groß und schwer. Dieser Mann soll für spielerische Leichtigkeit stehen? Sieht man ihn in langsamer und schwerfälliger alltäglicher Bewegung, wie er früher mit seiner inzwischen verstorbenen Mutter und heute mit seiner Schwester durch die Lande reist, da glaubt man kaum, dass dieser Musiker ein einzigartiger, wenn auch umstrittener Virtuose an der Orgel ist. Finger, Hände und Füße müssen beim Orgelspiel auf einzigartige Weise koordiniert werden. Und ein Organist muss flexibel sein: Heute spielt er an einem kleinen Instrument, bei dem man genau merkt, wann der Ton kommt und wieviel Kraft man braucht, um eine Taste zu drücken. Morgen spielt er an einem großen Instrument, dessen Mechanik vielleicht die doppelte oder halbe Kraft verlangt, und übermorgen sitzt er dann an einem Instrument, das zwar die Töne noch mechanisch erzeugt, die sonstige Technik aber komplett elektrisch, elektronisch oder digital zur Verfügung stellt. Organisten, die gut sein wollen, müssen ihre Kunst immer an das Instrument und den Raum anpassen können. Für Eisenberg ist das eine Selbstverständlichkeit. Er setzt sich genauso an jedes kleine Instrument und begeistert seine Zuhörer wie an jede große Orgel. Als Zuhörer in der Celler Stadtkirche konnte man nur staunen, wie ein solches scheinbar müheloses Spiel schwerer Stücke möglich ist.

Mit Drive gespieltes Präludium

Schon die ersten, sehr schwungvoll gespielten Töne des bachschen D-Dur-Präludiums BWV 532 erwecken den Eindruck spielerischer Lockerheit. Einzig die Orgel kommt an ihre Grenzen, der Organist nicht. Die anschließende Fuge spielt Eisenberg etwas langsamer, als man sie sich bei ihm nach dem mit solchem Drive gespielten Präludium erwarten würde, aber mit einem weiten Atem, dass man nur so staunt. Es folgt eine Triosonate von Bach. Rechte Hand ein Manual, linke Hand ein Manual, die beiden Füße das Pedal: Alle drei Ebenen müssen vom ersten bis zum letzten Moment in perfekter Eigenständigkeit funktionieren. Das ist die Königsdisziplin des Orgelspiels. Klingt gar nicht so schwierig, ist es aber. Aber bei Eisenberg klingt es, als ob eine übergeordnete Macht diese Musik zum Klingen bringt. Da stimmt alles von der Artikulation und Phrasierung bis zu den Temporelationen.

Ungewöhnliche Klangmischungen

Dass das bei der vierten Orgelsonate von Mendelssohn auch so perfekt klappt, das verwundert bei diesem Organisten nicht. Dass Eisenberg im zweiten und dritten Satz aber mit solch ungewöhnlichen Klangmischungen fasziniert, das ist dann wohl aber ein wenig Celles Kirchenmusikdirektor Michael Voigt zu verdanken, der Eisenberg ausgiebig in die Tücken seiner Orgel eingeführt hat.

Begeisternder Abschluss

Bei der abschließenden Improvisation über die englische Nationalhymne ist Eisenberg dann ganz in seiner Welt, und es fällt einem nur der berühmte Satz von Schiller ein, dass der Mensch nur da ganz Mensch sein könne, wenn er spielt. Genau das war hier zu erleben. Begeisternd.