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Politik Eingekreist an der Grenze - Polens Umgang mit Migranten
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Flüchtlinge aus Afghanistan : Eingekreist an der Grenze - Polens Umgang mit Migranten

20:51 30.08.2021
Afghanische Flüchtlinge bauen in einem behelfsmäßigen Lager an der Grenze zwischen Polen und Belarus Zelte auf. Foto: Attila Husejnow/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa
Afghanische Flüchtlinge bauen in einem behelfsmäßigen Lager an der Grenze zwischen Polen und Belarus Zelte auf. Foto: Attila Husejnow/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa Quelle: Attila Husejnow
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Warschau

Usnarz Gorny (dpa) - Ein kleines blaugraues Zelt hinter großen Militärlastwagen. Mehr ist nicht zu sehen von der Gruppe afghanischer Flüchtlinge, die seit fast drei Wochen an Polens Grenze zu Belarus festsitzt.

Die letzten 200 Meter bis zu ihrem Lager am Waldrand hat die polnische Polizei abgeriegelt. Dahinter versperren Soldaten und Lastwagen den Blick.

Michal Stec steht auf der matschigen Wiese am Absperrband und blickt durch seinen Feldstecher. Am Waldrand ist neben den Militärfahrzeugen ein Flüchtling aufgetaucht. «Das ist Mohammed. Vielleicht will er uns etwas sagen», sagt Stec. Der 34-jährige Umweltschützer gehört zu einer Gruppe von Freiwilligen auf der polnischen Seite. Sie machen sich dafür stark, dass ihr Land den Afghanen gestattet, Asylanträge zu stellen. Per Funk bittet Stec um die Dolmetscherin. Karolina Zieba spricht Dari, die Verständigung mit der Gruppe läuft über Megafon, Handzeichen und manchmal über geschriebene Schilder.

«Wir wissen, dass es 32 Menschen sind, alle aus Afghanistan, mehrere von ihnen haben dort für internationale Organisationen gearbeitet», sagt Sprecherin Kalina Czwarnog von der Hilfsorganisation «Ocalenie» (Rettung). Das nasskalte Wetter setze den Flüchtlingen zu, zudem hätten sie Wasser aus einem Fluss getrunken. «Viele klagen über Fieber, Erbrechen und Durchfall.» Doch der Grenzschutz habe selbst einen Krankenwagen nicht passieren lassen.

Es scheint, als wolle Polens nationalkonservative PiS-Regierung an der Gruppe ein Exempel statuieren. Im Nachbarland Belarus hat Machthaber Alexander Lukaschenko mehrfach erklärt, dass seine Grenzschützer die Migranten nicht mehr an der Weiterreise in die EU hindern werden - als Reaktion auf verschärfte westliche Sanktionen gegen die isolierte Ex-Sowjetrepublik. Nach Litauen ist so nun auch Polen unter Druck geraten.

Die Regierung in Warschau spricht von einem «hybriden Krieg». Sie setzt auf Härte - gegen Lukaschenko, aber auch gegen die Migranten. «Die Lösung des Problems von Menschen, die versuchen, in Polens Territorium einzudringen, besteht darin, sie nicht in das Territorium Polens hineinzulassen», sagte Regierungschef Mateusz Morawiecki vergangene Woche mit Blick auf die Situation in Usnarz Gorny.

Schon 2015 weigerte sich Polen gemeinsam mit anderen Ländern in Mittelosteuropa, Schutzsuchende aus Krisenregionen aufzunehmen. An dieser Haltung hat sich wenig geändert. In den ersten sechs Monaten 2021 hat Polen 391 Asylanträge bewilligt, 282 davon stammten von Menschen aus Belarus.

Vor den Flüchtlingen, die das autoritär regierte Nachbarland nun Richtung Westen passieren lässt, will sich Polen mit einem 2,50 Meter hohen Zaun an der Grenze schützen. In dem Dorf Zubrzyca Wielka, nur acht Kilometer von Usnarz Gorny entfernt, haben Soldaten bereits mit den Bauarbeiten begonnen. Polens Grenze zu Belarus, die auch eine EU-Außengrenze ist, ist 418 Kilometer lang.

Usnarz Gorny, ein verschlafenes Dorf mit Holzhäusern, Ziehbrunnen und Storchennest, steht durch das Drama um die Afghanen plötzlich im Rampenlicht. «Hier in den Dörfern kommen jede Nacht Flüchtlinge über die Grenze. Sie gucken in die Fenster, klopfen, bitten um Essen. Meinen Cousin hat neulich einer gebeten, dass er die Polizei holt», erzählt Slawomir Sloma (49), dessen Eltern in der Nähe wohnen. Gerade die älteren Leute hätten Angst vor den Flüchtlingen: «Sie könnten sie schlagen, töten, ausrauben.» Er selbst sei dafür, dass man der Gruppe im Wald humanitäre Hilfe anbietet. Aber reinlassen - lieber nicht. «Man muss verstehen, dass das alles ein Trick von Lukaschenko ist.»

Polens katholische Kirche hat an die Politik appelliert, eine Lösung für den Umgang mit den Migranten zu finden. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat die Regierung zu Hilfe verpflichtet. Bisher waren die Appelle wirkungslos. Die Gruppe befinde sich auf belarussischem Gebiet, argumentiert Polen. Das Nachbarland trage die Verantwortung für ihre Gesundheit, sagt Vize-Außenminister Marcin Przydacz dem Sender Radio Zet am Montag. Man habe Minsk gebeten, humanitäre Hilfe durchzulassen - vergeblich.

Am Absperrband auf der matschigen Wiese hält Umweltschützer Michal Stec mit seinem Fernglas weiter Ausschau nach Signalen von den Migranten. «In Deutschland redet man über Sprachkurse und Arbeit für Flüchtlinge», sagt er. Polen sei auf einem Niveau, wo man ihnen nicht einmal Essen und Trinken bringen dürfe. «Und das beschämt mich.»

© dpa-infocom, dpa:210830-99-23306/5

Von dpa Von Doris Heimann