Hannover

Zugunsten der Komödie auf Vielschichtigkeit verzichtet

Wo ist das gute alte Theater hin? Das wird sich der eine oder andere Besucher angesichts so manch wüster Inszenierung der jüngeren Vergangenheit gefragt haben. Nun, es gibt noch Bühnen, in denen die Traditionen hochgehalten werden, zum Beispiel das Katschalow Theater Kasan, das auf Einladung des Schauspiels Hannover zu Gast war. Ausgerechnet im Schauspielhaus, also demjenigen Ort, an dem etliche Inszenierungen der eingangs beschriebenen Art stattfanden.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 21. Juni 2018 | 12:57 Uhr
  • 10. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 21. Juni 2018 | 12:57 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Hannover.

Das russische Ensemble spielte mit deutschen Übertiteln „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit“ von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais. Zahlreiche Akteure tummelten sich auf der Bühne mit ihren vielen Schiebewänden, durchweg weiß gekleidete Akteure, denen man deutlich anmerkte, dass handwerkliche Qualitäten wie sorgsame Artikulation und vor allem tänzerische Grundlagen hier stark geachtet werden.

Allen Sprachbarrieren zum Trotz wurde auch manche Charakterzeichnung sehr deutlich. Ilja Petrov machte einen formidablen Unsympathen aus dem Grafen Almaviva, der das „Recht der ersten Nacht“ zwar offiziell abgeschafft hat, aber hinter Susanne her ist, der künftigen Braut seines Kammerdieners Figaro. Und Slawjana Koschtscheeva war als Objekt dieser Begierde keineswegs nur ein armes Hascherl, sondern zeigte deutlich, dass Susanne ihren eigenen Kopf hat.

Recht eindimensional blieben allerdings auch diese Figuren, und überhaupt schien es, dass man zugunsten der Komödie auf ausgeprägte Vielschichtigkeit verzichtet hatte. Gewiss waren etwa die Tanzszenen zur kompetent vorgetragenen Live-Musik zwischen Folklore- und Jazzanklängen nett anzusehen, nur Überraschendes hatte diese Inszenierung kaum zu bieten.

Beim Gedichtvortrag gab es zuweilen eine Veränderung der Klangeinstellung, nach der Pause auch schon mal eine angedeutet extravagantere Bewegungssequenz. Und mindestens einmal wurde auch der ernste Hintergrund des heiteren Treibens deutlich, als Figaro (Ilja Slavutskiy) die Frage aufwarf, ob der Graf jenseits seiner „hohen Geburt“ eigentlich echte Verdienste aufzuweisen habe. Doch gingen diese Momente im Laufe der gut dreistündigen Vorstellung unter, die durchaus einige Kürzungen vertragen hätte – die Dialoge funkeln nämlich keineswegs immer superpointiert.

Das Hauptproblem des Abends war letztlich der Veranstaltungsort, an dem man eben andere Theaterformen erwartet. Dass in den Ankündigungen von „experimentellem Geist“ der Aufführung die Rede gewesen war, steigerte die Irritation noch. Eigentlich unnötigerweise: Es kann ja durchaus interessant sein, sich auf gewisse Grundlagen der Theaterunterhaltung einzulassen – wenn man denn vorab weiß, dass es um eben diese geht.

Von Jörg Worat

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