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Kultur Zu viel Halligalli bei "Mein Kampf"
Weltgeschehen Kultur Zu viel Halligalli bei "Mein Kampf"
17:20 17.12.2015
Hannover

Humor kann eine starke Waffe sein, gerade wenn es um den Schrecken geht. Charlie Chaplin rechnete in „Der große Diktator“ mit Adolf Hitler ab. Und George Tabori, dessen Vater in Auschwitz umgekommen ist, schrieb „Mein Kampf“. Das 1987 entstandene Stück hatte im Schauspielhaus Hannover Premiere.

Der Autor bezieht sich darin auf eine Episode im Leben Hitlers. Mit großen künstlerischen Ambitionen bewirbt dieser sich an der Wiener Akademie, wird jedoch zurückgewiesen und landet im Männerwohnheim. Dort stellt Tabori ihm einen Freund zur Seite, den jüdischen Buchhändler Schlomo Herzl. Der nimmt sich des Möchtegernmalers an, rät zu einer Karriere in der Politik und verrät den Titel eines Buchs, an dem er schreibt: „Mein Kampf“.

Das alles ist ausdrücklich als Farce angelegt, was Tür und Tor für alle möglichen Spielformen eröffnet. Regisseurin Mina Salehpour beweist viel Sinn für Sprache. Sie sieht von einer gar zu vordergründigen Hitler-Parodie ab und lässt dem Herzl ein paar Schwächen, bevor er zum Supergutmenschen mutiert. Dennoch hat die Inszenierung unter dem Strich ihre Hänger.

Zu den Ungereimtheiten gehört, dass sämtliche Figuren mit einer Ausnahme gegen das Geschlecht besetzt sind. Möglich, dass durch einen weiblichen Hitler die Widersprüche dieser Figur um so mehr betont werden sollten, warum aber muss auch der Koch Lobkowitz von einer Frau gespielt werden, das Gretchen hingegen von einem Mann? Und wenn man eine Welt zeigen wollte, in der alles auf dem Kopf steht, weshalb ist Herzl „korrekt“ besetzt, nämlich mit Christoph Müller?

Sie alle machen ihre Sache gut. Lisa Natalie Arnold ist zwar ein oft genug lächerlicher (und später desto gefährlicherer) Hitler, aber kein bloßes Abziehbild. Auch Müller findet eine schöne Balance, und Beatrice Frey setzt als Lobkowitz die Pointen punktgenau. Daniel Nerlich meistert die Aufgabe, ein unbedarftes und dennoch nicht doofes Gretchen zu spielen, darf dafür auch die Rolle der „Frau Tod“ übernehmen.

Ungefähr eine Dreiviertelstunde lang ist das Sprechtheater vom Feinsten, angereichert mit ein paar Prisen Clownerie. Doch dann kommt das Gefühl auf, die Regisseurin habe die große Bühne unterschätzt. Denn nach der Pause ist mit Showtreppe, „Personal-Jesus“-Gesang und Glitzerzeug etwas viel Halligalli angesagt. Dadurch wird die Inszenierung etwas unrund.

Von Jörg Worat