Uraufführung

Stück mit starken Momenten kann selten berühren

Das Theaterstück „Iphigenie“ von Euripides und Johann Wolfgang von Goethe wurde im Schauspielhaus Hannover uraufgeführt.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 11. Dec 2019 | 10:46 Uhr
  • 10. Jun 2022
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  • 11. Dec 2019 | 10:46 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Hannover.

Iphigenie allerorten: Gerade ist der Stoff im Celler Schlosstheater angelaufen, nun zeigt ihn auch das hannoversche Schauspiel. Und zwar gleich im Doppelpack – vor der Pause in der Fassung von Euripides, danach in der Goethe-Version. Das ergibt nach der Lesart von Regisseurin Anne Lenk durchaus Sinn. Sie macht aus dem Abend im Schauspielhaus die Geschichte einer Emanzipation: Die Titelfigur wird vom Spielball ihres Umfelds zur handelnden Person, dies wiederum in zwei unterschiedlichen Ausprägungen.

Der erste Teil ist hier im Wesentlichen eine Familiengeschichte. Feldherr Agamemnon soll auf göttliches Geheiß seine Tochter Iphigenie opfern, damit er günstige Winde für seine Kriegsflotte bekommt, und entscheidet sich tatsächlich für das unmenschliche Abkommen. Nachdem Iphigenie sich zunächst aufs Flehen verlegt, ändert sich ihre Haltung und weicht großem Stolz auf ihre nun als ehrenvoll empfundene Rolle.

Judith Oswald gestaltet minimalistisch möbliertes Wohnzimmer-Modell

Das alles spielt sich nahe an den Zuschauern in einem großen Kasten ab, den Bühnenbildnerin Judith Oswald wie ein minimalistisch möbliertes Wohnzimmer-Modell inklusive fiesem grünen Lichtfilter gestaltet hat. Die Kostüme sind neuzeitlich, und insgesamt führt das Setting doch zu einem Bruch mit der Sprache.

Das Ende der Geschichte: Iphigenie verlässt den Gruselraum, im Off fällt ein Schuss. Bei Goethe ist die angeblich Geopferte aber wieder da, in letzter Sekunde gerettet und nun in der Fremde als Priesterin tätig. Wo sie das Geschehen zunehmend aktiv steuert und Vorurteile aufzubrechen versteht. Auch hier ist das Bühnenbild bemerkenswert – es wirkt wie die Kreuzung aus einem bewohnbaren Riesenaltar und einem Puppenhaus.

Männer erscheinen arg klischeehaft

Apropos Vorurteile: Die Inszenierung soll die Rollenbilder herausarbeiten, die den Figuren gesellschaftlich zugeschrieben werden. Was leider dazu führt, dass gerade die Männer arg klischeehaft erscheinen: Achill etwa ist ein tumber Cowboy, Orest ein unbedarfter Bengel, und einzig Thoas weist so etwas wie eine echte Entwicklung auf – aber erst, nachdem er zunächst eine viel zu lange clowneske Pantomime aufgeführt hat.

Das Ensemble zeigt starke Momente. Doch auch die beiden Iphigenies, zunächst Seyneb Saleh mit mädchenhafter Attitüde, später die resolutere Sabine Orléans, können nicht verhindern, dass der Abend unter dem Strich nur selten wirklich berührt.

Von Jörg Worat

Weitere Termine im Schauspielhaus Hannover jeweils um 19.30 Uhr: 14., 20. und 28. Dezember, 7., 16., 19. und 21. Januar.

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