Uraufführung

Highlight: Geschichte aus Generationen

Das Stück „Was nie geschehen ist“ nach dem biographischen Roman von Nadja Spiegelman wurde in Ballhof Eins in Hannover uraufgeführt.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 13. Dec 2019 | 12:52 Uhr
  • 10. Jun 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 13. Dec 2019 | 12:52 Uhr
  • 10. Jun 2022
Anzeige
Hannover.

„Ich erinnere mich genau“: Wer hat diesen Satz nicht schon mehrfach im Brustton der Überzeugung gesagt? Dass man mit derartigen Behauptungen vorsichtig sein sollte, zeigt eine neue Produktion des hannoverschen Staatsschauspiels – die Uraufführung von „Was nie geschehen ist“ nach dem autobiographischen Roman von Nadja Spiegelman im Ballhof gehörte zu den bisherigen Highlights der Saison.

Drei Frauen aus drei Generationen

Die Eltern der Autorin sind bekannte Persönlichkeiten, doch um Kolportage aus Promi-Kreisen geht es hier überhaupt nicht. Sondern um Allgemeingültiges: Nadja Spiegelman fragte sich, worin eigentlich die nach ihrem Empfinden oft überraschenden Vorwürfe ihrer Mutter begründet lagen, und kam zu dem Schluss, dass die Frage nicht zu klären sei, wenn nicht wiederum das Verhältnis zwischen Françoise und deren Mutter Josée zur Sprache käme. Nun wird die Geschichte von diesen drei Frauen aus drei Generationen erzählt.

Wobei der Singular nicht angebracht ist, denn es stellt sich heraus, dass jede Protagonistin ihre eigene Wirklichkeit hat. Und im Extremfall auch dann nicht davon abrückt, wenn sie stichhaltig widerlegt wird: Da würde eine der Frau jeden Eid schwören, an einem bestimmten Datum einen bestimmten Film gesehen zu haben, der jedoch zum besagten Zeitpunkt noch gar nicht erschienen war.

Strukturen über Generationen hinweg

Was ein eher harmloses Beispiel ist. An anderer Stelle glaubt Josée, mit Françoise niemals gestritten zu haben; ihr ist entfallen, dass sie ihre Tochter einst sogar zwangsweise zum Psychiater geschickt hat: „Mit sechzehn ist jeder ein bisschen verrückt“, versucht sie ihr Handeln nachträglich zu verharmlosen. „Ich war dreizehn“, kontert Françoise. Die später ihrerseits Nadja beim Psychologen anmeldet – es gibt ja die Tendenz, dass sich manche Strukturen über die Generationen hinweg fortsetzen.

Im weiteren Verlauf ergeben sich immer neue Hintergründe im Leben der drei nach außen hin so starken Frauen, und manche dieser Erzählungen sind nur schwer erträglich, wenn es etwa um die sexuellen Übergriffe des Großvaters oder den Selbstmordversuch der Mutter geht. Gleichwohl versinkt die Inszenierung nicht in bleierner Schwere, und bei allem Mangel an äußerer Action wird sie über 110 pausenlose Minuten nicht langweilig. Regisseurin Alice Buddeberg hat sogar fein dosierten Humor beigemischt, den die Schauspielerinnen Anja Herden, Irene Kugler und Amelle Schwerk einfühlsam umzusetzen wissen. Denn zuweilen hat die hilflose Beharrlichkeit der Figuren etwas Rührendes, und Selbstironie zeigen sie auch: Françoise erinnert sich, mit welcher Begeisterung sie 1968 in den Straßen von Paris „Freiheit für Guyot!“ rief – ganz egal, dass sie keinen Schimmer hatte, wer das war.

Von Jörg Worat

Weitere Aufführungen jeweils um 19.30 Uhr in Ballhof Eins, Knochenhauerstraße 28 , in Hannover: 14., 20. und 29. Dezember, 4., 11. und 25. Januar.

Von