Theater

„Ronja Räubertochter“ im Schauspielhaus Hannover

Astrid Lindgrens „Ronja Räubertochter“ feierte im Schauspielhaus eine gelungene Premiere - eine Art Romeo-und-Julia-Geschichte - mit Happy End.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 13. Nov 2019 | 09:30 Uhr
  • 10. Jun 2022
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  • 13. Nov 2019 | 09:30 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Hannover.

Noch während die Besucher ihre Plätze einnehmen, blitzt es heftig auf der Schauspielhaus-Bühne: Das mag ein etwas irritierender Einstieg in ein Familienstück ab sechs Jahren sein. Aber immerhin sind wir unter Räubern und wohnen der Gewitternacht bei, in der „Ronja Räubertochter“ geboren wird – und somit wäre auch schon klar, um welchen Stoff es hier geht. Autorin Astrid Lindgren war bekannt dafür, dass sie die Welt, kindliche Leser hin oder her, nicht in rosa Zuckerwatte zu verpacken pflegte. So auch in diesem Roman, der eine Art Romeo-und-Julia-Geschichte erzählt, wenngleich mit Happy End. Und die Inszenierung, so viel vorweg, findet eine sehr überzeugende Balance zwischen Unterhaltung und tieferem Sinn.

Rivalin rettet Birk das Leben

Wahrscheinlich wissen die Clans der Räuberhauptmänner Mattis und Borka selbst nicht mehr, weshalb sie sich spinnefeind sind – es war so, ist so und wird wohl immer so bleiben. Entsprechend beharken sich Mattis‘ Tochter Ronja und Borkas Sohn Birk bei ihrer ersten Begegnung kräftig, wenngleich der Junge widerstrebend zugeben muss, dass es „ganz nett“ von der Rivalin ist, ihm das Leben zu retten, als er in einen Abgrund zu stürzen droht. Er wird später Gelegenheit haben, sich zu revanchieren, und alsbald entsteht eine enge Freundschaft zwischen den Kindern, die schließlich gemeinsam ausbüxen, als sie feststellen, dass die Väter mit der Situation partout nicht klar kommen.

Ein tolles Bühnenbild von Johanna Pfau

Die Story hat durchaus ein paar gruslige Seiten, sind doch im Wald (tolles Bühnenbild von Johanna Pfau) Wilddruden, Graugnome und andere nicht unbedingt friedliche Wesen unterwegs. Regisseurin Nina Mattenklotz bedient diese Ebene ohne überzogene Schockeffekte und baut zum Ausgleich viele heitere, zuweilen übermütige Szenen ein, die aber nie die Grenze zum wirklich Albernen überschreiten. Eine sehr kompetente Band steuert im besten Sinne eingängige Live-Musik bei.

Freudenschrei ist vermutlich noch auf der Straße zu hören

Und es sind großartige Schauspieler am Start. Wie ernst man inzwischen Theater nimmt, das sich an ein junges Publikum richtet, mag schon daran ersichtlich sein, dass die Titelrolle mit Katherina Sattler besetzt ist – die Darstellerin war gerade für den renommierten Theaterpreis „Faust“ nominiert. Ihre Ronja ist mal kratzbürstig, mal einfühlsam und vor allem äußerst selbstbewusst. Und sie kann sehr, sehr laut werden: Ihr berühmter Freudenschrei ist vermutlich noch auf der Straße zu hören.

Die Mär vom „edlen“ Räubertum

Die Geschichte setzt den Fokus vor allem bei der Mattis-Sippe, so dass deren Darsteller etwas mehr abräumen können als die Borka-Mimen. Mohamed Achour bekommt in der Rolle des Räuberhauptmanns wunderbar cholerische Wutanfälle, das weiche Herz nimmt man ihm aber auch ab. Christiane Ostermayer ist als seine Gattin Lovis tough genug und verwechselt Mütterlichkeit nicht mit Gluckengetue. Eine ganz wichtige Figur ist der betagte Glatzen-Per, der gerne Dinge sagt, die niemand hören will, zum Beispiel, dass die Mär vom „edlen“ Räubertum ziemlicher Mumpitz ist. Wolf List spielt ihn mit sichtlichem Vergnügen. Glatzen-Per stirbt am Ende, und doch besteht kein Grund zu dauerhafter Gram. Erstens hat er noch erlebt, wie sich die Clans versöhnen, und zweitens führt kein Weg drumrum: Der Tod gehört nun einmal dazu – warum nicht auch in einem Familienstück?

Von Jörg Worat

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