Theater

„Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“

Rosa von Praunheims „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ wurde als Gastspiel im hannoverschen Schauspielhaus aufgeführt.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 15. Okt. 2019 | 10:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 15. Okt. 2019 | 10:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Hannover.

Vor zwei Jahren ist Rosa von Praunheim 75 geworden und hat sich selbst ein Geburtstagsgeschenk gemacht: Am Deutschen Theater Berlin konnte die Ikone der Schwulen- und Lesbenbewegung ein Stück über das eigene Leben inszenieren. Für originelle Titel bekannt, hat Praunheim die schräg-schrille Revue „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ getauft und präsentierte sie jetzt als Gastspiel im hannoverschen Schauspielhaus. Dies vorab, mit sehr gemischtem Resultat. Eine ganze Reihe von Besuchern zog, teils sichtlich erzürnt, in der Pause ab, andere spendeten am Schluss stehend stürmischen Beifall. Kurz, alles wie erwartet – schließlich war es schon immer Praunheims Markenzeichen, heftig zu polarisieren.

Sex steht selbstverständlich gern im Mittelpunkt

Zwei Akteure teilen sich den Abend, wobei Božidar Kocevski vor allem für die Darstellung, Heiner Bomhard in erster Linie für die Musik zuständig ist. Beiden wird viel abverlangt, beide ziehen auch die härtesten Szenen voll durch. Von denen gibt es einige, und selbstverständlich steht gern der Sex im Mittelpunkt: Der anale wird freudig besungen, der orale zumindest andeutungsweise demonstriert, indem Kocevski sich mit dem lässig hingeworfenen Satz „Alles für die Kunst!“ einen Vibrator in den Rachen verfügt. Seiner späteren Aufforderung an das Publikum, ihn diesbezüglich auf offener Bühne zu übertreffen, kommt aus irgendwelchen Gründen niemand nach. Oft ist von Penissen und deren Größe die Rede, einmal sieht man auch einen solchen, nämlich Kocevskis, der sich ansonsten vorwiegend besonders durchgeknallter Kostümierungen bedient. Dass er zwischenzeitlich vom Kollegen Bomhard im Bühnenhintergrund ausgeweidet und geköpft wird, hindert ihn nicht an weiteren Auftritten.

Das Leben von Holger Mischwitzky hat seine tragische Seiten

Bevor nun allerdings der Eindruck entsteht, die gesamte Revue bestünde aus unappetitlichem Mummenschanz, sei auf die ernsthaften Seiten und stillen Momente des Abends verwiesen. Denn das Leben von Holger Mischwitzky, so Praunheims bürgerlicher Name, hat seine tragische Seiten: Geboren im Zentralgefängnis von Riga, hat sich der Künstler stets gegen Widerstände aller Art behaupten müssen. Das umstrittene „Zwangs-Outing“ im Jahre 1991 etwa, bei dem Praunheim Prominente wie Hape Kerkeling und Alfred Biolek als schwul bezeichnete, war das für ihn eine notwendige Reaktion auf die AIDS-Krise. Eingeblendete Projektionen bringen auch solche Themen ins Spiel. Das ansonsten von lustvoller Anarchie geprägt ist und übrigens die Publikumseinbindung nie so übertreibt, dass es peinlich werden würde. Dafür wird es langatmig – das größte Manko des gut zweistündigen Abends besteht darin, dass er viel zu ausführlich ist; durch Kürzung um wenigstens ein Viertel hätte er tatsächlich so etwas wie kompakte Wucht entfalten können. Insofern muss offen bleiben, ob diejenigen, die so lauthals jubeln, als Praunheim selbst am Ende mit mildem Lächeln die Bühne betritt, tatsächlich die Vorstellung meinen – oder die Person.

Von Jörg Worat

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