Operninszenierung

Eigenwillige Interpretation in Hannover

„Tosca“ wird musikalisch wie darstellerisch mit hohe Kunst im Opernhaus Hannover gezeigt.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 23. Okt. 2019 | 12:25 Uhr
  • 10. Juni 2022
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  • 23. Okt. 2019 | 12:25 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Hannover.

Ein Kardinal, der als Kind sexuell missbraucht worden ist, widmet einer Starmusikerin einen Devotionalien-Schrein. Nach allerlei Episoden – unter anderem wird ein Herrgottschnitzer einem Lügendetektortest unterzogen – bringt die Angebetete ihren Edelfan um und erfährt anschließend per hinterlassener DVD, dass sich der Dahingeschiedene just dieses Ende gewünscht hat. Die Opernhandlung ist Ihnen nicht vertraut? Dann kennen Sie Puccinis „Tosca“ nicht, zumindest nicht die neue Version der hannoverschen Staatsoper. Und falls die obige, zugegebenermaßen arg geraffte Inhaltsangabe nach einem ärgerlichen Opernhaus-Abend klingt: Es ist einer. Zugleich aber auch über mindestens zwei Drittel der Spieldauer ein sehr spannender.

Gewisse Strukturen werden in hannoverscher Version schnell klar

Der russische Regisseur Vasily Barkhatov, Jahrgang 1983, hat eine höchst eigenwillige Interpretation der Handlung geschaffen; manches wird sich viel besser, wenn nicht überhaupt erst durch die Lektüre des Interviews im Programmheft erschließen. Gewisse Strukturen werden allerdings schnell klar. Wenn etwa Scarpia hier vom Polizeichef zum Kleriker mutiert, verschieben sich natürlich die Akzente der Machtverhältnisse. Und dass Barkhatov ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit widmet als der Titelfigur, scheint zumindest nicht völlig abwegig – diesem Charakter sind vielfältige, teils widersprüchliche Facetten zu entlocken. Tosca hingegen wird im ersten Teil bewusst farblos gestaltet, um später desto eindringlicher Initiative zu entwickeln, und überhaupt ist eine interessante Entwicklung der Figuren zu beobachten – auch Cavaradossi, zu Beginn eher ein oberflächlicher Hallodri, gewinnt im weiteren Verlauf so etwas wie Konturen.

Seth Carico kann auch Sehnsucht der Figur deutlich machen

Vermutlich würde das alles schrecklich schiefgehen, wenn nicht musikalisch wie darstellerisch hohe Kunst geboten würde. Seth Carico ist ein diabolischer Scarpia, kann aber auch die weiche Seite, die Sehnsucht der Figur deutlich machen. Rodrigo Porras Garulo legt als Cavaradossi eine spezielle Energie an den Tag. Und bei Liene Kinca in der Titelrolle mag man zwar zuweilen eine etwas enge Stimmführung in den Mittellagen bemängeln, ihre Interpretationen kommen auf den Punkt – selbst wenn Tosca punktuell eigentlich zu laut wird, ergibt das im Sinne einer Übersprunghandlung durchaus Sinn. Ebenso aufmerksam agiert das Niedersächsische Staatsorchester unter Kevin John Edusei.

Text kollidiert auch mal mit Darstellung

Gleichwohl ist der Ansatz der Inszenierung nicht durchgehend stabil. Dann werden Schrifteinblendungen benötigt, um den Inhalt überhaupt nachvollziehbar zu machen, oder der Text kollidiert mit der Darstellung, wenn etwa der von der Regie zum Schnitzer umfunktionierte Cavaradossi als Maler angesprochen wird. Und das „Leichen-wechsle-dich“-Spiel am Ende, bei dem mal Scarpia, mal Cavaradossi gemeuchelt am Boden liegt, könnte auch einen psychologisch gut geschulten Geist überfordern.

Ein ärgerlicher Abend, wie gesagt. Aber wer nicht kommt, muss sich eventuell vorwerfen lassen, etwas verpasst zu haben.

Von Jörg Worat

Weitere Aufführungen jeweils um 19.30 Uhr im Opernhaus Hannover am 26. und 30. Oktober, 7., 9., und 29. November, 3. und 12. Dezember sowie am 27. März. Um 16 Uhr am 3. und 17. November sowie um 18.30 Uhr am 10. Mai.

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