Hannover

Mit Tiefsinn und kritischen Tönen

Er war so etwas wie das Kraftzentrum der hannoverschen Kunstszene: Hannes Malte Mahler, der im Juli 2016 bei einem Fahrradunfall ums Leben kam. Dieser Tage wäre der vielseitige Künstler 50 Jahre alt geworden, Anlass für eine umfassende Ausstellung in der Markuskirche.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 15. Juni 2018 | 11:42 Uhr
  • 10. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 15. Juni 2018 | 11:42 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Hannover.

Der Ort ist in mehrfacher Hinsicht angemessen, nicht nur, weil er schon seit langem für eine besonders engagierte Kulturarbeit steht, sondern auch, weil Mahler, ein gläubiger Protestant, die graphische Außendarstellung der Kirche entscheidend geprägt hat. Die Schau ist in Zusammenarbeit mit dem „feinkunst“-Verein entstanden, der nach Mahlers eigenem Etikett für sein Schaffen benannt ist und sich um den Nachlass kümmert.

Unmöglich können hier sämtliche Facetten des Künstlers zur Geltung kommen: Mahler war in der Zeichnung ebenso tätig wie in der Fotografie, in der Performance wie in der Malerei; auch digitale Medien hat er schon frühzeitig eingebunden und mit dem „Mahlerwear“ sogar eine sehr verspielte Modelinie kreiert. Die Auswahl in der Markuskirche wird ihm gleichwohl sehr gerecht.

Wer mit diesem Werk nicht vertraut ist und einen schnellen Überblick bekommen möchte, sollte vielleicht mit einem Abstecher in die Kapelle links neben dem Altar beginnen. Hier sind unter anderem 32 Arbeiten auf Papier zu sehen, entstanden in einem Zeitraum von rund 20 Jahren und mit all der Mahler-typischen Charakteristik, die zeigt, dass sich Leichtigkeit und Tiefsinn keineswegs ausschließen müssen. Mal zeigt ein Blatt eine Reihe bunter Wimpel mitsamt dem Wörtchen „joy“, mal verweisen Totenschädel und Würfel auf die klassische Vanitas-Symbolik. Auch für das Bizarre hatte der Künstler ein Händchen, wie etwa die Zeichnung „Sprout“ beweist, auf der eine Figur mit der Pflanzenwelt zu verschmelzen scheint.

Kritische Untertöne fehlen ebenfalls nicht: Blasiert grinsen zwei schick gekleidete Skifahrer den Betrachter an – Sinn für Höheres scheint das Paar nicht zu haben, jedenfalls schenkt es dem Kruzifix über seinen Köpfen keinerlei Beachtung.

Die Arbeiten sind in der gesamten Kirche verteilt, die beim Eingang ausliegende Übersicht ist hilfreich. Mutig haben die Ausstellungsmacher auch neben das große Altarkreuz Arbeiten platziert: Links symbolisiert ein beladenes Auto, ebenso wie die Fahrerin mit Stricken umwickelt, Schwere und Hemmung, rechts verkörpert ein Astronaut gegenteilige Assoziationen. Und abgründig konnte Mahler ebenfalls sein: Eine Fotoarbeit aus der Serie „Frauen im Freien“ zeigt eine Dame in Rückenansicht vor einer leicht abstrakt wirkenden Landschaft – das erinnert an Caspar David Friedrich, bis der Blick auf das Beil in der Hand fällt und alsbald sämtliche romantischen Gefühle verschwinden.

Hannes Malte Mahler war bei allem Selbstbewusstsein ein uneitler und sehr großzügiger Künstler, der unablässig produzierte und seine Werke zuweilen aus einer Laune heraus verschenkte. An Stoff für viele weitere Ausstellungen dürfte es somit nicht mangeln – zum Glück.

Von Jörg Worat

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