Konzert

Mutige Abschlussaufführung in Hannover

Die Niedersächsische Musiktage haben mit den Konzert „Die im Dunkeln hört man doch“ in Hannover geendet.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 01. Okt. 2019 | 08:21 Uhr
  • 10. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 01. Okt. 2019 | 08:21 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Hannover.

51 Konzerte an 43 Orten: Bei den „Niedersächsischen Musiktagen“, die jetzt zu Ende gegangen sind, ist alles eine Nummer größer. So auch das Abschlusskonzert im hannoverschen Opernhaus, das vier Stunden dauerte – selbst wenn man die Zeit für die Reden und die langen Umbaupausen abzog, kam eine beachtliche Netto-Spielzeit zustande.

Mit dem mysteriösen Titel „Die im Dunkeln hört man doch“ war der Abend überschrieben, der einmal mehr das Festival-Motto „Mut!“ aufgriff. Bei der Präsentation von Michael-Nyman-Stücken, komponiert für Peter Greenaways Film „Prospero’s Books“, zeigte das Gesangstrio schauspielerische Einlagen – es entzündete Kerzen, wandte sich mit verschränkten Armen den Musikern des Niedersächsischen Staatsorchesters zu oder setzte Brillen auf. Musikalisch ging’s in Richtung bewährter Minimal-Ströme, die insbesondere die beiden Sängerinnen mit klarer Akzentuierung zu veredeln wussten.

Das Zentrum des Abends bildete Julia Wolfes mit dem Pulitzer-Preis bedachtes Oratorium „Anthracite Fields“. Es handelt von den menschenverachtenden Bedingungen, unter denen um 1900 Minenarbeiter in Pennsylvania tätig waren, und streift durch vielerlei musikalische Genres. Die renommierten New Yorker „Bang on a Can All-Stars“, Interpreten bei der Uraufführung im Jahr 2014, brachten ein Instrumentarium mit, das auch Speichenräder oder E-Gitarre umfasste, und steigerten nach etwas akademisch-unterkühltem Einstieg die Intensität deutlich, drifteten mal in hypnotische Passagen und rockten mal kräftig los.

Ohne den fantastischen NDR-Chor und die konzentrierte Gesamtleitung von Ralf Sochaczewsky wäre das alles aber verlorene Liebesmüh gewesen, und die dokumentarischen Filmsequenzen setzten noch eins drauf: Viel Beifall für eine in der Tat mutige Aufführung. Die allerdings für alle Beteiligten recht anstrengend gewesen war, und insofern wird wohl weniger Missfallen der Grund dafür gewesen sein, dass in der folgenden Pause etliche Besucher von dannen zogen, als vielmehr leichte Erschöpfung.

Besonders schade für das Quartett des Bandoneonisten Daniele di Bonaventura, das zum Abschluss Protest- und Widerstandslieder aus unterschiedlichen Ländern in ein jazziges Gewand kleidete – Müdigkeit hin oder her, am Schluss hatte sich ein Großteil des Publikums jubelnd von den Sitzen erhoben. Und wäre an diesem Abend ein Sonderpreis vergeben worden, so hätte ihn sich Schlagzeuger Alfredo Laviano verdient: Es kommt bei der Rhythmusarbeit eben nicht auf Zauberkunststückchen an, sondern auf den richtigen Groove.

Die 34. Ausgabe der „Niedersächsischen Musiktage“ vom 27. August bis 29. September 2020 findet unter dem Motto „Rituale“ statt.

Von Jörg Worat

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