Im Ballhof 2

Ursachen und Folgen von großer Wut

Einen Kuschelkurs fährt das „Junge Schauspiel“ des hannoverschen Staatstheaters nicht. Die jüngste Premiere erwies sich gar als knallharter Stoff.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 17. Nov 2019 | 15:36 Uhr
  • 10. Jun 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 17. Nov 2019 | 15:36 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Hannover.

„Wut“, sagt die junge Frau auf der Bühne irgendwann. „Meine ist so groß, dass sie nicht in mich hineinpasst.“ Davon, welche Ursachen und welche Folgen diese Wut hat, erzählt Fatma Aydemirs Roman „Ellbogen“. Diese Theaterfassung für Menschen ab 14 Jahren ist eine Übernahme vom Jungen Schauspielhaus Hamburg und verbleibt im Hannover-Repertoire.

Giftige Blicke in die Besucherschar

Sie tigert schon auf der Bühne des Ballhof Zwei herum, wenn das Publikum den Zuschauerraum betritt, und schickt giftige Blicke in die Besucherschar: Hazal, so erfahren wir, nachdem alle sich gesetzt haben, will uns ihre Geschichte erzählen. Der Bühnenboden ist mit einer Art Asche bedeckt, im Hintergrund sieht man zwei große Ballons in Form der Zahl 18 – sie sind goldfarben, verheißen Glanz und Freiheit.

Blöde Anmacher-Sprüche

Um so trauriger, dass sie hier das genaue Gegenteil symbolisieren. Hazal wächst mit ihren türkischen Eltern in Deutschland auf und hat keine echte Chance, weder auf einen interessanten Beruf noch auf ein Privatleben, das diesen Namen verdient. Könnte sich mit dem 18. Geburtstag etwas ändern, zumal Hazal nach harten Kämpfen die Erlaubnis bekommt, die feierliche Nacht außerhalb zu verbringen? Mit zwei Freundinnen zieht sie los – nur um nach langem Schlangestehen vor einem angesagten Club an der Tür abgewiesen zu werden. Das wütende Trio begegnet in der U-Bahn-Station einem Studenten, der genau so besoffen ist und blöde Anmacher-Sprüche loslässt. Nach einem Handgemenge landet er auf den Schienen der Bahn – die Auseinandersetzung ist eine tödliche geworden.

Hazal kennt nur ihre Wut

Hazal flieht nach Istanbul zu ihrem Internetfreund Mehmet, der sich allerdings als drogensüchtig entpuppt, und wird zudem, in politischer Hinsicht völlig naiv, mit Konflikten ganz anderer Art konfrontiert. Wie gut, dass es in Deutschland noch die verständnisvolle Tante gibt, die prompt in die Türkei fliegt. Und just an dieser Stelle verweigert die Autorin eine wohlfeile Pointe: Hazal ist nämlich weit davon entfernt, so etwas wie Reue zu empfinden. Sie kennt nur ihre Wut.

Das ist spannend, aber nicht ganz unproblematisch. Welches Gefühl soll man, kann man der Protagonistin entgegenbringen? Sicherlich kein uneingeschränktes Verständnis, vielleicht so etwas wie Mitleid. Also genau das, was Hazal nicht will.

Katherina Sattler phänomenal

Eine Gewissheit hat man an diesem Abend allerdings: Was Solo-Darstellerin Katherina Sattler da unter der Regie von Alexander Riemenschneider zeigt, ist phänomenal. In Sekundenschnelle wechselt sie Sprach- und Körperhaltungen, bleibt vor allem knapp anderthalb Stunden lang ohne Zittern und Zagen im Fluss der Geschichte – ihre Nominierung für den renommierten Theaterpreis „Der Faust“ war mehr als verdient.

Von Jörg Worat

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