Ballett

Stürmischer Applaus für Premiere von „Nijinski“

Mit "Nijinski" fand die erste abendfüllende Choreographie des neuen Ballettdirektors Marco Goecke in Hannover statt.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 17. Dec 2019 | 10:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 17. Dec 2019 | 10:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Hannover.

Hannovers Tanzgemeinde wird sich umstellen müssen. Und ist offenbar bereit dazu – diesen Schluss könnte man zumindest aus dem stürmischen Applaus ziehen, der im Opernhaus nach der Premiere von „Nijinski“ erklang. Das Stück, 2016 in Stuttgart uraufgeführt, war die erste abendfüllende Choreographie des neuen Ballettdirektors Marco Goecke in Hannover.

Kostüme und Requisiten kommen sehr reduziert dahe

Vorbei die Zeit, da sein Vorgänger Jörg Mannes mit süffigen Handlungsballetten punktete, die vor allem in der letzten Zeit gern mit opulenten Bühnenbildern gekoppelt waren. Ein solches gibt es bei „Nijinski“ nicht, genau genommen gibt es überhaupt keins: Getanzt wird auf einem hellen Karree; Abwechslung entsteht durch teils recht abrupt wechselnde Lichtstimmungen, und wenn gegen Ende ein Sessel auf die Bühne geschoben wird, ist das schon das höchste der Gefühle. Auch Kostüme und Requisiten kommen sehr reduziert daher: hier ein Hut, da ein Stock, dort ein paar Streichhölzer.

Geschichte des legendären Tänzers Waslaw Nijinski

Dadurch rücken die Körper und deren Expressivität besonders in den Vordergrund. Erzählt wird zu live vom Niedersächsischen Staatsorchester gespielten Chopin- und Debussy-Klängen die Geschichte des legendären Tänzers Waslaw Nijinski, und schon gilt es wieder eine Einschränkung zu machen: „Erzählen“ im Sinne eines klassischen Stationendramas ist Goeckes Sache nicht – es ist sicherlich hilfreich, wenn man die Biographie Nijinskis wenigstens in groben Zügen kennt.

Stampfender Rhythmus

Typische Stilmerkmale des Choreographen kommen hier zum Tragen. Der Oberkörper mit nervösen Bewegungen der Arme und flatternden Hände wird stark betont, der Tanz wirkt oft manisch und scheint zuweilen nachgerade beliebig zu werden, bis sich herausstellt, dass jedes Element sehr bewusst gesetzt ist. Als Beispiel möge eine Szene dienen, in der Nijinski wutentbrannt herumzutrampeln beginnt – die beiden Kollegen, die sich ihm zugesellen, stampfen in eben demselben Rhythmus. Liebhaber von ausgefeilten Boden- oder Hebefiguren kommen an diesem Abend nicht auf ihre Kosten. Hier und da werden ein paar Schnipsel von klassischem Ballett eingebaut, die vor allem Nijinskis Werdegang spiegeln sollen. Mit der zunehmenden Umnachtung des Tänzers werden die Bewegungsformen noch verzerrter, als sie ohnehin schon sind.

Chance auf neue Abonnenten

Das Ensemble muss hier mächtig schuften, zumal die Anforderungen auch Lautäußerungen vom Keuchen bis zum Schrei einschließen. Am meisten gefordert ist natürlich Rosario Guerra in der Titelrolle, und es gelingt ihm eindringlich, das Bild eines Getriebenen zu zeichnen. Neben ihm steht vor allem Conal Francis-Martin als ebenso eitler wie kontrollsüchtiger Impresario Djagilew im Mittelpunkt. Ein anstrengender Abend also für die Tänzer, für das Publikum indes nicht minder. Ein paar Abonnenten dürfte Goecke wohl verlieren, aber die Chancen stehen recht gut, dass auch ein paar neue hinzukommen – es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass sich die Tanzstadt Hannover neu erfindet.

Von Jörg Worat

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