Hannover

Ausstellung über „Kleine Geschichte(n) der Fotografie (#1)“ im Sprengel Museum

Diesen Titel muss man etwas genauer lesen: „Kleine Geschichte(n) der Fotografie (#1)“ heißt eine neue Ausstellung im Sprengel Museum. Der Plural deutet schon an, dass es hier gerade nicht um einen allgemeingültigen Abriss der Lichtbild-Historie vom 19. Jahrhundert bis heute geht. Und die Nummerierung verweist auf eine geplante Fortführung des Konzepts in weiteren Präsentationen.</p>

  • Von Cellesche Zeitung
  • 26. Juni 2018 | 16:38 Uhr
  • 10. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 26. Juni 2018 | 16:38 Uhr
  • 10. Juni 2022
Anzeige
Hannover.

Die Auftakt-Schau ist in sechs Themengebiete aufgeteilt, deren Auswahl, wie Kurator Stefan Gronert freimütig einräumt, durchaus subjektiv ist: „Außerdem haben wir uns auf die Zeit ab den 1970er Jahren konzentriert, weil das quasi einen Wendepunkt in der Akzeptanz der künstlerischen Fotografie darstellte.“ Es sind vergleichsweise wenige, dafür um so prägnantere Exponate zu sehen, teils von Stars der Szene, teils unbekanntere Positionen.

Gleich der erste Raum widmet sich mit der Abstraktion dem vielleicht elementarsten Thema überhaupt – kann Fotografie nicht überhaupt nur abbilden, was da ist, mithin kaum abstrahieren? Das darf man so nicht stehen lassen. Die quietschbunten Wirbel von Thomas Ruff etwa beruhen auf digitalen Bearbeitungen von Farbwerten aus japanischen Manga-Comics, die der Künstler dann auf Fotopapier abzieht – mit dem klassischen Verständnis von Fotografie hat das dann allerdings nicht mehr viel zu tun. Die US-Amerikanerin Barbara Kasten wiederum lichtet selbstgebaute Szenarien mit starker geometrischer Betonung ab und erzeugt dabei ein eigenartiges Raumgefühl zwischen Zwei- und Dreidimensionalität. Das erinnert an die konstruktivistischen Bildfindungen von El Lissitzky in den 20er Jahren – sehr spannend.

Ein anderer Komplex ist dem Thema „Blick“ gewidmet, und natürlich gibt es auch hier muntere Verwirrspiele. So mutet die Fotografie eines isolierten Glasauges von Claus Goedicke höchst sonderbar an. Irritierend auch das Selbstporträt der Italieners Giuseppe Penone, der die Vorstellung vom „Auge als Spiegel der Seele“ gründlich aushebelt, indem er sich reflektierende Kontaktlinsen einsetzt.

„Weiblicher Körper“ heißt ein dritter Raum, der durchweg ungewöhnliche Blickwinkel bietet. Hier ist unter anderem ein Klassiker von Lynda Benglis aus dem Jahr 1974 zu sehen: Als die US-Amerikanerin von den Machern des Magazins „Artforum International“ zwecks Illustration eines Artikels um ein Porträtfoto gebeten wurden, reichte sie eine Nacktaufnahme mit Sonnenbrille und Riesendildo ein. Die Redaktion wies dies entrüstet zurück – als aber eine Werbeanzeige mit eben demselben Foto geschaltet wurde, gab es plötlich keine Einqände mehr.

Integraler Bestandteil der Ausstellung ist eine Homepage: Unter www.kleinefotogeschichten.de kann man sich zu Hause schon ein wenig auf die eigenwillige Präsentation einschwingen – einen Besuch ersetzt das allerdings nicht.

Von Jörg Worat

Von