Ausstellung

Sinn für Zwischentöne in Hannover

Die Foto-Ausstellung „Fred Stein. Dresden – Paris – New York“ ist bis zum 26. Januar im Sprengel Museum in Hannover zu sehen.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 24. Okt. 2019 | 13:27 Uhr
  • 10. Juni 2022
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  • 24. Okt. 2019 | 13:27 Uhr
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Hannover.

Den großen Boom bei der Foto-Kunst gab es in den 70er Jahren, und selbst dann verschafften sich immer noch Stimmen Gehör, die dieses Medium eher dem Bereich der Dokumentation zuordnen wollten. Das mag ein Grund dafür sein, dass Fred Stein (1909–1967) erst in jüngerer Zeit wiederentdeckt wird – das Sprengel Museum würdigt dieses vielseitige Werk nun mit einer Ausstellung.

Straßenszenen, eine Serie über spanische Flüchtlingskinder in Frank-reich, Porträts: Hier gibt es die unterschiedlichsten Facetten. Typisch ist dabei ein ausgeprägter Sinn für Zwischentöne – die Bilder sind oft einen Tick neben der üblichen Spur, können sogar leicht skurril werden, sind zuweilen mit einem Hauch von Melancholie versehen, aber auch mit hoffnungsvollen Elementen. Und stets frei von wirklich depressiver Wirkung.

Da sieht man einen Kreis strickender Frauen auf der Straße, merkwürdige Spiegelungen und Schatten am U-Bahn-Ausgang, eine verregnete Parade. Oder eine Dame, die sich zum Schutz gegen die Sonne eine gefaltete Zeitung über den Kopf gelegt hat. Und auch wenn die Abgelichteten nicht selten offenbar kein leichtes Leben haben, besticht Stein weit mehr durch Einfühlung als durch Anklage sozialen Ungleichgewichts.

Eine Leica zur Hochzeit

In Dresden als Sohn eines Rabbiners geboren und schon früh in der sozialistischen Jugendbewegung aktiv, absolvierte Stein zunächst ein Jurastudium und geriet dann ins Visier der Nationalsozialisten. Unter dem Vorwand, es handele sich um eine Hochzeitsreise, emigrierte er 1933 mit Ehefrau Lilo nach Paris. Ein Geschenk hatten sich die frisch Vermählten gegönnt: eine Leica. Die sollte, zusammen mit einer Mittelformat-Rolleiflex, die Steins auch begleiten, nachdem sie 1941 eines der letzten Schiffe Richtung USA erwischt hatten.

Fred Stein entwickelte sicheres Gespür für Menschen und Orte

Seine juristischen Kenntnisse nützten Fred Stein im Exil natürlich nichts. So kam er als Autodidakt zur Fotografie und entwickelte bald ein sicheres Gespür für Menschen und Orte, für den richtigen Moment. Die letzte Abteilung der Ausstellung ist den wohl bekanntesten Aufnahmen des Fotografen gewidmet, den Porträts. Manches Bild entspricht hier einigermaßen den Erwartungen: Otto Dix sieht hinreichend grimmig aus, Marc Chagall äußerst selbstbewusst. Aber auch in diesem Metier setzte Stein seine ganz eigenen Akzente, wenn er etwa die Traurigkeit in den Augen von Salvador Dali deutlich machte oder Le Corbusier mitten in der Bewegung einfing.

Nach heutigen Maßstäben politischer Korrektheit wirkt befremdlich, dass auffallend viele der Abgelichteten rauchen. Auch Hannah Arendt griff gern einmal zum Glimmstängel – dass von der aus Hannover gebürtigen Philosophin und Publizistin gleich vier Porträts zu sehen sind, ist nicht nur eine Verbeugung vor dem Ausstellungsort: Die Schau steht vielmehr im Zusammenhang mit den „Hannah-Arendt-Tagen“, die bis zum 27. Oktober laufen. Das Programm mit Lesungen, Vorträgen, Film und Theater ist unter https://www.hannover.de/Wirtschaft-Wissenschaft einzusehen.

Von Jörg Worat

Die Ausstellung ist bis zum 26. Januar im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, in Hannover zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags, 10 bis 20 Uhr, mittwochs bis sonntags, 10 bis 18 Uhr.

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