Hannover

Auf der Suche nach afroamerikanischen Wurzeln

An einer Wand hängen abstrakte Neonfiguren, gegenüber sind bedruckte Banner zu sehen, und mittendrin dreht ein hölzerner Ziegenbock mit einer Art Brautschleier auf Schienen lautstark seine Runden. Kein Zweifel: Es passt, dass gerade Theaster Gates den alle zwei Jahre vergebenen und mit 25.000 Euro dotierten Kurt-Schwitters-Preis der Niedersächsischen Sparkassenstiftung bekommen hat. Denn wie der hannoversche „Merz“-Künstler bedient sich auch der 44-Jährige aus Chicago aller nur denkbaren Medien – zu überprüfen bei seiner gestern eröffneten Ausstellung im Sprengel Museum.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 22. Juni 2018 | 09:56 Uhr
  • 10. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 22. Juni 2018 | 09:56 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Hannover.

Sie heißt „Black Madonna“, ebenso wie eine bereits laufende Schau in Basel und eine kommende in München. Alle drei Präsentationen kreisen um einen Themenkomplex, der über die gängige kunsthistorische Deutung der traditionellen Madonnenfiguren mit den dunklen Gesichtern hinausreicht: Gates geht es durchaus ums Hier und Jetzt – schwarze Frauen seien die Retter, sagt er, während weiße Männer den Ruhm einheimsen wollten.

So begibt sich der gelernte Städteplaner und Töpfer auf die Suche nach afroamerikanischen Wurzeln und beleuchtet den gesellschaftlichen Umgang damit. Auf einem Banner ist Coretta, die Ehefrau von Martin Luther King zu sehen, ein anderes zeigt die Sängerin und Schauspielerin Eartha Kitt. Mehrere Drucke verweisen auf die Zeitschrift „Jet“, die sich ab 1951 explizit an ein afroamerikanisches Publikum wandte. Ein Exponat zeigt auf einem Regal gebundene Exemplare, die wie Gebetsbücher aussehen. Nebenan läuft ein Video, das Gates beim Singen zeigt.

Und die Ziege? Zum einen denkt der Künstler dabei an den sprichwörtlichen Sündenbock – auf Englisch „scapegoat“ –, zum anderen will er auf die weitverbreitete, aber fragwürdige Vorstellung hinweisen, die Freimaurer hätten einst bei ihren Aufnahmeritualen den Ritt auf einem solchen Bock verlangt. Jene Freimaurer, die von der Tradition her ein Bund weißer Männer sind.

Die Neonarbeiten mit ihrer sonderbaren Ästhetik wiederum sind gar keine freien Ab-straktionen, sondern beziehen sich auf Infografiken aus Schrif-ten von W. E. B. Du Bois (1868 bis 1963), der schon früh in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung tätig war. Dieser Bezug wird allerdings ohne entsprechenden Hinweis nicht deutlich – überhaupt darf man hier nicht damit rechnen, dass sich sämtliche Exponate sofort erschließen.

Theaster Gates hat übrigens in Chicago und auch auf der Kasseler documenta 13 Helfer mobilisiert, um verfallene Häuser wieder zu sozialen Treffpunkten zu machen. Und damit wären wir einmal mehr bei Schwitters: Wenn alle Grenzen fallen, dann bitte auch diejenige zwischen Kunst und Leben.

Von Jörg Worat

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