Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
weitere Themen Lieber erschossen als zurück in die DDR
Thema weitere Themen Lieber erschossen als zurück in die DDR
13:15 13.06.2010
Gisela Steinhart
Gisela Steinhart Quelle: Isabell Prophet
Celle Stadt

„Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise...“ Weiter kam Hans-Dietrich Genscher an jenem schicksalhaften Abend nicht. Die Flüchtlinge, die in der deutschen Botschaft in Prag versammelt waren, brachen um 18.58 Uhr in lauten Jubel aus. Endlich durften sie in die Bundesrepublik Deutschland einreisen, endlich würden sie frei sein. Gisela Steinhart kellnerte zu dieser Zeit in einer kleinen Gaststätte in Strahlsund und erfuhr die Neuigkeit nur wenige Augenblicke später. „Sieh zu, dass du weg kommst“, sagte ihre Kollegin mit ernstem Gesichtsausdruck. Und Gisela erkannte, dies könnte vielleicht die einzige Chance sein, die sie jemals bekommen würde.

„Ich wollte weg“, erinnert sie sich. In ihrer Wohnung stand bereits die gepackte Reisetasche, das Auto war verkauft, alles Geld flüssig gemacht. „Die hatten mir mir keine Ausreisegenehmigung erteilen wollen, dafür arbeitete ich wohl zu gut“, mutmaßt sie heute. Für die Flucht war schon alles bereit. Am folgenden Tag hätte sie gehen wollen, „ohne Plan, egal wie.“ Genschers Worte lösten das Problem.

Gisela läuft nach Hause, klingelt Sturm bei den Nachbarn. Die haben ihr Auto gekauft, jetzt brauchte sie Hilfe. „Du kriegst 1000 Mark von mir, wenn du mich nach Prag fährst“, sagte sie zu ihrem langjährigen Freund und Nachbarn Michael. Der war erstmal gar nicht begeistert, willigte aber trotzdem ein. Um 23 Uhr am selben Abend machten sie sich auf den Weg, sie fuhr das Auto, Michael schlief neben ihr.

Um sechs Uhr erreichten sie endlich den Grenzübergang bei Bad Schandau hinter Dresden. „Wir fahren in den Urlaub“, sagte Gisela frech, „nach Teplitz!“ Glaubwürdig fand sie das selber nicht, aber die beiden hatten Glück: Die Grenzbeamten ließen sie passieren und drei Stunden später erreichten sie schließlich Prag.

Immer wieder fragt Gisela Passanten nach dem Weg zur deutschen Botschaft: „Die haben sich dann umgedreht und sind einfach weggelaufen“, berichtet sie kopfschüttelnd von den Reaktionen. Die Tschechen waren schon vorgewarnt worden, sich bloß nicht mit deutschen Flüchtlingen einzulassen. Auf diese Art kam Gisela bei ihrer verzweifelten Suche nicht weiter – bis sie sich mit einem Mal zwischen vielen verstaubten Autos wiederfand. Autos mit deutschem Kennzeichen. Sie war auf dem richtigen Weg. Dann sah sie ein junges Paar vorbeigehen, mit Reisetaschen beladen. „Gehen Sie zur Botschaft?“, fragt sie aus dem Autofenster heraus, „würden Sie mich mitnehmen?“ Die beiden willigten gerne ein und so war für Gisela und Michael der Zeitpunkt des Abschieds gekommen. Mit Tränen in den Augen umarmten sie sich ein letztes Mal, dann holt Gisela ihre Tasche aus dem Kofferraum und läuft dem Paar hinterher.

Kurze Zeit später standen sie endlich vor der Prager Botschaft – doch die Türen waren verschlossen. „Wir wussten nicht, was wir tun sollten“, erinnert sich Gisela, die mit etwa 200 anderen Männern, Frauen und Kindern auf dem Boden vor dem Gebäude saß: „Wir wussten nur, wir müssen da rein.“

Und endlich kamen sie dann auch rein. Gegen 13 Uhr öffneten sich die Tore der Botschaft, Gisela und ihre Begleiter betraten den Innenhof: „Das sah vielleicht aus!“ Man hatte Etagenbetten aufgestellt – jeweils vier Menschen schliefen übereinander. Darüber waren Zelte errichtet, um die Flüchtlinge vor Regen zu schützen. Dennoch war der Boden mit Matsch überzogen.

Sie kam in Zelt Nummer sieben. Hier lagen überall fremde Kleidungsstücke und Essensreste. Die Neuankömmlinge räumten erstmal auf. Viel nutzte es nicht, ständig kamen mehr Leute an. Viele mussten auf dem kalten, harten Steinboden schlafen. Auch Nachts kehrte keine Ruhe ein: „Die Kinder weinten viel“, denkt Gisela zurück, „und dauernd bellten die Hunde.“ Immer wieder versuchten weitere Flüchtlinge, über den hohen Zaun der Botschaft zu gelangen. „Wir sollten nicht zu nahe an den Rand gehen“, erinnert sie sich schaudernd an die Warnungen der Deutschen, „die Tschechen würden auch schießen.“

Wenige Tage später konnten sie ihre Zuflucht endlich verlassen und sich auf den Weg in die Bundesrepublik machen. Schon am 9. Oktober 1989 kommt sie in Hermannsburg an, verbringt einige Zeit in der dortigen Mission, bevor sie ihr neues Leben in Celle beginnen kann.

Erich Honnecker bot den Flüchtlingen damals übrigens noch an, straffrei in die DDR zurückzukehren. Doch Gisela Steinhart wollte auf keinen Fall zurück: „Niemals. Und wenn sie mich jetzt erschießen, zurück gehe ich nicht.“

Ihre Geschichte: Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt? Sind Sie selbst aus der DDR geflohen? Welches emotionale Erlebnis verbinden Sie mit dem Mauerfall? Wir freuen uns, wenn wir mit Ihnen

ins Gespräch kommen. Sie er­reichen uns per E-Mail redaktion@cellesche-zeitung.de, per Fax (05141) 990112 oder an

Cellesche Zeitung

Stichwort „Mauerfall“

Bahnhofstraße1–3

29221 Celle.

Von Isabell Prophet