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weitere Themen Eindrücke eines Garßeners nach der Wende
Thema weitere Themen Eindrücke eines Garßeners nach der Wende
15:00 13.06.2010
Dr. Kurt Menzel
Dr. Kurt Menzel Quelle: Isabell Prophet
Garßen

„Magdeburski Polygon“ stand auf einem der unzähligen Propagandaschilder am Truppenübungsplatz, als Kurt Menzel 1991 zum ersten Mal seine neue Wirkungsstätte in Ostdeutschland betrat. Die Grenzposten „Magdeburger Vielecks“ waren verlassen, die Soldaten, auf der Suche nach Asyl, längst in den Westen geflohen. Am Rande des riesigen Geländes erwartete ihn nahezu unberührte Natur, doch je weiter er ins Innere vordrang, desto mehr wurde ihm das Ausmaß der 55-jährigen Nutzung durch sowjetische Truppen bewusst: „Der Platz war zur Hälfte nur noch eine Mondlandschaft“, fasst er seinen ersten Eindruck in Worte.

Menzels Aufgabe war es nun, den vollkommen zerbombten Truppenübungsplatz, den die Deutschen schlicht in „Altmark“ umtauften, wieder unter ökologische, aber auch forstwirtschaftliche Verwaltung zu stellen. Nach der Wende wollte die Regierung auch in Ostdeutschland staatliche Forstämter aufbauen, dafür waren Fachkräfte aus dem Westen notwendig. Menzel war damals Forstdirektor im Forstamt Sieben Steinhäuser am Truppenübungsplatz Bergen und wurde gebeten, die jungen Kollegen in Gardelegen auszubilden. Somit war er auch für die Pflege des Truppenübungsplatzes zwischen Magdeburg und Gardelegen verantwortlich. Keine leichte Aufgabe, denn Wilderei stand auf der Tagesordnung und von nachhaltiger ökologischer Flächennutzung hatten die Sowjetstreitkräfte nicht viel gehalten.

„Da war so viel Müll auf den Plätzen“, erinnert sich der Garßener, „die Russen haben überall ihren Schrott abgeladen“. Viele Bilder hat er in dieser Zeit gemacht, die meisten zeigen ein Bild der Verwüstung. „An einer Stelle fuhren öfters Panzer durch, die Furche wurde tiefer und tiefer, bis sie sich mit Wasser füllte und unpassierbar wurde“, erzählt Menzel: „So entsteht ein Biotop!“ So entstanden auch wunderschöne, idyllische Orte, in denen sich die Natur frei entfalten konnte.

Auch die Offiziere der deutschen Bundeswehr waren gespannt auf den Truppenübungsplatz der Sowjetarmeen: „Die durften da natürlich nicht drauf“, erläutert Menzel, „und ein General schon gar nicht!“ Trotzdem: Die Neugierde war groß. So überlegte sich Menzel für einen befreundeten General eine Täuschung: „Ziehen Sie sich einen normalen Straßenanzug an“, sagte er damals zu ihm, „dann fahren wir mal über den Platz“. Wenige Tage später ging es endlich los, in einem russischen Jeep fuhr er mit seinem Gast über das Gelände. Auch sensible Übungsstätten blieben dabei natürlich nicht außen vor – bis plötzlich der russische Kommandant hinter ihnen auftauchte. Zu dem hatte Menzel zwar ein gutes Verhältnis, doch blindes Vertrauen herrschte längst nicht zwischen den beiden Männern. „Was ist das für ein Mann?“, wollte der Kommandant von ihm wissen. Dem Forstdirektor schlug das Herz bis zum Hals, ohne eine gute Erklärung wären sie verloren. „Ein Waldarbeiter, der die Zeit vergessen hat“, sagte Menzel in seiner Not, „jetzt muss ich ihn zu den anderen nach Letztlingen bringen.“ Ob der Kommandant ihm geglaubt hat, weiß er bis heute nicht. „Fahrt weiter“, sagte der Russe damals nur, und ging zu seinem eigenen Fahrzeug zurück. Der General, der mit dem Schrecken davon gekommen war, stellte sich fortan nur noch als „der Waldarbeiter aus Letztlingen“ vor.

Eines der größten Probleme, vor denen das junge Forstamt stand, war die Wilderei der russischen Soldaten: „Die waren so arm, dass sie selbst das unreife Obst von den Bäumen gegessen haben“, berichtet Menzel, „natürlich wurde auch viel gewildert“. Dagegen wollte er vorgehen, doch er wurde gewarnt: „Wenn Sie mir die Soldaten nennen, dann muss ich die nach Russland zurückschicken“, sagte ihm der Kommandant damals, „und dort stehen sie dann vor dem Nichts“. Und er machte dem Förster klar, dass ein Soldat, dem eine solch „dolle Strafe“ drohte, im Zweifelsfall lieber zur Waffe greifen würde, als die Rückkehr nach Russland zu riskieren. Menzel entschied sich daraufhin, die Wilderei lieber zu tolerieren – und erwischte kurze Zeit später auch den Kommandanten selbst.

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Von Isabell Prophet